Druck auf die Mitarbeiter steigt

22. Dezember 2009, 17:36
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Die Krise hält nicht vom Schenken ab, Händler sehen ein starkes Finish - bei Mitarbeitern häufen sich unbezahlte Überstunden

Die Bilanz des Weihnachtsgeschäfts birgt Licht und Schatten. Für den Handel zeichnen sich heuer annähernd so gute Umsätze wie im Vorjahr ab. Die Mitarbeiter zählen aus Sicht von Gewerkschaftern jedoch zu den Verlierern: Rund um Weihnachten häuften sich unbezahlte Überstunden, beklagt Gewerkschafter Karl Proyer. Ein Drittel der Mehrarbeit werde nicht korrekt abgegolten. Die Hälfte der geringfügig Beschäftigten arbeite mehr, als laut ihren Verträgen zulässig sei. Die geltenden Arbeitsbestimmungen werden eingehalten, sagen Händler.

 

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Wien - Der Handel legt beim Weihnachtsgeschäft einen starken Endspurt hin. Nachdem die ersten drei Adventsamstage flau verliefen, ließen sich die Österreicher nun doch vom Einkaufsfieber anstecken, der Wintereinbruch trug dazu das Seinige bei. Auf Weihnachten sei halt Verlass, resümiert der Obmann der Sparte Handel, Erich Lemler.

Bisher gebe es zwar im Vergleich zum Vorjahr ein kleines Minus von einem Prozent, rechnet er im Rahmen einer Zwischenbilanz vor; zugleich sei die Zahl der Kunden um zwei Prozent gesunken. Sehe man jedoch davon ab, dass die Händler diesen Dezember kalenderbedingt um einen Tag weniger geöffnet hatten, gehe sich ein Zuwachs aus: Bis einschließlich 19. Dezember seien die Umsätze so um drei Prozent gestiegen, belegt die KMU Forschung Austria, die dafür Woche für Woche rund 400 Unternehmer befragte. Auch um die Inflation bereinigt, bleibe ein zartes Plus übrig, was darauf hindeute, dass der Handel zumindest das stattliche Vorjahresniveau erreiche, glaubt Lemler.

Die Krise halte neun von zehn Österreichern nicht davon ab, Geschenke zu kaufen, bestätigt Peter Voithofer von der KMU Forschung - auch wenn sich immer mehr immer später dazu aufrafften. Er geht von durchschnittlichen Ausgaben von 320 Euro pro Kopf aus.

Die Bilanz der Gewerkschaft fällt wenig freudig aus. Rund um Weihnachten häuften sich bei den Handelsangestellten Überstunden und Mehrarbeit. "Ein großer Teil davon bleibt unbezahlt, das lehrt uns die Erfahrung. Die Versuchung, diese nicht richtig abzugelten, hat heuer zugenommen", sagt der Gewerkschafter Karl Proyer dem STANDARD.

Etwa die Hälfte der geringfügig Beschäftigten arbeite in der Adventzeit mehr, als sie vertraglich dürfe. "Sie müssten bei der Sozialversicherung ordentlich angemeldet werden." Für gut ein Drittel der Überstunden gebe es zudem weder Geld noch Zeitausgleich. Ihr Recht durchzusetzen sei schwer, da vor allem kleine Betriebe oft über keine Betriebsräte verfügten.

Mit üppigem Gewinn beschert Weihnachten Österreichs Handel auch in diesem Jahr nicht. Die Margen bleiben dünn, viele verfrühten starken Rabatte verwässern die Bilanzen. Vor allem der Elektro- und Fotohandel leidet unter dem rasanten Preisverfall: Die Branche zählt diesmal gemeinsam mit Schmuckhändlern zu den Verlierern.

Gut unterwegs sieht Voithofer den Textilhandel. Auch Drogerien ziehen mehr Kunden an. Der Ansturm auf Buchhändler ist so groß wie jedes Jahr: Viele Konsumenten sattelten auf günstige Geschenke um, ist ihr Obmann Michael Kernstock überzeugt. Allein die E-Books seien kein Renner. "Ihr Anteil ist nach wie vor verschwindend gering, Downloads kommen als Geschenk nicht wirklich gut an." Krisenfest gibt sich der Einrichtungshandel. Angst vor Inflation und Misstrauen in die Banken kurbeln Investitionen in langfristige Wirtschaftsgüter an. Die Kehrseite der Turbulenzen am Bankensektor sei die anhaltende Kreditklemme, klagt Lemler: Ein Drittel der Unternehmer sehe bei der Kapitalbeschaffung hohe Hürden.

Für das kommende Jahr gibt sich Lemler vorsichtig. Wirtschaftsforscher prognostizieren für den privaten Konsum Zuwächse von fast 0,7 Prozent. 2011 sollen sie bei einem Prozent liegen. Er sehe für diesen Optimismus wenig Anlass, da müsse sich das Umfeld schon deutlich verändern, sagt der Handelsobmann. "Ich erwarte, dass wir die Umsätze annähernd halten."

Wenig geändert hat sich daran, dass trotz Krise nach wie vor viel für den Mistkübel eingekauft wird. Wie alle Jahre wieder werden sich heuer nach Weihnachten und Silvester unverdorbene Lebensmittel im Müll türmen. Im Schnitt geben die Österreicher dafür jährlich unnötig mehr als 380 Euro aus. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.12.2009)

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    Weihnachten holt für den Handel heuer in Österreich zwar nicht die Sterne vom Himmel. Die Geschäfte laufen dennoch so gut wie erwartet, der große Ansturm steht am Mittwoch noch bevor.

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