Ortsbeschau: "Das ist ein bisschen wie Sterben"

22. Dezember 2009, 19:27
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Die von jeher mehrsprachige Region um Eberau leidet schwer unter ihrer ökonomischen Schwäche

Eberau - Wahrscheinlich war Walter Temmel der einzige, der in der Aufregung um das geplante Flüchtlingslager in Eberau nicht gänzlich den Kopf an die Empörung verloren hat. Walter Temmel ist Bürgermeister der Eberauer Nachbargemeinde Bildein. Dem Standard sagte er nachdenklich: "Wir wollen ja grundsätzlich helfen. Aber so ein großes Lager, das ist halt auch Neuland für uns."

Eines aber, das zu betreten er sich vorstellen kann. Auch deshalb, weil er ja das Altland kennt. Und sogar das Uraltland, denn im Zuge der Diplomarbeit hat sein Bruder einen Brief gefunden, den die Bildeiner im Jahr 1920 an den Völkerbund geschrieben haben. In dem bitten sie um Nachsicht bei der Grenzziehung und halten fest: "Ohne Szombathely können wir nicht leben." Das bewahrheitet sich im Grunde bis heute, allen Förderungen und Eisenstädter Absichtserklärungen zum Trotz.

Die Region reduziert sich ökonomisch auf den sanften Tourismus im "Naturpark in der Weinidylle". Die Gemeindeverantwortlichen bewegen sich stets am Rande des Zulässigen. In Strem kippte der Altbürgermeister mit einem Seniorenzentrum über diesen Rand. In Eberau selbst wurde die Hauptschule geschlossen, seit heurigem September wird sie als katholische Privatschule weiter geführt. Öffentlichen Verkehr gäbe es überhaupt keinen, hätten die Bürgermeister nicht in Eigenregie den "Roten Bus" ins Leben gerufen.

Dass nun gerade diese Menschen - die Eberauer und Kulmer, die Deutsch und Kroatisch Ehrensdorfer, die Punitzer, Harmischer und Moschendorfer - in den Ruch der Fremdenfeindlichkeit geraten, ist ziemlich ungerecht. Immerhin mischen sich hier, wo Fuchs und Hase einander Abend für Abend "Gute Nacht" sagen, die Völker bis hin zur Ununterscheidbarkeit. Multikulti ist hier kein Schlagwort, sondern Alltag.

Kroaten und Deutsche, Ungarn und Roma, diesseits und jenseits der Grenze gleichermaßen. Dort, wo ein Dorf den Vornamen Deutsch trägt, darf man mit Gewissheit annehmen, dass ein anderssprachiges Dorf daneben liegt: Deutsch Schützen zum Beispiel. Gleich drüben in Ungarn gibt's Horváthlövö, Kroatisch Schützen also.

Mehrsprachigkeit ist hier keineswegs die Ausnahme. Während der Jugoslawienkriege haben die Menschen bis hinüber nach Stinatz überdurchschnittlich geholfen. Diese Gegend also mit Kärnten vergleichen zu wollen wäre wohl schlicht eine Irreführung.

Vor Jahren ist eine wunderbare Kabaretttruppe aus Güttenbach/ Pinkovac mit einem Lied durchs Land gezogen, das brav gegen das Nachbardorf stichelte. "Punitz", sangen die Güttenbacher, "das ist ein bisschen wie Sterben." Aber "Punitz" ist natürlich nur ein Pars pro Toto.

Es ist Weihnachten. Da darf ein jeder sich was wünschen. Zum Beispiel, dass Hans Niessl Maria Fekter auf den Eisenberg zu einem Achterl lädt. Und dass Walter Temmel dann das Gespräch moderiert, offenbar der einzige Mensch, der seinen Kopf nicht verloren hat an die hysterische Aufgeregtheit. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Printausgabe, 23.12.2009)

 

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