Schelm besiegt Vergänglichkeit: Grimmelshausens "Simplicissimus"

23. Dezember 2009, 18:10
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Das ganzheitliche Barockbild des Klassikers macht sich in neuem Deutsch verständlich

Antike Sagen, Bibelgeschichten und mittelalterliche Heldenepik erlebten in den vergangenen Jahren große Wiedererweckungen in zeitgemäßen Erzählformen, um der grundsätzlich interessierten Leserschaft Odysseus oder Siegfried bequem näherzubringen. Michael Köhlmeier kann ein episches Lied davon singen.

Doch muss keine blumige Neufassung, keine postmoderne Liaison aus historischem Stoff und aktuellem Soziolekt bemüht werden, um das Einzugsgebiet der alten Geschichten maßgeblich zu vergrößern. Wenn das Werk selbst schon in damals zugänglichem Romanstil gehalten ist, reicht die simple Übersetzung von alter Sprache in die neue für eine adäquate Aktualisierung. Das Lied sang einst Gustav Schwab recht ausdauernd.

Für Grimmelshausens unbändigen Simplicissimus Teutsch unternahm Reinhard Kaiser, sonst Übersetzer aus dem Englischen, die Anstrengung, ihm ein weiches D zu verpassen. Dem bedeutendsten Barockroman des germanistischen Lesekanons, der modernem Sprachgefühl langsam zu entgleiten droht, wurde mit der Übertragung in zeitgemäßes Deutsch neues Leben eingehaucht.

"Solches wurde ich bald gewahr, derhalben stellte ich mein vorig gottlos Leben allerdings ab und befliß mich allein der Tugend und Frömmigkeit" klingt ein exemplarischer Satz der alten Version. Wenn sich solche Sätze auf 700 Seiten reihen, mag das bremsen, noch dazu, wenn ein umfangreicher Appendix an Fußnoten die antiquierte Terminologie ins richtige Licht rücken muss. Die Übersetzung behält die ursprüngliche Anmutung möglichst bei: "Ich spürte das schon bald, ließ deshalb von meinem gottlosen Leben ab und besann mich auf Tugend und Frömmigkeit."

Bildungslastige Albernheiten

Und so darf er wieder unterhalten und belehren, wie er es schon im ausgehenden 17. Jahrhundert äußerst erfolgreich tat. Simplicius, der wirklich wahre Tor, der den jungen Parzival als weltmännischen Erfahrungsträger dastehen lässt, darf sich auf aberwitzigen Umwegen zum soldatischen Filou und sündhaften Jäger von Soest wandeln, um sich dann wieder zu läutern und in abschließender Robinsonade den Dienst am Leser zu quittieren.

In der ausgehebelten Welt des Dreißigjährigen Krieges reihen sich im aufgewärmten Grobianismus die windigsten Albernheiten des Schelmenromans neben drastische Kriegsgräuel. Mit allerlei moralischen Exerzitien und blindem Gottvertrauen, durch unerhörten Anspielungsreichtum und voraufklärerischen, antikenlastigen Bildungsreichtum fächert sich ein umfassendes Bild barocker Kultur auf. Eines Barock, das nicht dem Glanz seiner heutigen Vermarktung entspricht, sondern sich als von Gegensätzen geprägtes vielfärbiges Weltbild präsentiert, das zwischen Jenseitsgläubigkeit und Lust am Diesseits zerreißen will, die Vergänglichkeit aber immer vor Augen hat.

Um 1670 fand das Buch reißenden Absatz. Die Identifikationsmöglichkeiten von damals bleiben ihm heute verwehrt. Aber mit der neuen Zugänglichkeit erstrahlt das Eigenlob, das Grimmelshausen schon dem Titel mitgab, in neuem Glanz: "Überaus unterhaltsam und für jedermann nützlich zu lesen." (Alois Pumhösel / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25./26./27.12.2009)

 

Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen, "Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch."  Aus dem Deutschen des 17. Jhs. von Reinhard Kaiser. € 66,90 / 768 Seiten. Eichborn, Frankfurt/Main 2009

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