Sein Hammerschlag bringt Millionen

22. Dezember 2009, 17:45
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Tobias Meyer ist der Star-Auktionator bei Sotheby's, der die Dynamiken des Kunstmarkt-Hypes wie kaum ein anderer durchschaut

Wien - Theoretisch war der Arbeitstag zu Ende, praktisch wartete auf Tobias Meyer noch ein Abendtermin bei einer Sammlerin. Leere Kilometer? Womöglich. Ein paar Drinks und Fachsimpeleien zur ihrer wenig spektakulären Kollektion später betritt er sein Hotelzimmer. Das Telefon läutet. Nochmals die Sammlerin: Ihr Neffe besäße einen Warhol, eine Marilyn vor orangem Hintergrund, wohl für eine Auktion nicht geeignet. Meyer weiß es besser, vermutet eine Ikone des 20. Jahrhunderts und beginnt zu kalkulieren. Auf Basis des damaligen Warhol-Rekords scheinen vier, ja sechs Millionen Dollar realistisch. Die Kundin verabschiedet sich: "Wir werden sehen ..."

Drei lange Monate übt man sich im New Yorker Headquarter von Sotheby's in Geduld. Dann wird ein Anrufer durchgestellt: "Ich bin der Besitzer der 'Orange Marilyn'. Wann könnten Sie nach Deutschland kommen?" Morgen, antwortet Meyer knapp und bucht den Flug. Im Mai 1998 kam das Werk zur Auktion. Binnen weniger Minuten trieben fünf Bieter den Preis von vier auf 17,32 Millionen Dollar. Meyer donnerte sein verstümmeltes Auktionshämmerchen, den sogenannten Gavel, auf das Pult. Verkauft. Für einen neuen Weltrekord. Längst ist auch der Geschichte.

Will man den Kunstmarkt, seine Mechanismen und seine Psychologie verstehen, merkt der 1963 in Frankfurt Geborene an, sei dies nur über Schlüsselwerke möglich. Rothko, de Kooning, Bacon fielen in diese Kategorie - für alle erzielte der von der New York Times dank seiner Coolness als "Sotheby's 007" bezeichnete Meyer Weltrekorde. Und natürlich Picasso.

Dessen Junge mit Pfeife bescherte ihm 2004 eine Schrecksekunde. Alles war akribisch vorbereitet, die Sitzordnung der Kaufinteressenten, wegen des Augenkontakts seit Wochen festgelegt. Planung sei eben alles. Mitten im Gefecht erblasste einer der Bieter, starrte auf sein Handy, klappte es zu und schwieg. "Sir, brauchen Sie Zeit? Es steht 82 Millionen gegen sie ..." , verschaffte ihm Meyer Luft. Da schnappte sich der Bieter das Handy einer Sitznachbarin, wählte und steigerte weiter. Er hatte vergessen, den Akku aufzuladen. Das Bild bekam er nicht, aber mit seinem Konkurrenten trieb er den Preis über die magische 100-Millionen-Dollar-Grenze bis zu 104 Millionen.

Nach außen blieb Meyer souverän, aber innerlich sei er völlig fertig gewesen. Gelassenheit, dazu sein sonorer Bariton und der intensive Blick, die Basisausstattung für seinen Berufsstand? Nein. Ein guter Auktionator verstehe Sammler, wisse, was es bedeutet, im Saal zu sitzen und etwas haben zu wollen. Dazu Leidenschaft und die Fähigkeit, die Seele großer Kunst zu erkennen und diese bestmöglich verkaufen zu können. Ja, sein Job sei, die Dinge teuer zu machen.

Goldene Benchmark

Die wesentlichen Benchmarks dazu? Der Immobilienmarkt. Denn seit Jahren würde in der Auktionsbranche für ein großes Kunstwerk des 20. Jahrhunderts stets jene Summe bezahlt, die auch eine Top-Immobilie in New York kostet.

Oder auch Richtwerte wie Gustav Klimts "Adele Bloch Bauer I", die sich Ronald Lauder 135 Millionen Dollar kosten ließ. Die Regentschaft als teuerstes Kunstwerk der Welt währte - thanks Mr. Meyer - kein halbes Jahr. Als man ihn mit dem Verkauf Jackson Pollocks "No 5" beauftragte, musste der Kaufpreis höher angesetzt werden. Bei 140 Millionen Dollar brachte er auch diesen Deal zu einem Abschluss. Für Meyer hat die aktuelle Wirtschaftsmisere ihr Gutes. Sie ordne den Kapitalmarkt neu, führe zu einer Selbstregulierung des Kunstmarktes. Das Potenzial neuer Märkte sei gigantisch und ein 200-Millionen-Dollar-Bild in den nächsten Jahren realistisch. Das Motto dieser Klientel, "ich muss es nicht haben, ich will es" . Und derlei müsse man nur noch dirigieren.

Längst ist Tobias Meyer als Identifikationsfigur einer der, wenn nicht der wichtigste Mitarbeiter von Sotheby's. Sein Publikum eroberte der 46-Jährige, der von der Mystifikation seiner Person nicht viel hält, auch mit seinem kosmopolitischen Charisma. 1977 übersiedelt Familie Meyer nach Wien. Das hiesige Schulsystem sei prägend gewesen: pädagogisch zwar eine Katastrophe, aber der inhaltliche Anspruch vorbildhaft. Parallel zum Kunstgeschichtestudium (Diplom zum Wiener Kinetismus, einer Spielart des Futurismus) arbeitete er in der Kunsthandlung Bednarczyk. Ende der 80er-Jahre kehrte er Porzellan, Silber und Mobiliar des 18. Jahrhunderts den Rücken und begann bei Christie's London als Trainee.

Eine furchtbare Zeit, erinnert sich Meyer, tagaus, tagein lähmendes Katalogisieren im Keller. 1992 wirbt ihn Sotheby's als Chef der Londoner Contemporary-Abteilung ab. Der erste Arbeitstag im Büro mit Tageslicht: Der Empfang seines Teams, das eine interne Nachbesetzung dieser Position bevorzugt hätte, fiel eher reserviert aus. Und dann verirrte er sich auch noch im Labyrinth der Räume in der New Bond Street.

1997 wird er zum weltweiten Direktor des Contemporary Departments berufen und pendelt seither zwischen New York und London. Einmal jährlich besucht er Wien und trifft Freunde. Er genießt das historische Flair und pflegt die persönliche Ambivalenz dazu: es zu vermissen, und die Erleichterung dem entkommen zu sein. (Olga Kronsteiner/DER STANDARD, Printausgabe, 23. 12. 2009)

  • Tobias Meyer, Direktor für zeitgenössische Kunst bei Sotheby's, über
die Ehrlichkeit des Marktes: "Wenn jemand 200 Millionen Dollar für ein
Kunstwerk zahlt, dann ist das der aktuelle Marktpreis."
 
    foto: cremer

    Tobias Meyer, Direktor für zeitgenössische Kunst bei Sotheby's, über die Ehrlichkeit des Marktes: "Wenn jemand 200 Millionen Dollar für ein Kunstwerk zahlt, dann ist das der aktuelle Marktpreis."

     

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