Rundschau: Für Odin, Jahwe und Ganesha

Josefson
23. Jänner 2010, 13:02
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coverfoto: subterranean press

John Scalzi (Hrsg.): "Metatropolis"

Gebundene Ausgabe, 264 Seiten, Subterranean Press 2009.

U-huuu, John Scalzi. Fans von Military SF wässert bei dem Namen augenblicklich der Mund, wurde dem Jung-Haudegen aus Kalifornien nach seinem "Krieg der Klone" doch schon bescheinigt, der legitime Erbe Robert A. Heinleins zu sein. Doch Scalzi kann auch ganz andere Szenarien entwerfen - und wenn er's gemeinsam mit anderen AutorInnen im Rahmen einer Shared World tut, die sie im Fünferverbund entworfen haben. Ungewöhnlicherweise für eine Hörbuch-Anthologie, die erst nachträglich ins gedruckte Format überführt wurde. "Metatropolis" hatte die Zielvorgabe, einem vielgenutzten und damit zum Klischee verkommenen Motiv der Science Fiction entgegenzuwirken: Dem Bild vom dysfunktionalen Großstadtmoloch, der als Bühne und zugleich Sinnbild für einen zivilisatorischen Verfall im allgemeinen herhalten muss. In den fünf Geschichten der Anthologie, die überdies mit einer viel zu selten gelesenen Grassroots-Philosophie glänzt, werden Städte ganz im Gegenteil zu Inseln neuer Hoffnung ... in einer Welt des 21. Jahrhunderts, die tatsächlich ein Stück den Bach runter gegangen ist. Allerdings wird der Begriff "Stadt" hier - siehe den wortspielerischen Titel - einigen recht freien Neudefinitionen unterzogen.

Ja, es gab einen Klimawandel mit allen Folgeerscheinungen - doch spielt er hier nur eine Hintergrundrolle und hätte in seinen Auswirkungen deutlich abgeschwächt werden können, wenn ihm nicht das eigentliche Desaster vorangegangen wäre: Eine schleichende gesellschaftliche Machtverschiebung von der politischen hin zur ökonomischen Sphäre, wie sie unsere Gegenwart prägt und wie sie Autoren von William Gibson bis zu Richard Morgan weitergedacht haben. Ganz ähnlich die Ausgangslage in "Metatropolis": Die Wirtschaft konnte oder wollte den Wegfall staatlicher Verantwortung nicht kompensieren. Vernachlässigung der Infrastruktur, aus Not geborene soziale Konflikte und Verfall prägen das Bild - The Wilds sind nicht nur das marode Land, sie beginnen schon in den Suburbs rund um die neuorganisierten Stadtkerne. Doch anders als etwa in Morgans "Profit" ist der deprimierende Status quo nicht zwangsläufig ausweglos: Neue selbstorganisierte Gruppen streben einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel von den Wurzeln her an - wie die digitalen Nomaden, auf die Cadie in Elizabeth Bears Erzählung "The Red in the Sky Is Our Blood" trifft, als sie sich in Detroit vor ihrem brutalen Mann versteckt und nun das Konzept des distributed living kennenlernt: "It's hope. Even if it fails. We need hope."

Detroit wird auch zum Schauplatz eines Straßenguerillakrieges, der - weitgehend gewaltlos und umso faszinierender - in Sachen Taktik-Spiele viele militärlastige SF-Erzählungen blass aussehen lässt: Tobias Buckell, im deutschen Sprachraum mit "Kristallregen" und "Streuner" bekannt geworden, lässt in "Stochasti-City" den Türsteher Reginald auf eine Initiative treffen, die alle Register zieht, um ausgerechnet "Motown" in eine autolose Stadt zu verwandeln ... und das ist erst der Anfang. Den schwer bewaffneten Ordnungskräften entziehen sich die low footprint nomads mit genialen Methoden, die eine direkte Weiterführung der Flashmobs und Handy-gesteuerten Demonstrationszüge unserer Tage sind und die Anthologie damit so gut an die Realität anknüpfen lassen, wie es nur wenige SF-Geschichten der letzten Zeit geschafft haben.

"In the Forest of the Night" von Jay Lake führt uns in die Stadt Cascadiopolis im pazifischen Nordwesten, wo sich Alt-Hippies, Silicon Valley-Nerds und Globalisierungsskeptiker unter dem Vorzeichen der soft-path technology zusammengefunden haben. Abgesichert gegen den Zugriff der missgünstigen Außenwelt verbirgt sich da ein hochtechnologisches Lothlorien zwischen Basalt und Mammutbäumen, das zur Quelle von Innovationen wird und - sehr zum Missfallen von Machtträgern alter Schule - diese open source der gesamten Welt zur Verfügung stellt. Als zeitgleich der charismatische Tygre und die Konzernbeauftragte Happiness Cardoza in der egalitären Gemeinschaft eintreffen, steht bald die physische Existenz der "Stadt" auf dem Spiel - aber mehr noch ihr Überleben als Prinzip.

Open source ist zugleich das Stichwort für John Scalzis eigenen Beitrag, "Utere nihil non extra quiritationem suis", denn diese Philosophie hat sich in New St. Louis noch nicht durchgesetzt. Ihr Wissen um vertikale Farmen, Total-Recycling und andere Methoden, die sie zum zero footprint paradise machen, teilt die Stadt bislang nicht mit dem hungernden Umland. Stattdessen hält sie nur zu anderen privilegierten Städten weltweit Kontakt: ein deutlich unsympathischeres Szenario, das ziemlich genau dem von Jean-Christophe Rufins "Globalia" entspricht. Klar, dass da ein Wandel her muss, und Scalzi schildert ähnliche Prozesse wie zuvor Buckell, nur diesmal aus der anderen Perspektive. Eine gute Geschichte voller witziger Wortgefechte - ein wenig schade nur, dass Scalzi die Grassroots-Philosophie hier nur in der Hintergrundhandlung anklingen lässt, sie im eigentlichen Geschehen rund um den jugendlichen Slacker Benji aber mit einem eigentlich unnötigen Held-Schurke-Mechanismus unterläuft.

Am weitesten wird das Meta-Stadt-Konzept von Karl Schroeder getrieben, dessen spektakuläre "Virga"-Reihe über eine Welt ohne Schwerkraft übrigens demnächst auf Deutsch anläuft. Ein bisschen vom Irdischen losgelöst haben sich auch die ProtagonistInnen seiner Erzählung "To Hie From Far Cilenia": Hier haben sich nicht nur Gemeinschaften wie Cascadiopolis von den Staaten, auf deren Territorium sie nominell liegen, abgetrennt, es existieren ganze Online-Nationen mit realer Wirtschaft und realen Bürgern: Keine virtuelle "Matrix"-Welt, sondern ein neuartiges Netzwerk von Interaktionen, beständig im Fluss und sich laufend um aktuelle Attraktoren neugruppierend. Es ist nichts anderes als eine veränderte Sicht der Realität, in die der Nuklearinspektor Gennady hier nach und nach eingeführt wird, das it 2.0. Auch hier gelten aber die alten Konflikte zwischen individuellen Entscheidungen und gestaltenden Konzepten im Hintergrund, für deren Plan man manchmal arbeitet, ohne es überhaupt zu wissen. Beeindruckende Geschichte. - Gesamtresümee von "Metatropolis": Sehr lesenswert. Auch Science Fiction ohne Singularitäten und transhumane Szenarien kann State of the Art sein. Und wer vom Thema angefixt ist: Im Sommer erscheint bei Tor Books eine Ausgabe, die nur halb soviel kostet wie die jetzige.

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Wuotan mit uns

Herr Josefson, ich hoffe Sie sind nicht krank...

Mein Büchervorrat geht zu Ende....

J. Josefson
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Die nächste Rundschau erscheint am 20. März. Da hab ich zwar Geburtstag, aber anders als beim inzwischen zu Ende gegangenen Urlaub halte ich vorarbeiten da für ethisch vertretbar :)

lassen Sie mich raten

der 42ste?

J. Josefson
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Glücklicherweise nicht :-)))

na toll

wieder 4 bücher die ich lesen muss... danke ;)

auf cameron pierce bin ich wirklich gespannt, ich hoffe es ist nicht überall mit 3 wochen lieferzeit wie bei amazon (wobei die assgoblins sind schon bestellt gg)

geniesen sie ihren urlaub :) ich freu mich schon auf den märz review

Weiß jemand ob das "Rad der Zeit" von Robert Jordan von einem anderen Schriftsteller fertig geschrieben wird?

Würde mich schon frusten wenn nach >30 Bänden kein Ende mehr käme.

hallo

in den letzten zeilen stehts
http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Jordan

Danke schön. Als ich das letzte Mal dort nachgesehen habe, gab es den Eintrag über die Fertigstellung noch nicht.

Finde ich gut. Wenn man sich durch 31 Teile kämpft, möchste man doch gerne den Schluß erfahren.

The Gathering Storm, Band 12 im Englischen wird in 3 Einzelteilen herausgegeben.

Der Erste Teil (12a) kam glaub ich im Herbst letzten Jahres im Hardcover raus und den hab ich gleich verschlungen.

Zum Einstimmen vorher nochmal Band 11 und dann war ich wieder in der wunderbaren Welt von Wheel of Time!

da fehlt Tad Williams

Otherland - grandioses Meisterwerk

Willkommen in dieser Rubrik!

Wie sie noch bemerken werden, erfolgt hier eine monatliche Besprechung neu erschienener F&SF Bücher. Dies ist keine "best of" Liste.

Ein Zyklus, die vor mehr als zehn Jahren begann und vor sieben Jahren abgeschlossen wurde, fehlt also nicht wirklich.

ich mag josefsons perverses zeug. hätt ich nur genügend zeit ...

@josefson

übrigens: ich kaue noch eifrig an kirith kirin.

ich bin überrascht, wie poetisch er ist. vielleicht liegt das daran, dass er ja eigentlich ein theaterautor war, bevor er hin und wieder mal einen (kleinen) roman ausgeworfen hat. dream boy war ganz hervorragend, die verfilmung von james bolton übrigens auch, die kamera von sarah levy war großartig. comfort and joy war unendlich langweilig.

kirith kirin fällt halt auch unter die kategorie "junge vom lande ist zu höherem bestimmt", aber immerhin ist es grimsley auf witzige und einfallsreiche weise gelungen, magie auf physikalische weise zu erklären, in dem er die superstringtheorie dafür hernimmt ... innovativ.

die paar liebesszenen sind da schon fast nebensache - wenn auch erfreulich.

metro 2034 fand ich enttäuschend.
widersprüchliche und klischeehafte charaktere, uninteressante dialoge, langweilige handlung.

2033 war keine stilistische offenbarung, aber es ist immerhin etwas passiert.

Grenzlande: Die Verpflichtung war ein Zufallskauf

aber ein guter. Wirklich ein Wunder: ein Cover das mit der Geschichte was zu tun hat!

Schon weit weniger glücklich war ich mit "Der Ring der Zeit" von Pesch/Allerwörden. Der Entwurf ist soweit klar, Herr der Ringe aus Deutschland. Leider werden die Szenarien nur angerissen, aber immerhin der erste Band ist ganz gut. Beim zweiten Teil mußte natürlich eine alternative Zeitlinie eingefügt werden Das schadet dem Entwurf als Ganzes.

Eine weitere Seltsamkeit: Nero Impalas "Drachenblut"
Ein schwuler Fantasy-Roman der in einem Mittelerde Setting spielt - nur 2000 Jahre später. Zauberer, eine böse Päpstin und ein gestählter Held mit stahlharter R...

Großartig aber leider seit den 80ern nicht mehr

erhältlich ist eine 2bändige Kurzgeschichtensammlung Sheckleys. Ein Genuss, wie originell die Settings heute noch sind. Leider sind meine Exemplare vom vielen Verborgen nur mehr mit viel Vorsicht zu behandeln.

Wie immer sehr spannend und sehr interessant, vielen Dank :D

Wieder einmal...

... hochinteressante Titel. Vielen Dank!

Michael McBride hätte ich der faden Gestaltung des Covers wegen übersehen...

Das Shark Hunting Buch klingt echt geil...

John Scalzis Bücher sind beste Unterhaltung, er hat noch nie ein enttäuschendes Buch abgeliefert - geniale Kombi aus Space Opera, Action und passender Dosis Humor...

Wobei ich bei Glukhovsky meine, das der erste Band einen Tick besser war... gerade die Ausführlichkeit des Buches hat den Reiz ausgemacht...

Im Jahre Ragnarök klingt trotz hervorragendem Shayol Verlag nicht sooo toll - da hab ich mit "Schattenkrieger" von Brian Moreland vielleicht die interessantere Alternative neben dem Bett liegen...

Weitere Vorschläge zur Lektüre bietet auch www.kultplatz.net

Wie immer klasse!

Von John Scalzi sollte man auch "Agent der Sterne" lesen. Nicht vom Titelbild täuschen lassen (wer sucht die aus, ein lobotomierter Schimpanse?), es hat mit dem Roman nämlich genau Null zu tun.

Häßliche, stinkende Aliens haben die letzten 50 Jahre unsere TV Sendungen aufgefangen, und sind Experten der humanen Pop-Kultur. Da sie uns jedoch richtig einschätzen, landen sie nicht auf dem Rasen des Weißen Hauses, sondern in Hollywood, und suchen sich einen guten Agenten ....

Wenn wir schon in Hollywood sind: ich hoffe auf eine Verfilmung von Metro 2033!

oder "Androidenträume" - wo sonst hat man schon von einem ausgeklügelten "Furz"-Attentat gelesen...

Metro 2033 wäre echt ein Top film....das Buch war wirklich genial.

ad schimpanse

man kann es gar nicht oft genug fragen: welche idioten wählen die cover für die deutschen übersetzungen von SF-romanen?
vor allem der heyne-verlag verirrt sich da regelmäßig jenseits der peinlichkeitsgrenze. die denken sich wohl: "SF? da mach ma ein raumschiff, einen planeten oder eine zukunftsstadt aufs cover"

Oho ...

... wenn Heyne jenseits der Peinlichkeitsgrenze ist, dann haben Moewig und Bastei diese Grenze aber vor Jahren gezogen und sind bereits meilenweit darüber hinaus ;-)

Ich bin ja schon froh wenn das Cover nicht zu peinlich/schundig für die Öffentlichkeit ist, von einem Bezug zum Inhalt wage ich gar nicht mehr zu träumen.

Was auch nervt sind die gleichen Cover für verschiedene Bücher, manchmal sogar innerhalb einer Reihe, z.B. Cover der Honor Harrington Reihe Buch VII (In Feindeshand) identisch mit Buch XX (An Bord der Hexapuma). Anderes Beispiel: Am Ende des Krieges (Joe Haldeman) hat dasselbe Cover wie Am Ende des Weges (Poul Anderson).

Vielleicht könnte Josefson sich mal auf die Meta-Ebene begeben und Verlage hochnotpeinlich befragen...

"Vielleicht könnte Josefson sich mal auf die Meta-Ebene begeben und Verlage hochnotpeinlich befragen..."

rofl ... meta-ebene ... *g*

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