Großzügigkeit und Fairness sind echter, als Zyniker glauben wollen

25. Dezember 2009, 13:39
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Forscher untersuchte Gehirnaktivität bei "prosozialen" Menschen und "Individualisten" - und fand keine Hinweise auf bewusste Unterdrückung von Eigensucht

Tokio - Großzügigkeit scheint doch mehr - und tatsächlich etwas ganz anderes - zu sein als die selbstdisziplinierende Unterdrückung des "natürlichen" Bedürfnisses, andere über den Tisch ziehen zu wollen. Masahiko Haruno von der Tamagawa University hat jetzt nachgewiesen, dass Großzügigkeit oder das Bedürfnis nach Fairness auf der Aktivierung eines Gehirnbereichs beruhen, der Intuition und Emotion kontrolliert. Details der Untersuchung wurden in "Nature Neuroscience" veröffentlicht.

Prosoziale Haltung

Neuropsychologen definieren "prosoziale" Menschen als jene, die es vorziehen zu teilen - und zwar gerecht. "Individualisten" definieren sie als jene, die vor allem auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Eine klassische Theorie geht davon aus, dass der Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen darin besteht, dass prosoziale Menschen ihre selbstsüchtigen Tendenzen mit Hilfe ihres präfrontalen Kortex aktiv unterdrücken. Haruno fragte sich jedoch, ob manche Menschen nicht eine "automatische" Aversion" gegen Ungerechtigkeit haben. Er scannte gemeinsam mit Christopher Frith vom University College London die Gehirne von 25 prosozialen Menschen und 14 Individualisten. Die Festlegung in diese Gruppen wurde zuvor mit Hilfe eines Standard-Verhaltenstests vorgenommen.

Die Scans wurden durchgeführt, während die Teilnehmer ihre Vorliebe für eine Reihe von Geldverteilungen zwischen ihnen selbst und hypothetischen anderen festlegten. Wie erwartet, bevorzugte die prosoziale Gruppe eine gerechte Aufteilung und die Individualisten eine, bei der sie das meiste Geld bekamen. Weniger vorhersehbar war, dass die einzige Gehirnregion, deren Aktivität sich bei den beiden Gruppen unterschied, die Amygdala war. Bei prosozialen Menschen erhöhte sich die Aktivität deutlich, wenn sie mit unfairen Geldverteilungen konfrontiert wurden. Je mehr ihnen die Verteilung widerstrebte, desto größer war laut Frith auch die Aktivität.

Die Amygdala neigt laut dem Wissenschafter dazu, ohne bewusste Gedanken. In Kombination mit der Tatsache, dass es keine unterschiedliche Aktivität im präfrontalen Kortex gab, liegt nahe, dass die Unterdrückungstheorie nicht ausgereift zu sein scheint. Um ihre Annahmen zu überprüfen, wiederholten die Wissenschafter den Test. Die Teilnehmer wurden ersucht, eine Gedächtnisaufgabe in der gleichen Zeit zu lösen. Es zeigte sich, dass die Gehirne der prosozialen Menschen noch immer auf unfaire Verteilungen reagierten, selbst dann, wenn die Gehirnbereiche, die für abwägende Vorgänge zuständig sind, mit anderen Aufgaben beschäftigt waren. Damit liegt nahe, dass sie keine eigennützigen Bedürfnisse unterdrückten.

Förderung möglich?

Carolyn Declerck, eine Neuroökonomin der Universiteit Antwerpen, erklärte laut "NewScientist", dass diese Ergebnisse mit ihren eigenen noch nicht veröffentlichten übereinstimmen. Prosoziale Menschen scheinen tatsächlich von einem nicht bewusst gesteuerten Moralgefühl angetrieben zu sein, alle bisherigen Tests und Scans hätten ergeben, dass diese Menschen wirklich "instinktiv" kooperieren. Haruno will in einem nächsten Schritt erforschen, wie es zu diesem Unterschied der Aktivität der Amygdala kommt. Teilweise sei er vermutlich genetisch, teilweise aber auch durch die Umwelt eines Menschen beeinflusst. Dabei spielten vor allem die Interaktionen während der Kindheit eine Rolle. Es sei denkbar, dass diese Aktivität gefördert werden könnte. Damit sollte eines Tages eine prosozialere Gesellschaft möglich werden. (pte/red)

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