Neuronaler Nachhall beeinflusst optische Wahrnehmung

1. Jänner 2010, 13:06

Laut TU-Studie haben Nervenzellen eine Art Erinnerungsvermögen, die das Gesehene beeinflusst

Graz/Wien - Die optische Säugetier- und damit auch menschliche Wahrnehmung wird nicht allein vom Objekt der Betrachtung bestimmt, sondern auch davon, was unmittelbar vorher angesehen wurde. Das Auge sieht daher sozusagen durch die Brille der unmittelbaren Vergangenheit, stellten Wissenschafter um Wolfgang Maass von der Technischen Universität (TU) Graz in einem vom Wissenschaftsfonds FWF unterstützten Untersuchung fest.

Die Arbeiten der Informatiker und Neurowissenschafter wurden in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt (Deutschland) durchgeführt und in der Wissenschaftszeitschrift PLoS Biology veröffentlicht.

"Live recording"

Für die Experimente wurden 100 Nervenzellen des Sehzentrums im Gehirn angezapft und die ankommenden Reize bei verschiedenen Situationen per Computer ausgewertet. Erfasst wurden die sogenannten Spikes, also die kurzfristigen Veränderungen des elektrischen Potenzials der Nervenzellen. Insgesamt ergibt sich aus den 100 Nervenzellen ein räumlich-zeitliches Muster der Aktivitäten, quasi als "live recording". Das Muster enthält sowohl die Zahl der Spikes als auch deren zeitliche Abfolge.

Bisher gingen die Wissenschafter davon aus, dass die neuronale Reaktion auf einen Sinnesreiz nur Informationen über genau diesen Reiz enthält und keine weiteren. Die durch die TU-Wissenschafter durchgeführten Auswertungen der Versuche zeigte allerdings, dass jede Wahrnehmung gleichsam einen Nachhall erzeugt, erklärte Maass. Jedes wahrgenommenen Bild wird tatsächlich von den unmittelbar zuvor gesehenen Eindrücken beeinflusst und enthält auch Informationen dieser Vergangenheit.

Lange Verarbeitungszeit

Die Auswertung der Daten zeigte aber auch, "dass die Nervenreaktion schon in der ersten Verarbeitungsstufe im Gehirn mehrere 100 Millisekunden andauern", so der Wissenschafter. Das sei vor dem Hintergrund der Geschwindigkeit von physiologischen Vorgängen in Nervenzellen "ausgesprochen lang".

Insgesamt ergeben die Untersuchungen einen ersten experimentellen Beweis für das von Maass gemeinsam mit Hirnforschern erarbeitete neue Modell für Rechenvorgänge im Gehirn, dem "liquid computing model". Dieses geht im Gegensatz zu bisher vorherrschenden theoretischen Modellen davon aus, dass biologische Computer nicht jede Information für sich in einem festen Zeittakt bearbeiten, also wie an einem Fließband, sondern in kleinen Paketen. Diese bestehen aus ineinander fließenden und sich überlagernden Informationen aus verschiedenen Zeitabschnitten. (red/APA)

Popel
12
Ineinander fließende und überlagernde Informationen....

Das Prinzip der Überlagerung und der verfließenden Zeitpaketen wird bald die Welt der Informatik beeinflussen.

Ganz kräftig, weil damit Information, stark im Volumen vermindert, dargestellt werden.

Wer nicht erkennt was das bedeutet ist selber schuld.

Bonobo
02
Viel interessanter ist der Zusammenhang mit Autofahren

> Die Auswertung der Daten zeigte aber auch, "dass die Nervenreaktion
> schon in der ersten Verarbeitungsstufe im Gehirn mehrere 100 Millisekunden
> andauern", so der Wissenschafter. Das sei vor dem Hintergrund
> der Geschwindigkeit von physiologischen Vorgängen in Nervenzellen
> "ausgesprochen lang".

Überlegen sie sich mal den Zusammenhang von mehreren 100 ms Reaktionszeit des Auges und der Geschwindigkeit auf unseren Autobahnen. Das ergibt sich eine Wahrnehmbarkeitsgrenze bis ca. 160 bis 170km/h.
Bei schnellerem Fahren "lebt" Fahrer nur noch davon, weil auf der Autobahn wenig stehende Hindernisse anzutreffen sind.
;-)

nomad13
00

...siehe Rallyfahrer Röhrl - der hatte vorab - jeden Kieselstein in seine Flimmerkiste gespeichert - dass machte ihn zum Besten

Der Ätzer
00
Sie haben recht - es funktioniert auf Grund der "Gewohnheit" vorauszudenken.

Das ist ein Fähigkeit die nicht allen gleich gegeben ist.

Darum werden Sensoren an Autos viele Unfälle verhindern können.

Schon mit der Aktion wird der Autopartner informiert und die Reaktionszeit von ~0.3 Sekunden entfällt.

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