"Gelassenheit beginnt mit Erkenntnis"

23. Dezember 2009, 17:06
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Warum es wichtig ist, Widersprüche zuzulassen und mit der eigenen Unsicherheit sowie jener der anderen umgehen zu lernen, darüber sprach die systemische Beraterin Roswita Königswieser im Interview

STANDARD: Was heißt Gelassenheit?

Königswieser: Die Balance zwischen Zu- und Loslassen halten zu können. Wer zu viel zulässt, hat keine Identität mehr, und wer zu viel loslässt, hat kein Profil.

STANDARD: Heißt das, dass wir - bevor wir uns der Gelassenheit annähern - unser Profil stärken müssen?

Königswieser: Ja. Der erste Schritt ist, ehrlich zu sich selbst zu sein, seine Stärken und Schwächen zu benennen. Der Begriff des "Einkehrhaltens" greift zu kurz. Es ist ein Entwicklungsprozess. Die Voraussetzung dafür ist aber Selbsterkenntnis. Je stabiler der eigene Kern ist, umso eher kann ich etwas Neues zulassen oder etwas Vertrautes loslassen.

STANDARD: Darum fällt es uns so schwer, gelassen zu sein?

Königswieser: Ich denke, wir leben in einer Illusion von Sicherheit. Wir haben Versicherungen, Garantien für die Arbeit und Vollbeschäftigung. Es gibt keine absolute Sicherheit im Leben. Das verunsichert. Die Fähigkeit, das Leben als unsicher zu akzeptieren, und den Umgang mit Unsicherheit haben wir nicht gelernt.

STANDARD: Und aktuell ist die Verunsicherung auf einem Höhepunkt.

Königswieser: Durch die Krise werden all diese Ängste verstärkt. Auch in den Organisationen, in denen wir zurzeit arbeiten, wird dieser Zustand der Unsicherheit häufig als unzumutbar erachtet.

STANDARD: Wie aber lernt man mit Unsicherheit umzugehen?

Königswieser: Indem man sich mit den eigenen Ängsten konfrontiert, durch einen, wenn Sie so wollen, Desillusionierungsprozess geht, sich bewusst macht, dass Sicherheit ein Konstrukt ist, und mit Menschen, denen man vertraut, über seine Unsicherheiten spricht. Diese Gespräche bringen Entlastung, Orientierung, Gelassenheit.

STANDARD: Jetzt halten uns Systemiker aber zu positiven (Zukunfts-)Bildern an. Ist das kein Widerspruch?

Königswieser: Stimmt. Wir denken aber grundsätzlich in Polarisierungen. Was ist das Gute im Schlechten? Was ist das Schlechte im Guten? Nach Aufzeichnen eines Worst-Case-Szenarios eröffnen sich einem auch Alternativen. Man kann dadurch Ängste zugeben und sie dann eher wieder loslassen.

STANDARD: Die aktuelle Situation ist aber, dass viele Menschen sich an ihren Arbeitsplatz klammern ...

Königswieser: Menschen versuchen, wenn sie in Drucksituationen sind, im Normalfall mehr des Gleichen zu machen, was aber gar nichts bringt. Hier ist eine andere Wahrnehmung der Situation wichtig, eine Umdeutung, der Versuch einer qualitativ anderen Problemlösung.

STANDARD: Wozu raten Sie Führungskräften, die selbst unsicher sind, aber dennoch Zuversicht verbreiten sollen? Ein Dilemma, nicht?

Königswieser: Ja. Und vielen geht es damit sehr schlecht. Hat man aber eine positive Grundhaltung als Basis, ist es auch einfacher, zu sagen, dass die Planungsmöglichkeiten zwar gering sind, allerdings Prozesssicherheit da ist - im Sinne von „Wir thematisieren unsere Unsicherheit". Und an diesem Punkt gehen Sicherheit und Unsicherheit zusammen. 

Die Krise mobilisiert einerseits Ängste, sie bringt aber andererseits Chancen mit sich, essenzielle Themen aufzugreifen. Es ist jetzt an der Zeit, sich wieder Sinnfragen zu stellen, jetzt, wenn man aufgerüttelt ist und mit dem allgemeinen Druck zu kämpfen hat. Das ist das Gute im Schlechten. (Heidi Aichinger, DER STANDARD, Printausgabe, 24. - 27.12.2009)

Zur Person

Roswita Königswieser ist Gründerin und Vorsitzende der Geschäftsführung sowie Gesellschafterin des Beratungsunternehmens Königswieser & Network in Wien.

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