NS-Täterprozesse und die Literatur

Zweierlei Gerichtsverfahren

Sebastian Pumberger, 3. Jänner 2010, 17:52
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    Mirjam Wenzel: "Gericht und Gedächtnis. Der deutschsprachige Holocaust-Diskurs der sechziger Jahre", Wallstein Verlag, Göttingen 2009.

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    Das Gerichtsverfahren gegen Adolf Eichmann in Jerusalem begann 1961.

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    Der Frankfurter Auschwitz-Prozess wurde in Peter Weiss' Theaterstück "Die Ermittlung" thematisiert.

Die literarische Auseinandersetzung mit den Kriegsverbrecher-Prozessen stellt einen Wendepunkt im deutschsprachigen Holocaust-Diskurs dar

Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust in der deutschen Nachkriegsgesellschaft hat ihren maßgeblichen Ursprung in den Kriegsverbrecherprozessen von Nürnberg und den späteren Gerichtsverfahren gegen NS-Täter, beispielsweise den Frankfurter Auschwitz-Prozess. In diesen Prozessen standen die Gräuel der Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten zur Anklage, die auch in der Gesellschaft nicht ohne Spuren blieben. Die Frage nach der individuellen wie kollektiven Schuld bestimmte die Debatte in den letzten Jahrzehnten.

"Gericht und Gedächtnis"

Nicht nur die Gesellschaft, auch die Literatur nahm sich dieses Topos' des Prozesses an und verarbeitete die Frage nach Schuld, Verantwortung und Gerechtigkeit in einer Reihe von sogenannten Dokumentardramen, am bekanntesten wohl "Die Ermittlung" von Peter Weiss. Früher als Historiker versuchte die Literatur allgemeingültige Urteile zu ermöglichen und einen gesellschaftlichen Urteilsprozess zu beschleunigen.

Mirjam Wenzel, Leiterin der Medienabteilung des Jüdischen Museums in Berlin, untersuchte nun anhand einer Fülle von literarischen wie theoretischen Werken den deutschsprachigen Holocaust-Diskurs der 1960er Jahre in dem Buch Gericht und Gedächtnis.

Courtroom-Drama

Zu Beginn der 1960er Jahre stand eine US-amerikanische Produktion, der Film über den Nürnberger Kriegsverbrecherprozess – Judgement in Nuremberg – am Anfang eines neuen Typs historischer Darstellung. Was heute ein klassisches Hollywood-Genre ist – das Courtroom-Drama – wurde 1961 auf die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Dritten Reichs angewandt.

Am gleichen Tag, als in West-Berlin der Film uraufgeführt wurde,  begann in Israel der Prozess gegen Adolf Eichmann. Sowohl Hannah Arendts Buch Eichmann in Jerusalem, Peter Weiss' Die Ermittlung als auch prozeß in nürnberg von Rolf Schneider bedienten sich beispielsweise nicht nur der Strukturmerkmale einer Gerichtsverhandlung, sondern forderten die Leser auch dazu auf den Prozessausgang eigenständig zu beurteilen.

"Gerichtsformation"

Wenzel beschreibt dies als "Gerichtsformation“ , die die Forderung, die Vergangenheitsauseinandersetzung mit politischen wie juristischen Fragestellungen zu verbinden, vertrat. Abstandnehmen bei dem gleichzeitigen Wunsch nach Einbindung der historischen Ereignisse in allgemeingültige Lehren sind – so Wenzel – entschiedene Merkmale des kollektiven Gedächtnisses, das "in einem bestimmten Zeitraum und an einem bestimmten Ort entstand".

Einen entscheidenden Anteil dieses kollektiven Gedächtnisses hat die Verarbeitung der Gerichtsprozesse in der Literatur. Die "Kunst" des Gerichts, vor den Augen der Öffentlichkeit Recht zu schaffen, fand sich in den Büchern und auf den Theaterbühnen wieder. Die Schuldfrage blieb auch nach den eigentlichen Prozessen Teil der Debatte. Doch auch das Agieren von Angeklagten, Zeugen und Urteilenden kommt dem Agieren in der Literatur, der Darstellung in einem Buch oder in einem Film nahe.

Dokumentarisches Theater

Gerade das in den sechziger Jahren angewandte dokumentarische Theater ermöglicht die Teilhabe der Zuschauer an einem Meinungsbildungsprozess. Angeklagt wurden in der Literatur  nicht nur die Verbrechen des Nationalsozialismus, sondern auch der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit im politischen wie mentalen Sinne.

Die Frage der Schuld ermöglichte es auch den Holocaust gesamtgesellschaftlich zu thematisieren.  Das Dokumentartheater stellte nach Wenzel auch eine politische und moralische Erziehungsanstalt für die Gesellschaft dar.

Konstruktion eines Holocaust-Diskurses

Den Diskurs in der Literatur stellt Wenzel auch den völkerrechtlichen und moralischen Diskussionen der Zeit gegenüber.  Wenzel gibt in ihren Ausführungen aber auch zu bedenken, dass kein eindeutiger Erziehungsprozess in der Gesellschaft, den die Literatur zu entfachen versuchte, nachzuweisen ist.

Die Literatur und die Philosophie stießen in den 1960er Jahren einen Prozess an, der schließlich in den 1970er und 1980er Jahren die sozialpsychologischen Zusammenhänge des Holocaust in den Vordergrund brachte. Anstatt der direkten Konfrontation zwischen Opfer und Täter im Gericht oder in der Gerichtsliteratur, standen Zeitzeugenberichte in Filmen, Ausstellungen und Büchern im Zentrum. Dies bewirkte aber auch, dass sich die Narration personalisierte.

Mittlerweile nimmt die Zahl der Zeitzeugen ab und der Holocaust-Diskurs ist zunehmend von den "Reflexionen und Darstellungen unbeteiligter Personen" geprägt, die nichtmehr das Geschehen selbst, sondern nurmehr die Erinnerung des Geschehens bezeugen können, kritisiert Wenzel. Die  Bedeutung der Nachkriegsprozesse besteht darin, dass sich in ihnen selbst die Transformation von Geschichte in ein kollektives Gedächtnis vollzog. Dazu trug - wie Wenzels Buch zeigt - nicht zuletzt die Verarbeitung in literarischer Form bei. (seb)

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Posting 1 bis 25 von 35
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Michl52
21
So ist der Lauf der Zeit

"Mittlerweile nimmt die Zahl der Zeitzeugen ab und der Holocaust-Diskurs ist zunehmend von den "Reflexionen und Darstellungen unbeteiligter Personen" geprägt, die nichtmehr das Geschehen selbst, sondern nurmehr die Erinnerung des Geschehens bezeugen können, kritisiert Wenzel."

Die Zeugen sterben weg, das ist Teil der Geschichte.
Leider wollen die Meisten der Überlebenden nicht über das Erlebte und Verdrängte sprechen, schon gar nicht öffentlich. Ich kenne so eine Person, die Auschwitz kannte und mir anlässlich des Films "Schindlers Liste" sagte: "Eigentlich gehört dieser Film nach dem Verbotsgesetz geahndet - wegen Verharmlosung - denn das, was passiert ist, das kann man ganz einfach nicht schildern".

Michl52
10
11.1.2010, 22:18

Nur zur Information, weil eine Reaktion zu meinem Posting nicht veröffentlicht wurde: die mir bekannte Person war nicht als Häftling in Auschwitz; sie ergriff aber - so wie die Meisten - unter dem Motto "lieber in Russland sterben als einen Tag länger hier bleiben" die nächste Gelegenheit zur Versetzung an die Front.

epep
00
14.1.2010, 14:42
und was hat ihre bekannte person in russland geleistet?

der krieg in russland wurde auch von der wehrmacht verbrecherisch gefuehrt, nicht nur von der ss.

und als bewachungspersonal in auschwitz gehoerte ihr bekannter zur ss.
den wachpersonal war in konzentrationslagern immer aufgabe der ss. vorallem in auschwitz (bei anderen lagern wurden teilweise ss-hilfsgruppen angeheuert, deren mitglieder sich aber aus ueberzeugte nazis zusammen setzte).

wo war ihr bekannter ander front? vielleicht als teil der waffen-ss? wenn er schon zuvor als ss'ler wache in auschitz schob?

und ja, vielleicht hat er seine meinung zu damals geaendert (wenn er in auschwitz als wachpersonal war, dann ist er noch freiwillig der ss beigetreten), aber fragen sie ihm doch mal nach seiner ss-zeit.

Michl52
00
14.1.2010, 19:59

das ist Ihre Theorie ; es wurde eine größere Anzahl an Wehrmachtsangehörigen und auch von anderen Organisationen durchgeschleust zum Zweck der Rekrutierung von Personal.
Für Holocaustleugner gehört das sicher auch zu den Lügen und zur Leugnung des Geschehens.

epep
00
15.1.2010, 11:41
lernen sie geschichte und..

..verteidigen sie nicht ss'ler.

es gab in auschwitz _keine_ nicht-freiwilligen, das geht selbst aus den unterlagen der nazis hervor und wird auch aus anderen quellen bestaetigt.

Michl52
00
16.1.2010, 21:38

Dem ist zu entgegnen, dass gegen Kriegsende massenweise Unterlagen verbrannt wurden und alles streng geheime Reichssache war. Wehrmachtsangehörige wurden hingeschickt und konnten offiziell natürlich nicht wählen, ob sie wollen oder nicht; dazu war das System viel zu verlogen. Es gab eine medizinische Eignungsuntersuchung, bei der man simulieren konnte und wegen verschiedenster Leiden als für die SS für untauglich befunden wurde. Die Konsequenz daraus war, dass die SS-untauglichen Wehrmachtsangehörigen (sprich: jeder halbwegs Normale) mit einem "RU" Verweis (Rückkehr unerwünscht) an die Front geschickt und dort verheizt wurden. Ich verweise auf mein Eingangsposting.

epep
00
18.1.2010, 18:03
nochmals..

..bis 1943 gab es nur freiwillige bei der ss und daher auch als wachmannschaften. wenn sie ueber die vernichtung der unterlagen reden und geheimhaltung, dann reden wir hauptsaechlich um dokumente nach 1943. das ist alles "wunderbar" dokumentiert worden. warum auch sollten dokumente ueber die freiwilligkeit der ss'ler erhalten bleiben und angeblich nur die vernichtet werden, wo angeblich zwangsrekrutiert wurde? das ist absurd.

lernen sie geschichte.

Michl52
00
18.1.2010, 21:38

Sie gehen ganz einfach von anderen Umständen aus. Ich habe nirgendwo geschrieben, dass das vor 1943 war. Die Leute wussten schon, dass es in Russland schlecht um sie bestellt sein wird (Ära nach der Schlacht um Stalingrad).

Philipp Gudenus
 
12
Literarisches,

gerne sieht man entsprechende Berichte von Literaten.

Rechtshistoische Beiträge wären allerdings hier gefragter. Richter, Anwälte sollen schon vom Publicum - wenn auch nur vom heutigen, wie künftigen - gefragt werden dürfen.

Ava Tar
76
Ich werde ab jetzt immer daran gedenken

daß aktuell, heute, im weltweiten Hungerholocaust, die Menschen und vor allem Kinder in der 4 bis 6 fachen Todesrate pro Tag dahingerafft werden wie seinerzeit - und das heutige Verbrechen ist nicht etwa nach 4 Jahren zu Ende

Und dies ist SEHR WOHL durch die Spekulation von Banken und Fonds auf Lebensmittel und Öl sehr verschlimmert. 2008 allein stieg der Weizenpreis im hurra freien Afghanistan auf das 4-fache (Weltmarktpreis plus Transportdiesel usw)

Wird man in 70 Jahren Bücher schreiben "Warum hat man nichts unternommen (bombardiert/bekämpft/etc) - und wie konnte es soweit kommen?"

Warum nicht heute? Wo ist das Thema hinverschwunden? Wieso schauen wir schon wieder alle weg?

Heute gibt es Leben zu retten! Macht ein fixes Thema daraus!

Hossam Hassan
00
22.1.2010, 18:12
Holocaust heißt Brandopfer

Was sie also mit dem Begriff Hungerholocaust sagen, dass es einen notwendigen Opfertod von Millionen Menschen gibt.
Man sollte wissen, was man so redet.

epep
00
14.1.2010, 14:46
der holocaust zeichnet sich durch eine industrielle massenvernichtung aus..

..wo eine gesamte industrie geschaffen wurde um menschen zu vernichten.

und sie wollen das mit dem hungertod auf der welt vergleichen?
ja, das hungerproblem in der welt muss aufgegriffen werden, es muss thematisiert werden - aber nicht indem der holocaust verharmlost wird.

was als naechstes? mit dem schoenborn einstimmen und vom abtreibungsholocaust sprechen?
aber wem wunderts, sie als linksangehauchter antiimperialist, der israel verteufelt, richtiggehend hasst, verharmlost hier den holocaust um das verbrechen an juedische menschen zu verharmlosen - wem wundert das noch?

Tethys
43
weltweiten Hungerholocaust

Was soll diese Wortschöpfung?
Warum lenken Sie gerade beim Thema Holocaust ab?

Kohlhaas1
31
Weil dia Anzahl der die Hunger getöteten schon höher ist als die in den KZ gemordeten ?

epep
01
14.1.2010, 14:47

die shoa zeichnet sich durch die industrielle massenvernichtung aus, durch den vernichtungswillen der nazis - nicht durch die anzahl der opfer.

G e o r g
13

Das Argumentieren mit Opferzahlen ist unmenschlich, darauf darf man sich nicht einlassen.
Es ist einfach falsch, den Begriff Holocaust auf Verhungerte anzuwenden, weil das zwei gänzlich unterschiedliche Dinge sind. Wenn die Unterschiede durch solche Begriffssfalschverwendungen verwischt werden, geht auch die Basis für Beurteilungen und Schlussfolgerungen verloren.

Kohlhaas1
21
Nun, ganz Unrecht hat er nicht, denn wenn die Hungertoten gewollt sind, was ist das dann ?

epep
01
14.1.2010, 14:49
sie sind nicht gewollt..

..sie sind teil des unmenschlichen kapitalistischen systems - und genau so muss das dargestellt werden - sie sind aber nicht gewollt.

die vernichtung der juden und juedinnen war aber gewollt, es wurde eine ganze vernichtungsindustrie dafuer aufgebaut.

G e o r g
13

Wenn du den Unterschied nicht siehst, solltest du mal dringend nachlesen, was den Holocaust so einzigartig macht.
Im übrigen sind die Hungertoten nicht gewollt, sondern hingenommen.

Tethys
22

Mord, fahrlässige Tötung etc.
Holocaust ist es definitiv nicht.

Tethys
22

Der Begriff "Holocaust" ist eindeutig auf ein historisches Faktum festgelegt.
"Hungerholocaust" unter einen solchen Artikel zu posten ist erstens eine eigenartige Wortschöpfung und zweitens lenkt es vom Thema des Artikels ab.

Florian Machl
33

Au ja, da gibts ein Copyright drauf. Das Wort darf man nur für das mittlerweile industriell verwertete Leiden eines einzigen Volkes verwenden. Alle anderen von den Nazis ermordeten sind nicht so wichtig, oder? Und wo kommen wir da hin, wenn man auf heutige Mißstände aufmerksam macht! Mit Hungerbekämpfen kann ja auch niemand Geld verdienen, mit dem "ewig Gedenken" und "niemals Vergessen" schon. Auf zum nächsten Denkmalbau, zum nächsten geförderten Film oder Buchprojekt. Warum denn auch Menschen helfen, die jetzt und heute Hilfe brauchen, wenn man in der Vergangenheit wühlen kann. Und selbstverständlich kann nichts anderes niemals wieder so furchtbar sein, oder? Allein wegen dem Copyright.

epep
01
14.1.2010, 14:51
bloedsinn..

..derholocaust bezieht sich auch auf roma, sintis und behinderte.

aber es ist nunmal ein methodischer unterschied, wenn die nazis politische gegener ermodet haben (wie zb auch die sowjetunion in gulags) oder ob sie menschen getoetet haben aus dem vernichtungswillen heraus, aus rassitischen motiven mithilfe einer dafuer geschaffén industrie - die shoa war nun mal eine industrielle massenvernichtung.
das war weltweit einzigartig und ist es bis heute.

rinius ante portas
01
11.1.2010, 17:50

Sie haben absolut nichts kapiert!

Karl Handschuh
01
10.1.2010, 13:48
Wenn Sie zu einem Apfel Birne sagen, ist das auch kritikwürdig.

Aber nicht, weil Apfelbauern (oder sonstwer) ein Copyright an dem Wort Apfel haben. Sondern weil Sie des Gebrauchs der deutschen Sprache nicht mächtig ist.

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