Tausend Rosen

23. Dezember 2009, 17:57
posten

Spitze Federn und gebauschte Röcke, böhmische Karpfen und zum Nachtisch Dzschemlovka: Eine Weihnachtsgeschichte von Michael Stavariè

Einmal im Jahr verschwand aller Unrat aus unseren Häusern, der sich nur zu gerne in den Ecken und Kellern anhäufte, mein Onkel meinte noch mahnend... bloß nichts davon übersehen! Weihnachtsputz nannte es die Tante, und ein jedes Haus (und seine Bewohner) sollten sich von seiner besten Seite zeigen. Also räumten und schleppten wir allerlei Gerümpel in den Garten (oft genug im einsetzenden Schneetreiben), wir nahmen Streichhölzer und Feuerbeschleuniger und taten, was getan werden musste.

Später sprach man tatsächlich vom Brauchtum, am letzten Adventsonntag wurden fortan die Scheiterhaufen aufgetürmt, die ganze Siedlung war auf den Beinen, und pünktlich, wenn es dämmerte, ging die Vergangenheit (und als solche waren die allerlei unnütz gewordenen Dinge zu sehen) in Flammen auf. Auf meinem ersten Scheiterhaufen verbrannte ich alte Kuscheltiere, irgendwann in Ungnade geraten, ausgediente Relikte einer immer ferner werdenden Kindheit; nach und nach übergab ich sie den Flammen, die Stoffhasen und Katzen, Drachen und Plüschbären, keinen einzigen sparte ich auf oder hielt ihn zurück. Ein seltsamer (und merklicher) Ruck ging durch ihre Körper, kurz bevor sie die Flammen vollends erfassten, blickten sie mich vorwurfsvoll an, braune, grüne und schwarze Knopfaugen, die einst mit mir waren, irgendwann in Vergessenheit gerieten und nunmehr langsam im Feuer verkohlten. Viele Erwachsene bringen es nicht übers Herz, sich ihrer Stofftiere zu entledigen, sagte der Onkel, und er drängte mich, mir alles wohl zu überlegen, du gibst eine Welt auf, weißt aber nicht, ob es für eine neue langt, schon gar nicht, ob du darin Halt findest!

Vögel und Frettchen

In meiner Kindheit, als der Onkel eine Zeitlang kein Einkommen hatte, fing er mir manchmal Vögel und Frettchen, die er tötete, ausnahm, trocknete und konservierte, er präparierte sie für mich, feilte und zupfte an ihnen herum, so lange, bis sie normalen Plüschtieren glichen. Allerdings waren diese echtem Spielzeug, allen nur denkbaren Teddybären und Gummischlangen um Längen voraus, wo sie doch einst tatsächlich gelebt und für mich allein mit dem Leben bezahlt hatten. Der Onkel meinte, sie würden vor Weihnachten gerne ihr Leben lassen, um einen Jungen wie mich glücklich zu machen.

Die Weihnachtszeit war oft genug Anlass für wilde Spekulationen... als etwa der Hund des Bäckers abhanden kam (den keiner leiden mochte) oder die Nachbarsköchin spurlos verschwand, als ein junges Mädchen im weitläufigen Teich unserer Siedlung einbrach, unter das Eis geriet und wütend gegen den Tod anhämmerte... sie wurde von keinem je wieder gesehen. Als Kind war ich noch der Meinung gewesen, dass sie genau hier sogar das Eishockey erfunden hatten - irgendwann in grauer Vorzeit beim Eisfischen. Die böhmischen Karpfen lagen demnach "auf Eis", bis es den Fischern in den Winterstürmen zu kalt wurde; sie begannen (um sich aufzuwärmen) die gefrorenen Karpfen über das Eis zu kicken, bald schon mit festen Holzstöcken. Man sollte wissen, dass es in meiner Heimat Brauch ist, zu Weihnachten einen Karpfen auf den Tisch zu bringen, etwas anderes ist in den meisten Familien undenkbar (und sogar verpönt).

Eines der weihnachtlichen Lieblingsrezepte meiner Tante hieß bezeichnenderweise Scheiterhaufen ... sie schälte Äpfel und schnitt sie in kleine, sichelförmige Scheiben, manchmal tropfte auch etwas Blut mit in die Backform, wo doch die Tante kurzsichtig war und sich mit dem Messer (unabsichtlich) kleine Stiche versetzte, aber die Wunden heilten schnell. Die Äpfel schmeckten tatsächlich hausgemacht, Weißbrot wurde in Milch getränkt (die Tante mengte etwas Rum hinzu), später legte man alles behutsam in besagte Form, Äpfel- und Brotstücke, Schicht um Schicht, würzte mit Zimt, Vanillezucker_und allerlei geheimnisumwitterten Dingen...

Gott zu Ehren

In der Muttersprache meiner Tante hieß dieser Scheiterhaufen kurzum Dzschemlovka ... ein Wort, das ich lange Zeit nicht auszusprechen wagte, weil ich fürchtete, damit einen bösen Zauber heraufzubeschwören; wer weiß schon genau, was alles passieren kann, wenn man zu sorglos mit alten Rezepten hantiert. Ein solcher Scheiterhaufen war selbstverständlich nicht mit mittelalterlichen Gepflogenheiten zu vergleichen ... ich erinnere mich noch, wie mir der Onkel erzählte, dass man im Mittelalter gerne Frauen verbrannte, weil sie zu laut ihre Meinung sagten. Gott zu Ehren verbrannte man sie, sagte der Onkel, da der weibliche Körper mehr Fett enthielt und dass Fett ein natürlich Brandbeschleuniger sei und dass man Fettbrände niemals mit Wasser löschen dürfe.

Als ich etwas älter war, brachte mir der Onkel bei, wie man sich zu Weihnachten besagte Plüschtiere selbst bastelt... er ging mit mir in den Wald, wir stellten Fallen auf und fingen allerlei Kleintiere, _deren Fährten im Schnee deutlich zu erkennen waren. Später spannten wir gemeinsam im Keller die blutigen Häute auf, zwei Maler mit ihren Pinselhänden, die alles mit trockenem Stroh einrieben und reifen ließen. Der Onkel bestrich die blutigen Innenseiten mit hausgemachten Salben und Tinkturen, ein Geheimrezept, prahlte er, aber wenn du erst volljährig bist, verrate ich dir vielleicht die Ingredienzien, aber dass du mir niemals leichtfertig darüber plauderst, hörst du? Dann schlug er mir auf die Schulter, es tat weh, aber das musste es, damit ich nichts vom Gesagten vergesse, die vergessenen Sünden sind bekanntlich die allerschlimmsten.

Noch später ahmten wir aus Draht die Silhouetten der Tiere nach, zogen ihnen das inzwischen gereifte Fell über und füllten sie mit weichem Heu, unsere Plüschtiere dufteten nach Wiesenblumen und Wildkräutern, sie ließen sich bereitwillig streicheln. Niemand konnte sich ihrer Wirkung entziehen... in ihre Augenhöhlen setzten wir bunte Glasmurmeln ein, die der Onkel von irgendwoher mitbrachte, er bevorzugte Grün und Gelb und Schwarz. Vor Heiligabend bauten wir sie sogar im Garten auf, wir hatten (so gesehen) die schönste Weihnachtskrippe weit und breit, nur das Jesuskind war eine kleine Fledermaus, aber kaum jemand sah genau hin, und ich fand sie doch bei uns auf dem Dachboden, sie lag dort einsam und vergessen, wir konnten sie auf keinen Fall liegenlassen.

Nikoläuse und Engelswesen

Auch andere Gärten waren geschmückt, Lichterketten und Weihnachtssterne drängten sich in den Vordergrund, Schneeflocken mischten sich unter die Glühlampen, sie schwärmten im Wind, selbst wenn ich meine Augen schloss, sah ich die pulsierenden, umherschwirrenden Punkte in meinem Kopf. An den Hauseinfahrten lehnten manchmal Nikoläuse und Engelswesen, wenn man an ihnen vorbeilief, läuteten sie ihre Schellenkäppchen, und die geröteten Augen und Nasen konnte man getrost der Kälte zuschreiben, keinesfalls lag es nur am Alkohol.

Ich erinnerte mich, dass ich mit dem Onkel auch zum ersten Mal an den Festtagen Schnaps trank, und wie er mir schmeckte, wie wir uns zuprosteten und die Tante hochleben ließen... der Schnaps meines Onkels (den wir an eigens dafür vorgesehenen Tagen brannten) schmeckte nach Wäldern und Bächen, man konnte mit ihm auch seine Hände oder die Dielen in der Küche scheuern und zurück blieb ein herber Geruch des Geistigen.

Manchmal kamen auch unsere Nachbarn mit ihren Töchtern und Frauen, um einen Schluck zu nehmen, die jungen Mädchen bekamen ganz schnell rosige Wangen und kicherten. Sie trugen ihre weihnachtlichen Trachten, Rot und Weiß und Grün waren ihre bevorzugten Farben, mit spitzen Federn an ihren Hüten, die wie von Geisterhand ständig wippten... ich allerdings hatte nur Augen für die aufgebauschten Röcke, die irgendwo Distanz schufen, andererseits mit ihren weiß hervorquellenden Oberswolken lockten. Einmal fasste ich einem der Mädchen tapsig an die Hüfte, aber meine Hand rutschte gleich ab, und die Männer lachten über mich, und ich schämte mich gewaltig, weil ich doch dachte, es wäre niemandem aufgefallen... (Michael Stavariè/Der Standard/rondo/24/12/2009)

Michael Stavariè (geboren 1972 in Brno) ist ein österreichisch-tschechischer Schriftsteller und Übersetzer. Zuletzt erschien von ihm der Roman "Böse Spiele" im C.-H-Beck-Verlag.

  • Aus der Kollektion von Susanne Bisovsky
    foto: bisovsky

    Aus der Kollektion von Susanne Bisovsky

Share if you care.