"Ich wollte ein Lebensgefühl zelebrieren"

22. Dezember 2009, 17:28
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In der Komödie "Soul Kitchen" erzählt Fatih Akin von jener Zeit, als Nächte noch kein Ende nahmen - ein Interview übers Älterwerden, den Wandel von Städten und falsche Nostalgie

Wien - Das Unglück kommt über Zinos (Adam Bousdoukos) in geballter Form. Seine Freundin übersiedelt ins Ausland, das Restaurant geht schlecht, dann taucht auch noch sein krimineller Bruder (Moritz Bleibtreu) auf, und sein Bandscheibenvorfall verursacht ihm große Schmerzen. In seinem neuen Film Soul Kitchen erstellt der deutschtürkische Regisseur Fatih Akin das komische Panorama einer bunten Hamburger Boheme. Abgesehen von turbulenten Verwicklungen und kulinarischem Aphrodisiakum geht es auch um die Rückbesinnung auf einen urbanen Lebensraum, mit dem man ganz persönliche Erinnerungen verbindet.

Standard: Mit "Soul Kitchen" kehren Sie nach zwei gewichtigen Filmen zur leichten Form der Komödie zurück. Ihre Motivation?

Akin: Ich hatte die Nase voll von all den seriösen Sachen. Und ich hatte Sehnsucht. Es gab den Erfolg, und damit kamen Erwartungen - da wuchs auch der Druck. Natürlich bleibt noch viel aus der Ferne zu erzählen, aber ich wollte das Exotische nicht in abgelegenen Regionen suchen, sondern zu Hause. Die Vorstellung, mit dem Fahrrad ans Set zu fahren und abends in meine eigenen vier Wände zurückzukehren und mit meinem Kind zu spielen, gefiel mir auch. Kein Hotel oder so ein Interconti-Frühstück mehr - das macht ja auch etwas mit einem selbst und den Filmen.

Standard: Heimat ist immer eine Konstruktion. In "Soul Kitchen" gibt es ein gemischtkulturelles Miteinander, viel Musik, Essen - entscheidende Zutaten für ein Zugehörigkeitsgefühl?

Akin: Es geht um ein Lebensgefühl, das schwer zu verbalisieren ist. Es hat auch viel mit Älterwerden zu tun. Ein Großteil meines Soziallebens bestand früher aus Ausgehen. Das war immer wichtig, selbst als ich schon liiert war. Was wird gehört, was ziehen die Leute an - ich war immer neugierig: Was bietet die Nacht? Jetzt wird anderes wichtiger. Und bevor ich zu alt werde und das Gefühl nicht mehr wahrhaftig ist, sondern nostalgisch, wollte ich diesen Film drehen.

Standard: Wie entgeht man denn der Nostalgie?

Akin: Indem man das Timing einhält und nicht zu spät anfängt zu filmen - und vielleicht auch nicht zu früh.

Standard: Der Film erzählt auch von Orten, die gentrifiziert werden. Geht es also um Dinge, die nicht nur in der Erinnerung, sondern auch in der Stadt verlorengehen?

Akin: Das ist ein sehr zerbrechliches Thema, weil es in die Politik hineinreicht. Wir kennen das alle: Es gibt ein heruntergekommenes Viertel, in dem die Mieten niedrig sind, No-go-Areas - und weil Künstler Platz brauchen, entdecken sie den Ort zuerst. Sie bringen hübsche Frauen mit, sie brauchen Cafés. Irgendwann schreibt dann jemand über diese Boheme, und die Makler denken sich, dass sie die Miete erhöhen müssen. Das Altbewährte muss aber nicht das Richtige sein. Die Küche des Lokals ist etwa nicht lecker, lecker, lecker - sondern einfach nur Schrott und ungesund. Während das neue Essen nicht nur teurer ist ...

Standard: Die Bobo-Kultur zieht ein - eine neue bourgeoise Boheme...

Akin: Sind das dann weder volle Bourgeoise noch Bohemiens? Wir erzählen den Film nur bis zu einem bestimmten Punkt. Wir zeigen, dass einige der alten Gäste zurückkommen - was perfekt ist. Was passiert, wenn alle von Spekulanten vertrieben werden, fehlt: Der Film hört in einer idealen Welt auf. Aber da wir die Figur des Maklers im Film haben, weiß man, in welche Richtung es gehen kann. So gibt es eine größere Identifikation: ein Teilsieg - man will ja immer, dass der Underdog sich durchsetzt.

Standard: Kann man gegen die Globalisierung und den Aspekt, dass gewisse Stadtteile immer ähnlicher aussehen, etwas ausrichten?

Akin: Man kennt diese Phänomene aus jeder Stadt, aus New York, Berlin - Prenzlauer Berg ist so ein Yuppie-Town geworden. Auch das Viertel, in dem ich in Hamburg lebe, hat sich komplett geändert. Man muss das verteidigen, aber es bringt auch wenig, zu sagen, früher sei alles besser gewesen. Natürlich soll man den Einzelhandel unterstützen und nicht zum Aldi-Markt gehen, obwohl der vielleicht sogar mehr bio ist als der Bioladen; ich mag etwa 30 km/h-Zonen, weil das kinderfreundlich ist - man muss auch die Vorteile sehen, die ein Lebensstandard mit sich bringt.

Standard: Die Musik des Films speist sich aus unterschiedlichen Quellen - es gibt Soul aus den 70ern, aber auch Lieder von Hans Albers oder Jan Delay. Wie wählen Sie das aus?

Akin: Ähnlich wie bei Crossing the Bridge wollte ich den Soundtrack auf die Stadt beziehen. Hamburg ist in erster Linie eine Soul-Stadt. Der Mojo Club war sehr berühmt - Prince hat da gespielt. Wir haben dort noch eine Szene gedreht, bevor er abgerissen wurde. La Paloma von Albers hat durch den Film Große Freiheit Nr. 7 den Hamburg-Bezug. Noch vor dem Drehbuch hatte ich schon den Soundtrack, von dem bestimmt 95 Prozent im Film gelandet ist. Ich habe befürchtet, es wird zu patchworkartig, aber es hat komischerweise Sinn gemacht. Es klang rund. Der Soundtrack war schon ein Bauplan.

Standard: Der Film ist sehr schwungvoll inszeniert, hauptsächlich mit Steadycam. Gab es da ein ausgetüfteltes Konzept?

Akin: Ich wollte ein Lebensgefühl zelebrieren und es nicht realistisch einfangen. Man behält den Film bunter in Erinnerung, als er eigentlich ist. Kostüm und Ausstattung sind eher bedeckt. Wir haben uns an Filmen orientiert, die erfolgreich Lebensgefühl transportieren: Boogie Nights und GoodFellas mit diesem 90er-Jahre-Stil. Da gibt es einen Druck in den Szenen, von dem wir auch erzählen - daher wollte ich so viel Bewegung wie möglich. Jede Geschichte erfordert eine andere Umsetzung. Wir haben versucht, diese Komödie eigentlich so traurig wie möglich zu erzählen. (Dominik Kamalzadeh/DER STANDARD, Printausgabe, 23. 12. 2009)


Zur Person
Fatih Akin (36), Sohn türkischer Einwanderer, wuchs in Hamburg auf. Nach mehreren Komödien gewann er mit "Gegen die Wand" den Goldenen Bären in Berlin und mit "Auf der anderen Seite" den Drehbuch-Preis in Cannes.

  • Die archaischen Mittel sind mitunter die effizientesten: Der
schmerzgeplagte Zinos (Adam Bousdoukos) beim Knochenbrecher Kemal (Ugur
Yücel) mit Masseuse (Dorka Gryllus) - ab Freitag im Kino.
    foto: polyfilm

    Die archaischen Mittel sind mitunter die effizientesten: Der schmerzgeplagte Zinos (Adam Bousdoukos) beim Knochenbrecher Kemal (Ugur Yücel) mit Masseuse (Dorka Gryllus) - ab Freitag im Kino.

  • Passionierter Hamburger: Fatih Akin.
    foto: robert newald

    Passionierter Hamburger: Fatih Akin.

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