Engel des Herrn

23. Dezember 2009, 18:11
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Eine Weihnachtsgeschichte von Barbara Frischmuth

Sie umarmten einander, dann stieg sie in ein Taxi. Evita reichte ihr die Reisetasche und schloss die Tür von außen. Feliz Navidad, Marieli! Sie winkte ihr, bis sie außer Sichtweite war.

* * *

Ihre Füße glitschten durch den sich auflösenden Schnee. Sie trug wasserdichte Stiefel und latschte absichtlich durch die Pfützen. Im Kielwasser ihrer Schritte bildete sich sogar ein wenig Schaum.

Eigentlich wollte sie den 18-Uhr-Zug erreichen, aber Evita hatte darauf bestanden, mit ihr noch über den Markt zu gehen, allein mache es ihr nämlich keinen Spaß. Es roch nach saurem Wein und Punschextrakt, und sie bemerkte, wie eine ältere Frau mit Ohrenschützern, den dampfenden Becher in der Hand, es einfach rinnen ließ und zwischen ihren Stiefeln ebenfalls Dampf aufstieg. Unten zischelte es leise und oben zerbröselte ihr die Stimme an einem Lied, dessen Text sie nicht mehr auswendig wusste.

Der Mann mit dem Filzhut und den violetten Backen, der neben der Frau stand, wich instinktiv einen Schritt zurück, während der junge Bursche im wattierten Anorak seinen Hund, der sofort zwischen den Stiefeln der Frau zu schnüffeln begann, an die kurze Leine nahm. Auch sie hatte plötzlich das Gefühl, dringend Wasser lassen zu müssen.

In diesem Jahr ähnelten die Lichterketten weißen Engelsflügeln, die geheime Nachrichten ins All schickten, während in den Schaufenstern hier unten das Märchenwaldmotiv in Grün und Silber vorherrschte. Frohbotschaft um Frohbotschaft löste sich von weithin sichtbaren Monitoren, die die Spendeneingänge für Licht ins Dunkel registrierten, während am Ende des Marktes gerade ein schmächtiger Tresen in die Knie ging, auf den zu viele mit Punsch abgefüllte Oberkörper einen letzten Halt zu finden versucht hatten.

Keinen Punsch, bitte, höchstens ein Glas Prosecco. Sie hielten auf einen stabiler wirkenden Tresen zu. Evita nahm sie beim Arm. Hier gibt es keinen Prosecco, Marieli, nur Punsch. Warum muss es ausgerechnet Prosecco sein?

Weil ich mich bei Punsch sofort anspeib. Evita seufzte. Dann gehen wir halt ins Café gegenüber. Ich möchte, dass du dich kurz mit mir hinsetzt und noch einmal überlegst, was du tust.

Da gibt es nichts zu überlegen.

Ganze Schwärme von Happy-Hour-Getriebenen fielen jetzt bei den Punschständen ein, und die Smalltalk-Partikel füllten die Mäuler der großen und kleinen Fische, sie brauchten nur mehr zu schlucken oder zu rülpsen. Das Café war so voll, dass sie sich nicht einmal wo dazusetzen konnten. Sie ging daher nur aufs Klo. Dann würde Evita sie eben bis zum Bahnhof begleiten.

Brauchst du nicht, echt nicht. Ich finde schon jemanden, der mir die Tasche in den Zug hebt. Sie umarmten sich und küssten einander mehrmals auf Wangen, Stirn und Mund, dann stieg sie in ein Taxi. Evita reichte ihr die Reisetasche und schloss die Tür von außen. Feliz Navidad, Marieli! Sie winkte ihr, bis sie außer Sichtweite war.

Wie Ochs und Esel

Als sie in Amstetten aus dem Zug stieg, nahm sie wieder ein Taxi. Die Reisetasche war zu schwer, um sie von der Bushaltestelle bis nach Hause zu schleppen. Hier lag mehr Schnee als in Wien, und es rieselte immer noch welcher nach, sodass der Taxifahrer die Scheibenwischer einschalten musste.

Wie Ochs und Esel standen Muttl und Joe wiederkäuend in der Küchentür, nachdem sie geläutet und dann mit ihrem eigenen Schlüssel aufgesperrt hatte. Essenszeit war längst vorüber, aber eine Schüssel mit Keksen stand noch auf dem Tisch.

Muttl war kleiner als sie, Joe größer. Muttl stammte aus der Zeit, als ein Freund ihnen erklärt hatte, dass das Mutti-Sagen erst in der Nazizeit aufgekommen war. Muttl war auch ein Zeichen dafür gewesen, dass sie erwachsen wurden oder glaubten, es schon zu sein.

Du hast nicht gesagt, mit welchem Zug du kommst, sonst hätte Joe dich ja holen können.

Joe hatte bereits die schwere Tasche geschultert und stemmte sie die Treppe zu ihrem alten Zimmer hinauf. Schon in der Schule hatten sie ihn Joe gerufen, weil Muttl ihn jahrelang im Sommer zu einer ehemaligen Schulfreundin nach England geschickt hatte, die in Yorkshire verheiratet war. Sie war auch geschickt worden, aber nur ein einziges Mal.

Gut schaust du aus. Sie glaubte im Blick ihrer Mutter sekundenlang ein großes Erstaunen zu bemerken, aber gleich darauf nahm Muttl sie in die Arme. Schön, dass du da bist. Du wirst sicher was essen wollen.

Sie konnte das Wasser nicht mehr halten und kam gerade noch bis ins Klo. Etwas drückte gegen ihre Blase. Sie erleichterte sich unter leisem Stöhnen und verspürte plötzlich Heißhunger. Sie wusch sich ausführlich die Hände und zog ihre Strickjacke zurecht.

Natürlich würde sie darüber reden müssen, aber zuerst wollte sie essen. Und trinken. Es war wichtig, dass sie genügend Flüssigkeit zu sich nahm. Und gleich morgen Früh musste sie sich die Haare waschen. Sie brachte einfach keine rechte Frisur mehr zustande.

Die Öhi war schon schlafen gegangen oder saß in ihrem Zimmer vor der einarmigen Madonna. Vor Jahren war sie ihr beim Abstauben vom Tisch gekippt, und der rechte Arm war abgebrochen. Das Kind hielt sie noch immer im linken, damit ihre Herzschläge es beruhigen sollten. Die Öhi hatte versucht, den Arm wieder anzukleben, aber er hielt einfach nicht. Irgendwann hatte sie es dann aufgegeben und den Arm der Madonna in die Krone gesteckt.

Die Öhi hatte immer schon wie ein Mann ausgeschaut, zumindest seit sie und Joe sie bewusst wahrnehmen und mit anderen Menschen vergleichen konnten. Sie trug das weiße borstige Haar kurz geschnitten und musste sich von Zeit zu Zeit die Barthaare auf dem Kinn und rund um die Lippen mit der Pinzette auszupfen. Damals, als Kinder, hatten sie damit begonnen, sie Öhi zu nennen, nach dem Großvater in den Heidi-Filmen.

Wenn die Öhi am Abend einmal in ihrem Zimmer war, kam sie auch nicht mehr heraus, döste, las Zeitung oder redete mit der Madonna, die sie gelegentlich mit Litaneien und Rosenkränzen zudröhnte und im Notfall damit auch erpresste.

Muttl brachte ihr einen Teller mit Rindsuppe, in der Frittaten, Fleischstückchen und jede Menge Schnittlauchröllchen schwammen. Sie verbrannte sich beinah den Mund, aber der Hunger war stärker, und ihr brach auf der Stelle der Schweiß aus.

Muttl schaute ihr noch immer ins Gesicht und nicht auf den Bauch.

Joe setzte sich neben sie und fragte, ob sie die Studienabschnittsprüfung bestanden habe. Sie nickte. Gerade halt. Muttl begann zu strahlen. Gratuliere. Und die Öhi wird sich erst freuen, wenn sie hört, dass das Geld, das sie dir jeden Monat schickt, auch was fruchtet.

Joe schüttelte leicht affektiert den Kopf. Wie kann man heutzutage noch Psychologie und Publizistik studieren. Da treten sie einen ja schon auf den Gängen tot, und fertig wird man eh nie. In der Betriebswirtschaft geht es inzwischen genauso zu. Du warst früher dran, dein Glück. Aber was hat's dir gebracht? Dass du jetzt halt bei den ÖBB vorm Computer sitzt. Es klang schärfer, als sie beabsichtigt hatte, und es tat ihr auch schon leid.

Jedenfalls habe ich einen Job, im Gegensatz zu anderen Leuten. Auch wieder wahr. Ihr Lachen sollte versöhnlich klingen

Muttl brachte ihr einen weiteren Teller Suppe mit Fleisch. Und rückte dann auch noch die Schüssel mit den Keksen vor sie hin. Nachdem sie ihr eine Weile beim Essen zugeschaut hatte, setzte Muttl das Überraschungsgesicht auf und zwinkerte ihr und Joe verschwörerisch zu. Sie würden doch noch einiges zu besprechen haben, wegen morgen.

Plötzlich spürte sie unter dem Tisch Joes Hand auf ihrem Bauch. Sag bloß ... Ja, ja, Muttl, meinte sie wie beiläufig, wir haben noch so einiges zu besprechen, Länge mal Breite mal Höhe ...

Dann geh ich jetzt ins Wohnzimmer. Offenbar wollte Muttl es nicht sehen. Zumindest nicht an diesem Abend. Sie schaut sich jede Folge von Dr. House an. Da bleibt keine Zeit für Verkündigungen. Joes Hand streichelte noch immer ihren Bauch, als könne er nicht glauben, was er bereits begriffen hatte. Krass ...! Die längste Zeit hat niemand was bemerkt.

Weil du einem noch immer wie ein Kind vorkommst. Eine richtige Schmalgeiß ... hörst du, du musst mehr essen. Ich kann nicht mehr im Studentenheim bleiben. Evita hat mir beim Packen geholfen. Die Bücher schickt sie mir mit der Post. Dr. House war zu hören, wie er mit seinem Stock gegen einen Türrahmen oder sonst was Kompaktes schlug.

Gehen wir doch zu uns rüber, Angelo wartet schon. Sie war so voller Suppe, dass sie schon wieder Harndrang verspürte. Ich komme nach.

Joe hatte vor einigen Jahren den ans Haus anschließenden ehemaligen Stall ausgebaut, der schon seit ewig leerstand. Angelo war offiziell der Mieter, dem Muttl jeden Monatsersten mit Begeisterung die Miete abknöpfte, und zwar in bar. Keiner wusste, was sie mit dem Geld anstellte, das sie an ihrem Gehaltskonto vorbei in ihre Tasche schleuste. Offenbar war das für sie der verlässlichste Beweis, dass ihr Sohn zwar neben, aber nicht mit Angelo zusammenlebte. Sie war früher Lehrerin gewesen und arbeitete nun im Tourismusbüro der Stadt, wo sie für die Bewerbung von eventuellen Sehenswürdigkeiten zuständig war.

Angelo hatte sich in der alten Sommerküche eine Tapeziererwerkstatt eingerichtet und fertigte hippe Sessel und Stühle an, die vor allem bei jungen Leuten angesagt waren.

Als sie sich im Badezimmer in den Vergrößerungsspiegel schaute, fiel ihr auf, wie aufgesprungen ihre Lippen schon wieder waren. Sie nagte die Hautfetzen ab, so gut es ging, rubbelte die Reste mit dem Frotteehandtuch weg und zog ihre Lippen mit einem rosa Stift nach.

Die Tür zum Appartement, so wurden die Stallzimmer genannt, stand offen. Angelo kam ihr entgegen, umarmte sie und griff ihr dann ebenfalls an den Bauch. Plötzlich fiel er vor ihr auf die Knie. Madonna mia! Sie hatte sich im Badezimmer die Jacke aufgeknöpft, und jetzt war eine winzige, bewegliche Faust durch ihr Kleid hindurch zu sehen. Angelo zog ihre Spur mit lauter kleinen Küssen nach.

Du spinnst doch!

Hör auf, du erschreckst sie noch beide. Joe wirkte neben Angelo immer ein wenig hausbacken. Möchtest du etwas trinken, Marieli? Ein Glas Prosecco, wenn's geht. Und das schadet - Joe zeigte auf ihren Bauch, ohne ihn zu benennen - nicht? Mein Gott, glucken kannst du, wenn es das Küken gibt. Sie setzte sich in den bequemsten der Angelo-Fauteuils, stützte den Rücken an der einen Armlehne auf und schob die Beine über die andere.

Im Sommer war noch gar nichts zu sehen. Joe reichte ihr das Glas mit Prosecco. Wetten, du hattest noch nicht einmal Brüste. Angelo kniff die Augen zusammen, na ja, du hast wirklich nicht viel zugelegt, weder oben noch unten.

Meine Fettreserven sind im Hirn, wo sie gebraucht werden. Übrigens, die Öhi hat es schon im Sommer kapiert und mich schwören lassen, dass ich zu niemandem was sag. Sie imitierte Öhis Tonfall: Die zerreden dir sonst noch meinen Urenkel, um den ich die Madonna schon seit Jahren angeweint hab.

Angelo schien gerührt. Gib zu, du hast dabei an uns gedacht ... und damit ihn die Rührung nicht übermannte, begann er den Maria-Song aus der Westside Story zu schmettern. Du spinnst doch! Sie erinnerte sich dunkel, dass sie vor zwei Jahren einmal darüber gewitzelt hatten, dass die beiden sich bei ihr ein Kind bestellen würden, wenn man sie keines adoptieren ließe.

Gibt es auch so etwas wie einen Joseph in der Geschichte? Joe hatte sein und Angelos Glas ebenfalls vollgeschenkt und sie prosteten sich alle drei wortlos zu. Joseph? Was meinst du mit Joseph? Egal: Who-dun-it ...? Sie ließ ihre Beine über der Lehne baumeln. Weiß ich nicht. Was heißt ...? Joe und Angelo ermittelten synchron.

Und da versuchte sie, ihnen zu erklären, dass ihr nur die Erinnerung an ein übermäßiges Wohlsein geblieben war, in dem sie sich beinah aufgelöst hätte, und dass sie nachts noch davon träume. Aber die Details habe sie nicht mehr im Kopf. Nur dieses Gesicht, aber auch da nicht so sehr das Gesicht als den Ausdruck vollkommener Hingabe. So als habe sich jemand zum ersten Mal auf diese Welt und auf sie als Teil dieser Welt eingelassen, mit einer Liebe, in der zwar sie, aber die in ihr nie und nimmer Platz gefunden hätte, und wenn doch, dann würde sie sie gesprengt haben.

Joe war sogleich um eine Auflösung der Heilsbotschaft bemüht. Das heißt, du warst betrunken oder bekifft und hast dich von einem Engel ficken lassen. Zwei Achtel Weiß und ein Joint haben mir noch nie das Bewusstsein getrübt.

Weißt du wenigstens, wo es passiert ist? Bei einem Abschiedsfest im Afroasiatischen Institut. Jemand hat Räucherstäbchen angezündet, da wird mir immer leicht schlecht. Also bin ich in einen anderen Raum gegangen.

Und dann?

Und dann und dann und dann ... Ich weiß es nicht. Du weißt immerhin, dass es und wo es passiert ist. Plötzlich ging das Licht aus, und da war nur mehr Glück. Glück, Glück, Glück. Erst ein paar Monate später hab ich mitgekriegt, dass das Glück mir etwas hinterlassen hat.

Joe ließ nicht locker. Könnte es sein, dass dein Engel schwarz war? Engel sind prinzipiell weiß, keckerte Angelo aufgebracht. Ihre Stimme wurde mit einem Mal schrill. Könnte hin, könnte her ... ich hab mich darum nicht gekümmert. Eine Schrecksekunde lang verhärtete sich Joes Gesicht. Das würde die Sache nämlich bedeutend schwieriger machen. Was für eine Sache? Was geht es euch überhaupt an, von wem ich schwanger bin?

Hör doch bitte zu, bevor du dich aufregst. Wir hätten es so gedreht, dass du und Angelo ... Angelo wandte sich ihr zu und markierte gestenreich den Liebhaber, auch wenn er dabei eher wie eine Transe wirkte, die auf lesbisch macht. Wenn das Kind schwarz ist, ist diese Option klarerweise gestorben.

Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass ich es euch überlasse. Sie musste plötzlich nach Luft schnappen, und es kribbelte in ihren Händen. Ihr Herz klopfte überdeutlich, und in ihrem Bauch regte sich etwas.

Angelo warf sich wieder auf die Knie und begrapschte ihren Bauch. Ich will es, ich will es, ich will es, ganz egal, ob es schwarz ist, gelb oder rot.

Joe zog ihn von ihr weg. Musst du denn immer gleich verrücktspielen? Sieh es doch als Solidarpakt, Marieli. Wir wollen es dir nicht wegnehmen, sondern es mit dir zusammen haben. Über die Details können wir uns immer noch den Kopf zerbrechen.

Plötzlich war sie unendlich müde. Sie konnte kaum aufstehen, so schwer fühlte sich ihr Bauch an. Wir reden morgen darüber, ich muss jetzt schlafen. Ich bring dich ins Bett. Joe hängte sich bei ihr ein und bugsierte sie dann die Treppen zu ihrem alten Zimmer hinauf. Wann soll es denn so weit sein?

In zwei Wochen. So bald schon?

Sagt die Gynäkologin. Joe küsste sie auf die Wangen. Schlaf gut. Wenn was ist, kannst du mich jederzeit wecken.

Sie hatte wieder von dem Engel geträumt und von dem Glück, das sie durch ihn erfahren hatte. Sie streckte sich und schmiegte sich ins Bettzeug, als sei darin etwas von ihm zurückgeblieben. So ein Glück konnte man nicht einfach wegmachen. Natürlich hatte sie daran gedacht, und Evita hatte ihr energisch zugeraten. Du bist gerade zwanzig, schließ erst dein Studium ab. Was willst du ohne Beruf allein mit einem Kind? Oder gib es wenigstens zur Adoption frei, wenn du schon nicht möchtest, dass dir jemand im Bauch herumkratzt.

Das Wort Solidarpakt begann in ihrem Kopf herumzugeistern.

Plötzlich durchfuhr sie ein solcher Schmerz, dass ihr vor Schreck der Atem stockte. Sie rief nach Joe, aber der konnte sie im Appartement drüben nicht hören. Sie suchte nach ihrem Handy, fand es aber in der Aufregung nicht. Und bevor sie wieder so weit war, um aus dem Bett steigen und in ihrer Tasche danach suchen zu können, warf ein neuer Schmerz sie auf die Kissen zurück. Sie schrie nach Muttl, doch die schlief immer mit Ohrstöpseln, und die Öhi hörte auch so kaum mehr was. Je grimmer der Schmerz, desto mehr verkrampfte sie sich.

Sie hatte sich gleich zu Anfang eine Reihe von Büchern gekauft und war später beim Schwangerschaftsturnen gewesen. Ihr fiel ein, dass sie vollkommen vergessen hatte, richtig zu atmen, nämlich so, wie man es ihr vorgemacht hatte. Sie versuchte, sich zu beruhigen. Man hatte ihr gesagt, sie müsse die Zeit, die zwischen den einzelnen Wehen verging, notieren. Daran könne man ablesen, wann es so weit sein würde. Aber es gab nicht genügend Zeit dazwischen, nicht bei ihr. Das Handy, sie brauchte unbedingt das Handy. Sie war viel zu nervös. Es lag natürlich auf dem Nachttisch, sie musste es nur noch finden. Zum Glück hatte sie die Nummer von Joe gespeichert.

Plötzlich spürte sie Wasser zwischen ihren Beinen. Sie war doch noch am Klo gewesen. Viel Wasser, und ein Schmerz dehnte ihr mit eisernen Krallen den Uterus. Sie hatte nicht geglaubt, dass ein Schmerz aus dem Nichts heraus so heftig zuschlagen konnte. Wo war jetzt der Engel? Als sie endlich die Stimme von Joe an ihrem Ohr hörte, konnte sie nur noch wimmern. Komm schnell, schneeell ... sie schluchzte. Scheißengel!

Der Schmerz ließ ihr wieder eine kurze Pause. Natürlich wusste sie, was mit ihr geschah. Das Wasser kam aus der Fruchtblase. Aber sie hatte nicht mit dieser Art Schmerz gerechnet, einem so penetranten, der sie auch noch unvorbereitet traf, sodass es ihr das Schreien nur so herausdrückte. Ein zorniges Schreien. Sie fühlte sich dem Schmerz dermaßen ausgeliefert, dass sie sogar die Finger spreizte. Das ersparten sie sich also, die Engel, diese Scheißengel! Tränen liefen ihr am Ohr vorbei den Hals hinunter.

Sie hörte Joe die Treppe heraufdonnern und gleichzeitig in sein Handy brüllen. Mein Gott, sie hatte noch nicht einmal den kleinen Koffer gepackt. Sie würde Joe erklären müssen, wo was war und dann, beim nächsten Schmerz, endlich versuchen, richtig zu atmen.

Demnächst würde jemand zu ihr sagen, pressen! und sie würde pressen, wie es Milliarden Frauen vor ihr getan hatten. Pressen, stöhnen, erschöpft zurücksinken, in ein Handtuch beißen, es noch einmal versuchen, wieder und wieder, bis zur letzten übergroßen Anstrengung. Dann auf das Schreien des anderen warten und einen Blick auf ihr Innerstes tun, das sich nach außen gestülpt hatte, auf den Teil von ihr, der nie mehr in sie zurückkehren würde, ganz egal welches Schicksal sie im Laufe ihres Lebens von ihm trennen oder wieder mit ihm zusammenführen sollte. Es würde nie mehr so sein wie bisher. Und sie würde mutterseelenallein zurückbleiben, entleert, ein für alle Male entbunden, sozusagen erlöst von dem anderen in ihr. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25./26./27.12.2009)

 

  • Barbara Frischmuth, geb. 1941 in Altaussee. Sie schreibt seit ihrer Kindheit. Ihr erstes Buch Die Klosterschule ist 1968 bei Suhrkamp erschienen. Zuletzt erschien von ihr der Essay-Band Vom Fremdeln und vom Eigentümeln (Droschl). Sie lebt in Altaussee.
 
 
    foto: marko lipus / www.literaturfoto.net


    Barbara Frischmuth, geb. 1941 in Altaussee. Sie schreibt seit ihrer Kindheit. Ihr erstes Buch Die Klosterschule ist 1968 bei Suhrkamp erschienen. Zuletzt erschien von ihr der Essay-Band Vom Fremdeln und vom Eigentümeln (Droschl). Sie lebt in Altaussee.

     

     

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