Rundschau: Für Odin, Jahwe und Ganesha

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coverfoto: subterranean press

John Scalzi (Hrsg.): "Metatropolis"

Gebundene Ausgabe, 264 Seiten, Subterranean Press 2009.

U-huuu, John Scalzi. Fans von Military SF wässert bei dem Namen augenblicklich der Mund, wurde dem Jung-Haudegen aus Kalifornien nach seinem "Krieg der Klone" doch schon bescheinigt, der legitime Erbe Robert A. Heinleins zu sein. Doch Scalzi kann auch ganz andere Szenarien entwerfen - und wenn er's gemeinsam mit anderen AutorInnen im Rahmen einer Shared World tut, die sie im Fünferverbund entworfen haben. Ungewöhnlicherweise für eine Hörbuch-Anthologie, die erst nachträglich ins gedruckte Format überführt wurde. "Metatropolis" hatte die Zielvorgabe, einem vielgenutzten und damit zum Klischee verkommenen Motiv der Science Fiction entgegenzuwirken: Dem Bild vom dysfunktionalen Großstadtmoloch, der als Bühne und zugleich Sinnbild für einen zivilisatorischen Verfall im allgemeinen herhalten muss. In den fünf Geschichten der Anthologie, die überdies mit einer viel zu selten gelesenen Grassroots-Philosophie glänzt, werden Städte ganz im Gegenteil zu Inseln neuer Hoffnung ... in einer Welt des 21. Jahrhunderts, die tatsächlich ein Stück den Bach runter gegangen ist. Allerdings wird der Begriff "Stadt" hier - siehe den wortspielerischen Titel - einigen recht freien Neudefinitionen unterzogen.

Ja, es gab einen Klimawandel mit allen Folgeerscheinungen - doch spielt er hier nur eine Hintergrundrolle und hätte in seinen Auswirkungen deutlich abgeschwächt werden können, wenn ihm nicht das eigentliche Desaster vorangegangen wäre: Eine schleichende gesellschaftliche Machtverschiebung von der politischen hin zur ökonomischen Sphäre, wie sie unsere Gegenwart prägt und wie sie Autoren von William Gibson bis zu Richard Morgan weitergedacht haben. Ganz ähnlich die Ausgangslage in "Metatropolis": Die Wirtschaft konnte oder wollte den Wegfall staatlicher Verantwortung nicht kompensieren. Vernachlässigung der Infrastruktur, aus Not geborene soziale Konflikte und Verfall prägen das Bild - The Wilds sind nicht nur das marode Land, sie beginnen schon in den Suburbs rund um die neuorganisierten Stadtkerne. Doch anders als etwa in Morgans "Profit" ist der deprimierende Status quo nicht zwangsläufig ausweglos: Neue selbstorganisierte Gruppen streben einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel von den Wurzeln her an - wie die digitalen Nomaden, auf die Cadie in Elizabeth Bears Erzählung "The Red in the Sky Is Our Blood" trifft, als sie sich in Detroit vor ihrem brutalen Mann versteckt und nun das Konzept des distributed living kennenlernt: "It's hope. Even if it fails. We need hope."

Detroit wird auch zum Schauplatz eines Straßenguerillakrieges, der - weitgehend gewaltlos und umso faszinierender - in Sachen Taktik-Spiele viele militärlastige SF-Erzählungen blass aussehen lässt: Tobias Buckell, im deutschen Sprachraum mit "Kristallregen" und "Streuner" bekannt geworden, lässt in "Stochasti-City" den Türsteher Reginald auf eine Initiative treffen, die alle Register zieht, um ausgerechnet "Motown" in eine autolose Stadt zu verwandeln ... und das ist erst der Anfang. Den schwer bewaffneten Ordnungskräften entziehen sich die low footprint nomads mit genialen Methoden, die eine direkte Weiterführung der Flashmobs und Handy-gesteuerten Demonstrationszüge unserer Tage sind und die Anthologie damit so gut an die Realität anknüpfen lassen, wie es nur wenige SF-Geschichten der letzten Zeit geschafft haben.

"In the Forest of the Night" von Jay Lake führt uns in die Stadt Cascadiopolis im pazifischen Nordwesten, wo sich Alt-Hippies, Silicon Valley-Nerds und Globalisierungsskeptiker unter dem Vorzeichen der soft-path technology zusammengefunden haben. Abgesichert gegen den Zugriff der missgünstigen Außenwelt verbirgt sich da ein hochtechnologisches Lothlorien zwischen Basalt und Mammutbäumen, das zur Quelle von Innovationen wird und - sehr zum Missfallen von Machtträgern alter Schule - diese open source der gesamten Welt zur Verfügung stellt. Als zeitgleich der charismatische Tygre und die Konzernbeauftragte Happiness Cardoza in der egalitären Gemeinschaft eintreffen, steht bald die physische Existenz der "Stadt" auf dem Spiel - aber mehr noch ihr Überleben als Prinzip.

Open source ist zugleich das Stichwort für John Scalzis eigenen Beitrag, "Utere nihil non extra quiritationem suis", denn diese Philosophie hat sich in New St. Louis noch nicht durchgesetzt. Ihr Wissen um vertikale Farmen, Total-Recycling und andere Methoden, die sie zum zero footprint paradise machen, teilt die Stadt bislang nicht mit dem hungernden Umland. Stattdessen hält sie nur zu anderen privilegierten Städten weltweit Kontakt: ein deutlich unsympathischeres Szenario, das ziemlich genau dem von Jean-Christophe Rufins "Globalia" entspricht. Klar, dass da ein Wandel her muss, und Scalzi schildert ähnliche Prozesse wie zuvor Buckell, nur diesmal aus der anderen Perspektive. Eine gute Geschichte voller witziger Wortgefechte - ein wenig schade nur, dass Scalzi die Grassroots-Philosophie hier nur in der Hintergrundhandlung anklingen lässt, sie im eigentlichen Geschehen rund um den jugendlichen Slacker Benji aber mit einem eigentlich unnötigen Held-Schurke-Mechanismus unterläuft.

Am weitesten wird das Meta-Stadt-Konzept von Karl Schroeder getrieben, dessen spektakuläre "Virga"-Reihe über eine Welt ohne Schwerkraft übrigens demnächst auf Deutsch anläuft. Ein bisschen vom Irdischen losgelöst haben sich auch die ProtagonistInnen seiner Erzählung "To Hie From Far Cilenia": Hier haben sich nicht nur Gemeinschaften wie Cascadiopolis von den Staaten, auf deren Territorium sie nominell liegen, abgetrennt, es existieren ganze Online-Nationen mit realer Wirtschaft und realen Bürgern: Keine virtuelle "Matrix"-Welt, sondern ein neuartiges Netzwerk von Interaktionen, beständig im Fluss und sich laufend um aktuelle Attraktoren neugruppierend. Es ist nichts anderes als eine veränderte Sicht der Realität, in die der Nuklearinspektor Gennady hier nach und nach eingeführt wird, das it 2.0. Auch hier gelten aber die alten Konflikte zwischen individuellen Entscheidungen und gestaltenden Konzepten im Hintergrund, für deren Plan man manchmal arbeitet, ohne es überhaupt zu wissen. Beeindruckende Geschichte. - Gesamtresümee von "Metatropolis": Sehr lesenswert. Auch Science Fiction ohne Singularitäten und transhumane Szenarien kann State of the Art sein. Und wer vom Thema angefixt ist: Im Sommer erscheint bei Tor Books eine Ausgabe, die nur halb soviel kostet wie die jetzige.

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