Das Leben und der Koffer

23. Dezember 2009, 18:10
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Präzis eingefangene emotionale Gemengelage: Vier neuübersetzte Bücher der umstrittenen französischen Autorin Irène Némirovsky

Der Koffer und die Biografie. Kein Aufsatz über Irène Némirovsky, die 1903 in der Ukraine geborene Autorin, keine Besprechung ihrer Bücher, die darauf verzichten, beide zu erwähnen: ihr Leben und den Koffer.

Jenen Koffer, der von ihren beiden Töchtern aufbewahrt wurde, nachdem sie jung zu Waisen geworden waren - die jüdische Russin Irène Némirovsky, 1919 mit ihren Eltern nach Frankreich geflohen, war im Sommer 1942 verhaftet und nach Auschwitz deportiert worden, wo sie vier Wochen später elend starb, ihr Mann, der versucht hatte, sie freizubekommen, wurde im selben Jahr vergast. Jenen Koffer, der ihr letztes Manuskript enthielt, die 62 Jahre nach ihrem Tod erstmals edierte Suite française, 2004 in Frankreich die Romansensation des Jahres. Im Jahr darauf erhielt Némirovsky postum den Prix Rénaudot.

Dabei schiebt sich das Schicksal Némirovskys, die in ihrer Prosa Entwurzelung und fehlschlagende Assimilation ebenso zu ihrem Thema machte wie Hedonismus, Gier und das Gefühlsleben der Pariser in den 1920er- und 1930er-Jahren, fast unvermeidlich vor ihre Prosa und löst Beklemmung aus, liest man etwa den Auftakt ihres letzten abgeschlossenen Romans Die Hunde und die Wölfe, den sie 1940 ihrem Verleger sandte. "Die ukrainische Stadt" , liest man da, "Heimat der Familie Sinner, bestand in den Augen der dort wohnenden Juden aus drei unterschiedlichen Gebieten, wie man auf den alten Gemälden sehen kann: unten die Verdammten, zwischen der Finsternis und den Flammen der Hölle; in der Mitte des Bildes die Sterblichen, von einem blassen, ruhigen Licht erhellt; und oben der Wohnsitz der Erwählten." Diese Bewegung, von oben nach unten, und die Nomenklatur von Verdammnis, Ruhe und Erwähltsein bestimmen diesen berührenden Roman um die nach 1918 nach Paris geflohenen Figuren Ada, Ben und Harry, allesamt Glückssucher. Furchteinflößend unheimlich liest sich das vorletzte Kapitel, in dem mit Ausgrenzung und Ausweisung der Juden begonnen wird, wodurch Ada aus dem von ihr einst geliebten Frankreich vertrieben wird - unheimlich, weil die Autorin das eigene Schicksal fast hellseherisch vorwegnahm. Allerdings findet Ada fern von Paris "in einer kleinen Stadt in Osteuropa" dann doch so etwas wie Glück und Heimat, zum ersten Mal in ihrem Leben.

Die Karikaturen der Juden aus der Feder der Jüdin Némirovsky - bittere Überzeichnung, jüdischer Selbsthass, sehr zeitverhaftete Ideologie? - boten Anlass für zum Teil heftigen Applaus von falscher Seite. So lobten faschistische Intellektuelle wie Robert Brasillach und Pierre Drieu de la Rochelle ihre Bücher für Stellen wie die folgende: "Vielleicht hatte er" , heißt es über Adas Mann Ben, dessen Spekulationen Harrys Unternehmen in den Ruin zu stürzen drohen, "wie alle Juden das dunkle und ein wenig erschreckende Gefühl, an einer längeren Vergangenheit als die meisten anderen Menschen zu tragen. Dort, wo ein anderer lernen musste, da konnte Ben - zumindest glaubte er es - sich erinnern." Als Anfang 2008 im Zuge ihrer Wiederentdeckung auch in den USA vier frühe und mittlere Romane erschienen, wurde dort eben dieser nach der Shoah unüberlesbare innerjüdische Antisemitismus in den sich heute gut verkaufenden Büchern vehement kritisiert.

Auch in Feuer im Herbst verantwortet die vorletzte Katharsis, den Konkurs des Protagonisten Bernard Jacquelain, ein jüdischer Finanzspekulant namens Mannheimer. Geld spielt ohnehin in den Büchern der Bankierstochter Némirovsky stets eine wichtige Rolle - als Katalysator, Treibstoff, Ziel (Auftaktsatz von Herr der Seelen: "Ich brauche Geld!" ). Auch dieser 1948 publizierte Roman, einer ihrer schwächeren - etwas zu aufdringlich austariert setzt sie die Metapher des Feuers ein, das alles verwüstet und zugleich einen neuen Aufbruch ermöglicht -, schildert mehr als ein Vierteljahrhundert Zeitgeschichte, vom Sommer 1914 mit präzis eingefangenen emotionalen Gemengelagen kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs über Kriegstraumata, den ausgelebten zynischen Hedonismus im Nachkriegsparis bis zum Sommer 1941, als Bernard aus einem Kriegsgefangenenlager gebrochen und geläutert zu Thérèse zurückkehrt, seiner aufopferungswilligen Frau, die er lange betrogen hat. Sentimentalität bricht sich hier stärker als sonst bei Némirovsky Bahn, flache Charakterisierungen und hölzerne Passagen sind keine Seltenheit.

Auch bei Herr der Seelen ist nicht ganz zu übersehen, wie rasch dieser Roman, im Sommer 1939 in Fortsetzungen in der Zeitschrift Gringoire abgedruckt, entstanden sein muss. Und doch ist die Geschichte von Aufstieg und Fall des Arztes und russischen Immigranten Dario Asfar, der zum Scharlatan wird, anrührend - und aufrüttelnd, wird doch darin der französische Antisemitismus der Zwanzigerjahre, der sich dann in den 1930ern noch verstärkte, handgreiflich geschildert.

Eindrucksvoller, ja brillant ist hingegen die Erzählung Herbstfliegen aus dem Jahr 1931. Die alte Tatjana Iwanowna dient schon ihr ganzes Leben lang der russischen Adelsfamilie Karin als Dienerin. 1918 folgt sie ihnen über Odessa in ein ärmliches Exil nach Frankreich. Dort kann sie sich aber weder verorten noch verwurzeln. In gespenstischer Manier schildert Irène Némirovsky Tatjanas traumumwehtes Ende in der Fremde.

Für August ist das Erscheinen von Némirovskys Leidenschaft angekündigt; dann fehlt nur noch Olivier Philipponnats und Patrick Lienhardts Biografie La vie d'Irène Némirovsky, um diese eindrucksvolle Erzählerin so umfassend wie nie zuvor auf Deutsch lesen zu können. (Alexander Kluy / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25./26./27.12.2009)

 

  • Irène Némirovsky, "Herr der Seelen" . Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. € 8,30 / 288 Seiten. Luchterhand-Verlag, München 2009
  • Irène Némirovsky, "Feuer im Herbst." Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. € 20,60 / 272 Seiten. Knaus-Verlag, München 2008
  • Irène Némirovsky, "Herbstfliegen." Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. € 10,20 /96 Seiten. Manesse-Verlag, München 2008
  • Irène Némirovsky, "Die Hunde und die Wölfe." Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. € 18,50 / 256 Seiten. Knaus-Verlag, München

 

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    Irène Némirovsky

     

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