Gerne wäre sie dabei gewesen, bestens vorbereitet und eingearbeitet - nur: Das Bundeskanzleramt berücksichtigte sie nicht. Seit fast 15 Jahren erforscht die Historikerin Tina Walzer den Jüdischen Friedhof Währing und gilt als die Expertin für jüdische Friedhöfe generell. Am Regierungsgipfel, bei dem am Montag deren Rettung vor dem Verfall beschlossen wurde, durfte sie nicht teilnehmen.
Die getroffene Lösung findet Walzer dennoch gut: Der Bund gibt eine Million Euro jährlich auf zwanzig Jahre Laufzeit, die gleiche Summe wollen die Kultusgemeinden organisieren. Auch Länder, vor allem Niederösterreich und Wien, versprachen, sich zu beteiligen.
Walzer, am 11. Februar 1969 in Wien geboren, kam zum ersten Mal 1995 mit der Thematik in Berührung. Damals trieb die Studentin (Geschichte, Germanistik und Ungarisch) ein Forschungsprojekt auf den Währinger Friedhof - neben jenem von St. Marx die letzte existierende Biedermeier-Ruhestätte. Ein Moment, auf den sich ihr berufliches Leben ausrichten sollte: "Seither bin ich immer dort", sagt sie. Jahrelang, erzählt Walzer, habe sie sich von Kollegen an der Universität verspotten lassen müssen - zum Beispiel als "Gruftspion". Sie selbst sieht den Ort nicht als "Thema des Todes", er sei ein "steinernes Archiv". Es gehe darum, die Vergessenen wieder in die Geschichte zu integrieren.
"Vor ihren Augen" sei der Jüdische Friedhof Währing verfallen. Um das drohende Ende hinauszuzögern, begann die Historikerin "konkret zu arbeiten". Wobei sie darunter nicht ihre Forschungstätigkeit versteht. Walzer wurde zwangsweise zur Gärtnerin, kämpfte gegen Wildwuchs und Gestrüpp. Mal alleine, mal mit Freiwilligen. Im Juli 2007 halfen US-Marines und Diplomaten mit. Heuer, im November, waren es rund 120 Freiwillige - darunter auch Grün-Politiker sowie Prominente wie der Schriftsteller Robert Menasse oder der Schauspieler Miguel Herz-Kestranek.
Dass Walzer "gerne in der Natur ist", kommt ihr in solchen Momenten entgegen. Ausgleich findet sie auch beim Skifahren und als "begeisterte Romanleserin". Dafür wird sie in den kommenden 20 Jahren wenig Zeit haben: Sobald der Fonds besteht, will die 40-Jährige ihre Projekte einreichen. Und: Neben der geschichtlichen Aufarbeitung samt privater "Denkmalpflege" hat die Historikerin begonnen, auch Nachkommen zu suchen. 20 Familien hat sie bereits gefunden. Kommendes Jahr werden außerdem drei Bücher erscheinen. Deren Thema muss man wohl nicht extra anführen. (Peter Mayr, DER STANDARD Printausgabe, 23.11.2009)
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