Das können Sie sich schenken

22. Dezember 2009, 18:52
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Alle Jahre wieder geht es zu Weihnachten vor allem um eines: um das Geben und Nehmen von Geschenken

Welche Regeln und Bedeutungen hinter dem rituellen Austausch von Präsenten steckt, erforschen Soziologen, Spieltheoretiker und Anthropologen.

"Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft", heißt es. Die Ars donandi, die Kunst des Schenkens, beschäftigte schon Aristoteles, Cicero und Seneca. Mit kleinen und großen Gaben wurden nicht nur Freundschaften gepflegt, sondern auch Politik betrieben, Allianzen besiegelt, Treue vorgetäuscht oder Zwietracht gesät. Dass Schenken subtilen Regeln folgt, wird alle Jahre wieder in der Weihnachtszeit deutlich, wenn es gilt, sich aufs Schlachtfeld der Einkaufsstraßen zu begeben, die richtigen Geschenke für die Liebsten zu finden und damit einen Beitrag zum möglichst perfekt inszenierten Fest des Gabentauschs zu leisten.

Beziehungen stabilisieren

"Wer schenkt, will binden", weiß der Berliner Schenkforscher Friedrich Rust. Daher sei Schenken "soziales Handeln par excellence, das eng mit Traditionen und Mythen verknüpft ist". Demnach stellen Geschenke eine Beziehung zwischen Menschen her, stabilisieren und bewerten sie. "Geben und Nehmen gehören zu den elementarsten Interaktionsformen, die nicht über Sprache vermittelt werden", bekräftigt die Soziologin Elfie Miklautz von der Wirtschaftsuniversität Wien, die gerade an einem Buch zum kulturellen Phänomens des Schenkens arbeitet.

Schenken ist für Miklautz materialisierte Kommunikation: "Das Selbst des Gebers findet im Geschenk seinen Ausdruck und wird sozusagen symbolisch mit überreicht. Im Präsent wird aber auch das Bild des Empfängers veranschaulicht, ebenso wie die Interpretation der Beziehung vonseiten des Gebers." Geschenke könnten auch dazu dienen, Einfluss auf den Empfänger zu nehmen: "Wird einer Frau beispielsweise ein Schmuck- oder Kleidungsstück geschenkt, empfängt sie nicht nur den Gegenstand, sondern auch ein Konzept von Weiblichkeit, verbunden mit der Einladung, sich diesem anzunähern", sagt Miklautz.

Auch die Spieltheorie hat sich mit dem Schenken beschäftigt. Der Mathematiker Karl Sigmund bezeichnet es als "ökonomische Grundsituation", als ein "Atom wirtschaftlicher Wechselwirkung". Erst durch die Analyse der dahinterstehenden Intention würde das Schenken an Bedeutung gewinnen. "Wenn mein Friseur mir eine Flasche Wein zu Weihnachten schenkt, dann tut er das nicht nur, weil er mich sympathisch findet, sondern auch, weil er sich wünscht, dass ich 2010 wiederkomme," meint Sigmund.

Das Hinterfragen der Absichten – Eigeninteresse, Wechselseitigkeit oder Altruismus – wurde bei spieltheoretischen Experimenten erst wichtig, wenn vom Beschenkten eine Reaktion gefordert wurde (Ultimatumspiel). Wie würden die Beschenkten reagieren? Würden die Reaktionen von der Art und der Größe des Geschenks abhängen? Das Ablehnen eines Geschenks führte nämlich dazu, dass auch der Schenker seinen Einsatz verlor, bei Annahme gewannen beide.

In Kooperation mit Sozialanthropologen entschloss man sich, Schenkexperimente nicht mit den typischen Versuchspersonen wie Studenten, sondern mit kleinen Volksgruppen in allen Teilen der Welt durchzuführen, schildert Sigmund. In einem von der MacArthur-Foundation mit 15 Millionen Dollar unterstützten Großprojekt wurden von 1999 bis 2001 insgesamt 18 Gesellschaften mit diesen Tests konfrontiert, wie Gertraud Seiser von der Universität Wien berichtet.

Die Expertin für ökonomische Anthropologie erzählt, dass Melanesen zu große Geschenke abgelehnt hätten, wegen der dadurch auferlegten Verpflichtung, irgendwann später noch mehr zurückgeben zu müssen. Sigmund berichtet von einem afrikanischen Volk, das Geschenke aus einem ganz anderen Grund abgelehnt hätten: Sie nahmen an, dass die sympathische Leiterin des Experiments den Einsatz – der in der Region übliche Tageslohn – aus ihrer eigenen Tasche bezahlte, und sie "waren so altruistisch, dass sie mit dieser Bürde nicht leben wollten."

Verpflichtungen und Strafen

Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Schenker erwarten immer eine Gegenleistung, Beschenkte fühlen sich verpflichtet oder sollten sich verpflichtet fühlen – egal in welcher Gesellschaft. Wer aber zu viel schenkt, kann dafür bestraft werden: Menschen, die maßlos in ihrer Geberlaune sind, werden in manchen Kulturen als "Prahlhans" und mit Neid betrachtet, betont Sigmund. Das kann zu antisozialen Bestrafungen führen, wie Forscher um den Österreicher Simon Gächter speziell in Saudi-Arabien beobachteten.

Schenken muss freilich nicht immer mit materiellen Objekten und Geld zusammenhängen. Man kann auch Arbeitsleistung schenken, wie Gertraud Seiser in einer Studie unter oberösterreichischen Bauern 2003 zeigte. "Auch hier wurde Gegenleistung erwartet, nämlich zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein." Meistens waren diese Arbeitsleistungen beim Ernten oder im Katastrophenfall gefordert. "Dabei entstanden erstaunlich dichte Netzwerke."

Wie der Mechanismus von Geben und Nehmen zu einem destruktiven Machtkampf werden kann, zeigt das Volk der Potlatsch in Westkanada: In ihrer Tradition ist es üblich, ein Präsent mit einem noch großzügigeren zu erwidern – so lange, bis einer der Clans vollkommen ruiniert ist.

Mit Altruismus und freiwilliger Großzügigkeit habe Schenken – zumindest in westlichen Gesellschaften – wenig zu tun, sind sich Wissenschafter einig. Immerhin werden 96 Prozent aller Geschenke zu einem institutionalisierten Anlass wie Geburtstag oder Weihnachten übergeben.

Wobei Weihnachten sich insofern von anderen Anlässen unterscheidet, als die Gegengabe unmittelbar auf die Gabe folgt – und alle auf ein ausgeglichenes Verhältnis achten. Miklautz resümiert: "Jeder kennt die dem Schenken immanente Logik, doch die Regel des Spiel besteht darin, so zu tun, als kenne man sie nicht." (Karin Krichmayr und Peter Illetschko/DER STANDARD, Printausgabe, 23.12.2009)


Geschenkbuchtipp
Elfie Miklautz, "Geschenkt. Tausch gegen Gabe - eine Kritik der symbolischen Ökonomie", erscheint im Frühjahr 2010 im Verlag Wilhelm Fink.

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