Sanierung jüdischer Friedhöfe

Gräber und Geschenke

22. Dezember 2009 15:14

Das beschämende Hickhack zwischen Bund und Ländern werden die Überlebenden des Holocaust und ihre Nachkommen nicht so bald vergessen

Dass Ariel Muzicant, der sonst streitbare Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, angesichts der Einigung darüber, wer im Zuge der Erhaltung der verfallenden jüdischen Friedhöfe welche Kosten übernimmt, von einem "Geschenk" spricht, zeigt, wie wichtig es Muzicant war, hier zu einem Ergebnis zu kommen war. Denn ein Geschenk, egal ob zu Channukah oder zu Weihnachten, ist etwas, worauf man keinen Anspruch hat. Etwas, was einem in den Schoß fällt. Ein Geschenk, das ist in letzter Konsequenz ein Gnadenakt. Ein Almosen.
Aber so hat das Muzicant bestimmt nicht gemeint: Sein Wort vom "Geschenk" bezog sich auf die Freude und Erleichterung darüber, dass der dramatische Verfall, dem etliche österreichische jüdische Friedhöfe in den vergangenen Jahren ausgesetzt waren, nun endlich gestoppt werden dürfte.
Und dass genau das kein huldvoll gegönntes Geschenk sondern eine vertraglich garantierte, aber über Jahre hinaus nicht erbrachte Garantieleistung der Republik ist, kann dadurch die Freude über den späten Erfolg schon einmal ausgeblendet werden. Aber nur kurz.

Denn das beschämende, kleingeistige, elende und langjährige Hickhack zwischen Bund und Ländern werden weder die Überlebenden des Holocaust noch ihre Nachkommen so bald vergessen: Kraft ihrer geringen Zahl waren und sind sie schlicht außer Stande, die Gräber der einst großen jüdischen Gemeinde Österreichs zu pflegen.

Und auch andere werden sich wohl noch lange erinnern: Der Zustand der Friedhöfe war so verheerend, dass Mitarbeiter der US-Botschaft erstmals 2007 in ihrer Freizeit und mit selbstgekauftem Werkzeug anrückten, um Hand anzulegen. Amerikanisches "Just do it" traf frontal auf etwas Ur-Österreichisches: Wegschauen.
Wie peinlich das tatsächlich war, wusste damals wie heute kaum einer dieser ehrenamtlichen Grabpfleger: Für die Gräber der Täter hat die Republik nämlich Geld - seit 1948 pflegt sie Soldatengräber. Auch die von SS-Angehörigen. Und zwar ohne jede Diskussion. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 22.12.2009)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 46
1 2
dermartino
23.12.2009 16:52

Wird hier im letzten Satz ein Kompromiss angedeutet?

Für jedes Grab soviel öffentliche Gelder wie für ein Soldatengrab? Dann würden von den 40 Millionen nur mehr ein winziger Bruchteil übrigbbleiben.

Diese "Fühlt euch jetzt alle ganz böse"-Keule ist zum Kotzen und zum Gähnen. Die Zahl derer, die so einen Artikel ernstnehmen können, nimmt zusehends ab...

Häuptling Abendwind
23.12.2009 14:02
Warum wird der Friedhof vor den Toren Jerusalems eigentlich nicht gepflegt?

Ganz einfach: Es ist aus religiösen Gründen verboten!
Sitzen die ahnungslosen Gojims einer gewaltigen Chuzpe auf?
PS: Wenn ein Österreicher keine Angehörigen mehr hat, die das Grab und dessen Pflege zahlen, dann wird es einfach aufgelassen - sang und klanglos. Warum sollte das bei jüdischen Gräbern anders sein?

hans506
23.12.2009 16:20
urnengrab auflassung

wurde letztens im ard gezeigt. wenn nicht mehr für die grabstätte gezahlt wird, kommt die urne( im aldisackerl)zum sondermüll. so geht`s bei uns christen zu.

Mucosaprolaps
23.12.2009 15:31

IMO hast du das missverstanden:
Es ist nicht verboten, Blumen vorbeizubringen oder Unkraut zu jäten.

Es ist aber verboten, nach 30 Jahren das Grab aufzulassen, verbliebene Knochen mit dem Hammer zu zerbröseln und die Grabstätte an jemanden anderen zu vermieten, wie dies sonst üblich ist. Wer einmal in einem jüdischen Grab liegt, bleibt auch dort; bei uns wird das lockerer gehandhabt.

Häuptling Abendwind
23.12.2009 20:08
Na fein.

Dann sollen es aber auch die blechen, die dieses Verbot so eingehalten wünschen.
Fänden Sie das nicht auch gerecht? Im übrigen bin ich der Meinung, dass der jüdisch-säkulare Friedhof am Zentralfriedhof dringend saniert gehört- nicht aus Schuldgefühlen, sondern weil die Grabstätten teilweise archtiektonisch erhaltenswert sind. Die Abgefallenen sind der IKG aber wurscht.... eh klar.

Zinnmo
 
23.12.2009 12:55

Ganz ehrlich: 20 Millionen verteilt auf 10 Jahre? Das sind Peanuts! Gerade deswegen, weil das Geld umgehend wieder in die österreichische Wirtschaft fliesst. Pflege für Friedhöfe heisst Arbeit für Gärtner und Steinmetze.

Ganz abgesehen von der moralischen Verpflichtung, die nicht zu bestreiten ist, aber sehr oft wird Geld weit schlechter investiert.

nukularteilchen
23.12.2009 12:10

Religion ist Privatsache und sollte nicht vom Staat finanziert werden. Der Staat sollte...MUSS sich um seine Bürger kümmern die immer weniger in der Tasche haben und zunehmend verarmen. Ausserdem, wenn man einer Religion Geld gibt sollte man auch den Muslimen und Buddisten paar Millionen schenken.

dahofawors
23.12.2009 09:49
nur so eine erinnerung:

vor mind. 10 jahren ging ich manchmal im währinger jüdischen friedhof spazieren.

dort trieb sich ein dachs herum, viele gebeine lagen zerstreut herum.

fibiundchillie
23.12.2009 08:18
angesichts der meisten psts hier sei nochmals gesagt:

nix "Geschenk", weder x-mas noch chanukka...

die republik österreich erfüllt damit simpel einen Vertrag, den sie vor zig Jahren geschlossen hat.
Auch wer kein Verständnis für die Sache an sich hat, könnte doch dem Gedanken nahetreten, daß unser (sic!) Österreich vertragskonform agiert?

Sollt sich doch als minimum-konsens ausgehen
sollt man meinen dürfen...

baumfreund
23.12.2009 17:42
und damit es schneller geht

könnte ja der millionär muzikant auch eine kleinigkeit dafür spenden!

das gute gnu
23.12.2009 10:14
verträge ...

... kann man meines wissen einklagen - warum ist dies wohl nicht gemacht worden?

ein schelm ...

d_parker
25.12.2009 13:49
Mei, wie liab! Einklagen am Bezirksgericht, oder wie?

Völkerrechtliche Verpflichtungen funktionieren ein bisserl anders als sich dass das ahnungslose Gnu vorstellt...

http://www.de.nationalfonds.org/docs/BGBl... 1_2001.pdf

free spirit
23.12.2009 08:03
bei allem respekt für die toten die in frieden ruhen sollen

gibt es viel zu viele lebende die ein warmes plätzchen brauchen könnten.

imir
23.12.2009 07:25

Wofür im A-Land Steuergeld zum Fenster hinaus geworfen wird, ist schon sagenhaft.

jhau
23.12.2009 11:07
Anstatt guten Vorbildern im Umgang mit Friedhöfen zu folgen

http://www.haaretz.co.il/hasen/spa... 32596.html

Österreich hat noch viel zu lernen.

d_parker
25.12.2009 14:15
Nicht alles was hinkt ist ein Vergleich...

Betreffend die Situation mit dem MOT in Jerusalem:
Ein Parkplatz ist kein Problem, ein auf einem vom obersten muslim. Geistlichen in Jerusalem um 1930 verkauften Teil des Grundstücks errichtetes Hotel ist kein Problem. Amin el-Husseini wollte dort in den 1920ern eine muslim. Hochschule als Gegengewicht zur Hebrew University bauen, was nicht verwirklicht wurde. War auch keine Entweihung des Friedhofs.

Aber das MOT ist ein Problem? Also bitte, es ist doch offensichtlich, dass Sorge um die Totenruhe NICHT die Motivation der Protestierenden darstellt...

dermartino
23.12.2009 16:55

Widerlich...

Natürlich kann die Mehrheit der Juden nichts für die Präpotenz der Wiesenthalmuseumserrichter, aber die Scheinheiligkeit in diesem Zusammenhang ist schier unfassbar.

Lethawae
23.12.2009 05:17

Nie hat mich ein Rottenberg so begeistert wie hier.

fibiundchillie
23.12.2009 08:12

yeppi

max ritz
22.12.2009 19:10
Friedhofs-Tourismus

wenn man Prag schaut, so funktioniert der Friedhofstourismus, sogar mit Eintrittsgeldern. Und warum sollte das nicht auch in Ö funktionieren? In Salzburg schieben sich Massen von Touristen auf dem St.Peter-Friedhof oder dem Sebastian-Friedhof. Ich glaube daß es auch auf dem St.Marxer-Friedhof Touristen gibt.
Die Tourismus-Manager sollten einmal diese Nische in ihr Programm aufnehmen!

dermartino
23.12.2009 16:56

Sollte es so etwas geben, dann wirds wahrscheinlich so sein: Renovierung vom Steuerzahler, Eintritte für die jüdische Gemeinde! Das ist schließlich eine moralische Verpflichtung

Die dritte Seite der Medaille
22.12.2009 22:47

ich führe- ganz privat, für ne anschließende Essens- Einladung, regelmäßig Freunde und Verwandte über die Wiener Friedhöfe.
Ich bin sicher, dass da einige auch ein bisserle Geld dafür bezahlen würden.

mika33
22.12.2009 16:42
Naja, die Soldaten sind auch im WK2 gestorben, Täter waren zwiefellos dabei

aber der überwiegende Teil davon waren einfache Soldaten, die absolut unfreiwillig ihre Familien zurücklassen mussten und nie mehr wieder gekehrt sind, wie auch mein Großvater ...
Also einfach alle Soldaten als Täter zu bezeichnen finde ich ungerecht.

Aber auf jeden Fall finde ich es richtig und wichtig die jüdischen Friedhöfe zu pflegen und zu erhalten.

G e o r g
22.12.2009 23:45

Rottenberg hat nicht geschrieben, dass alle in den Soldatengräbern Täter waren, sodern dass die Republik die Gräber (und Denkmäler!) der Täter ohne Diskussion immer schon finanziert, während die der Opfer nur unter großem Druck und nach langem Hinauszögern gepflegt werden.

max ritz
22.12.2009 19:03
es gibt eine 'politische Schuld'

dh wenn sich die Mehrheit für den Diktator entscheidet, haben alle zu leiden.
Wir sollten uns auch heute genau überlegen, welche Partei wir wählen, es könnte ja wieder ähnlich kommen wie 1938!

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 46
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.