Dienst an der "Kärntner Sache"

22. Dezember 2009, 17:25
57 Postings

Die Jubiläumsfeiern zum 90. Jahrestag der Kärntner Volksabstimmung sorgen für Wirbel: Die Ortstafel-Konsensgruppe fordert Einbindung, dem Heimatdienst wird "Verrat" vorgeworfen

Klagenfurt - Die Kärntner Ortstafel-Konsensgruppe fordert die Einbindung in die Kärntner Jubiläumsfeiern anlässlich der 90. Wiederkehr des Gedenkens an die Kärntner Volksabstimmung am 10. Oktober 2010. Dieses Jubiläum soll mit etlichen Landesfeiern und einem riesigen Festzug begangen werden.

Die Konsensgruppe, die sich intensiv um die Aussöhnung der deutsch- und slowenischsprachigen Volksgruppen in Kärnten bemüht und dafür mehrfach preisgekrönt worden war, wurde weder in die Vorbereitungen noch zur Mitwirkung bei den Landesfeiern einbezogen. Vor allem dem Kärntner Heimatdienst (KHD) und dessen Obmann Josef Feldner wirft die quer über die Kärntner Parteien (außer den Grünen), Kärntner Abwehrkämpfer- und Kameradschaftsbund verteilte deutschnationale "Heimatfraktion" "Verrat an der Kärntner Sache" vor. Landeshauptmann Gerhard Dörfler, der das zulasse, sei "kein Brückenbauer", so die Konsensgruppe.

Der Kärntner Heimatdienst wurde 1920 gegründet, just um damals die gemischtsprachige Bevölkerung Südkärntens aufzurufen, sich per Plebiszit gegen das SHS-Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen und für einen Verbleib bei der jungen Republik Österreich zu entscheiden. Aber auch die übrigen Mitglieder der Konsensgruppe sind unerwünscht: Marjan Sturm vom slowenischen Zentralverband, Bernard Sadovnig (Gemeinschaft der Sloweninnen und Slowenen), Heinz Stritzel (Plattform Kärnten) sowie der Historiker Stefan Karner, unter dessen Moderation 2005 das Ortstafel-Konsenspapier als Grundlage für Wolfgang Schüssels Ortstafellösung entstanden war.

Bis heute ist eine solche offen. Den Vorschlag von Landeshauptmann Dörfler, einfach Bruno Kreiskys Ortstafelverordnung aus dem Jahre 1977 mit der 25-Prozent-Regelung für zweisprachige Ortstafeln in der Verfassung festzuschreiben, lehnt die Konsensgruppe ab. Diese Verordnung hatte der Verfassungsgerichtshof (VfGH) 2001 gekippt. Seither gibt es etliche VfGH-Urteile zu zweisprachigen Kärntner Ortstafeln, die bis heute nicht umgesetzt wurden.

Friedensarbeit

Dessen ungeachtet will die Konsensgruppe ihre Friedensarbeit weiter forcieren. Man will jetzt die Geschichte gemeinsam aufarbeiten. In einem Buch über Täter und Opfer sollen persönliche Erfahrungen von beiden Seiten differenziert aufgearbeitet werden. Die alte Kampfparole "Du Nazi" - "Du Partisan" soll allen Widerständen zum Trotz aufgebrochen werden, denn auch auf der kärntnerslowenischen Seite ist man weiterhin gespalten. (Elisabeth Steiner, DER STANDARD, Printausgabe, 23.12.2009)

WISSEN: Steter Kärntner Abwehrk(r)ampf

Nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie fallen Truppen des neuen Königsreichs der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS) in Kärnten ein. Im Kärntner Abwehrkampf 1919 werden sie zurückgeschlagen, 1920 findet die Kärntner Volksabstimmung statt, als deren Ergebnis das zweisprachige Gebiet Südkärntens mehrheitlich für den Verbleib bei Österreich votiert. Schon 1918 existierte in Kärnten die deutsche nationalsozialistische Partei.

Nach dem Anschluss 1938 - Kärnten verfügte über den höchsten Anteil illegaler Nationalsozialisten - wurden Kärntner Slowenen verfolgt und ausgesiedelt. 1945 dringen nach dem Sturz der NS-Schreckensherrschaft Partisanenverbände nach Kärnten vor, Jugoslawien erhebt Anspruch auf Teile Kärntens und der Steiermark.

1955 sichert der Staatsvertrag, der auch auf dem NS-Widerstand der Kärntner Partisanen gründet, den Kärntner Slowenen weitgehende Minderheitenrechte zu. 1972 bricht der Ortstafelsturm los, Kanzler Bruno Kreisky und Landeshauptmann Hans Sima (SPÖ) scheitern an der Ortstafelfrage. 1977 wird die Ortstafelverordnung mit der 25-Prozent-Klausel erlassen, die der VfGH 2001 kippt. Bis heute ist nicht einmal diese vollständig erfüllt. (stein)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Trickreich versuchten der damalige Landeshauptmann Jörg Haider und sein Nachfolger Gerhard Dörfler, damals Verkehrslandesrat, im August 2006 zweisprachige Ortstafeln zu umgehen.

Share if you care.