Ein urbaner Campus für moderne Kunst

22. Dezember 2009, 17:34
posten

Zaha Hadids spektakuläres Museum für Moderne Kunst des 21. Jahrhunderts wartet auf angemessene Programmierung

Als bescheiden können ihre Ansprüche nicht gelten. Sie will "die Diktatur des rechten Winkels durch die Diagonale ablösen, Räume verflüssigen und Proportionen verschieben" . Heraklits Motto "Panta rhei" ("Alles fließt" ) hat die irakisch-britische Architektin Zaha Hadid auf einem ehemaligen Kasernengelände im römischen Stadtteil Flaminio auf geniale Weise umgesetzt und der Stadt zu einem Nationalmuseum für die Kunst des 21. Jahrhunderts verholfen. Das Museo Nazionale Delle Arti del XXI Secolo nennt man in Kurzform MAXXI.

"Meine Gebäude sollen fließen und Schwingungen nach außen übertragen" , versichert die Architektin. In ihrem spektakulären Neubau fließt alles ineinander: schwebende Treppen, verflochtene Galerien, schräge Rampen, lichte Schneisen. Die bewegten Konfigurationen vermitteln eine Dynamik, die sich unmittelbar auf den Besucher überträgt. Herausforderungen liebt die Pritzker-Preisträgerin.

Vergeblich hatte ihr Kollege Renzo Piano, dessen Musiktheater nur wenige Minuten entfernt liegt, Hadid gewarnt: "In Rom zu bauen ist wie die Durchquerung des Wilden Westens im Planwagen." Die Bauzeit des neuen Museums entsprach in der Tat jener des Kolosseums. Aber auch dem Zeitlupentempo kann Hadid Positives abgewinnen: "So konnte ich öfter nach Rom zurückkehren, wo ich als Kind einige Jahre gelebt habe."

Zehn Jahre nach der Ausschreibung des internationalen Wettbewerbs ist der 150-Millionen-Bau fertiggestellt. Auf fast 30.000 Quadratmetern beherbergt das neuartige Museum fünf Galerien ohne rechtwinklige Schauräume und lotrechte Museumswände, deren Bewegungslinien für Kuratoren eine echte Herausforderung darstellen.

Die technisch aufwändige Konstruktion aus Stahlbeton, Glas und Metall versagt sich herkömmlicher Raumwahrnehmungen. Einen der flachen Kasernenbauten des Areals hat Zaha Hadid in ihr Projekt integriert. Als "urbanen Campus" versteht die 59-jährige Architektin das MAXXI. Doch womit soll die enorme Ausstellungsfläche gefüllt werden? Rom verfügt über keine nennenswerte Sammlung zeitgenössischer Kunst. Die mit der Führung des Museums beauftragte Stiftung hat in den letzten Jahren gerade mal 300 Werke italienischer und internationaler Künstler erworben, die im Frühjahr 2010 in der ersten Ausstellung, Spazio (Raum), gezeigt werden sollen.

Zur Eröffnung Mitte November begnügte man sich mit einer von der deutschen Star-Choreografin Sasha Waltz konzipierten Performance von 30 Tänzern. Drei Tage lang strömten tausende neugieriger Besucher ins neue Museum, stiegen über die elegante schwarze Marmortreppe nach oben, wo das zweite Stockwerk wie ein verglaster Kontrollraum vorragt.

Eine Ausstellung vermisste eigentlich niemand - Hadids bewegtes Szenarium genügte für nachhaltige Eindrücke. Dann wurde der Neubau wieder für ein halbes Jahr geschlossen. Im Mai 2010 ist eine Retrospektive des vor elf Jahren gestorbenen Künstlers Gino De Dominicis geplant. Den Einwand, das MAXXI sei für eine Stadt ohne relevante Kunstszene wie Rom eine Nummer zu groß, weist Stiftungspräsident Pio Baldi zurück: "Das ist nicht nur ein Ausstellungsgebäude, sondern ein Ort kultureller Erneuerung, an dem Tendenzen und Ausdrucksformen aufeinandertreffen, ein Labor für künstlerische Experimente, eine Produktionsstätte für ästhetische Inhalte" .

Dass die als Kunst am Bau preisgekrönte Laser-Installation des Künstlers Maurizio Mochetti nicht realisiert wird, spricht nicht für Baldis These. Auch dass mit Anna Mattirolo (Kunst) und Margherita Guccione (Architektur) zwei leitende Beamtinnen des Kulturministeriums zu den Direktorinnen des neuen Museums gekürt wurden, ruft Skeptiker auf den Plan. Da scheint die Aussicht tröstlich, dass Zaha Hadids MAXXI auch ohne Ausstellungen zahlreiche Besucher anziehen wird. (Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD, Printausgabe, 23. 12. 2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Fließende Formen bestimmen Zaha Hadids Museum für Moderne Kunst des 21. Jahrhunderts in Rom.

     

Share if you care.