"Gelegentlich will man sich ja auch was leisten"

21. Dezember 2009, 21:35
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Uhren, Ketten oder Ringe lassen sich schnell und anonym gegen Bargeld tauschen

Wien - Heuer steht die Jagdtrophäe "Röhrender Hirsch" unter dem Christbaum im Foyer des Dorotheums in der Wiener City. 900 Euro kostet das Schmuckstück. Doch Frau K. ist nicht hier, um Geschenke zu besorgen. Sie sitzt auf einer Ledercouch hinter Tür 10 in der marmornen Eingangshalle. "Belehnungsservice" steht auf einem Schild an der Wand. So nennt das Dorotheum seine Pfandleihe. Vor den vier Schaltern hat sich eine Schlange gebildet, zu Weihnachten kommen bis zu 60 Kunden am Tag.

Sie können hier Wertgegenstände abgeben und bekommen dafür bis zu zwanzig Prozent des Neuwertes ausgezahlt. Sofort, in bar - und bis zu 500 Euro anonym. Fünf Monate lang können sie das Pfand wieder auslösen. Zahlen müssen sie 0,5 Prozent Zinsen pro halbem Monat und 0,75 Prozent Gebühren pro halbem Monat. Etwa ein Drittel der Kunden kommt nicht mehr. Dann wird der Schmuck beim Dorotheum-Juwelier verkauft.

Früher war Frau K. öfter hier: "Gelegentlich will man sich ja was leisten." Heute kommt sie nicht wegen Weihnachten, sondern "um das Monatsgeld etwas aufzubessern" . Eine Uhr und ein Armband erhöhen ihre Pension um 410 Euro. Auch Herr F. braucht Geld. Zwei Ringe hat er für 100 Euro verpfändet, weil er eine Stromnachzahlung bekommen hat. "Im Winter trag ich sie eh nicht, da rutschen sie auf den Fingern" , erklärt er.

Wertschätzung

Ausgezahlt wird erst, wenn Stephan Kustil zustimmt. Der junge Mann mit Hemd, Krawatte und Klemmlupe auf der Brille sitzt hinter einem Schalter und schätzt den Wert der Dinge, die Kunden verpfänden wollen. "Von der Mindestpensionistin, die eine Brosche bringt, bis zum Großverdiener, der seine Brillanten verpfändet" , reicht seine Kundschaft. Erst vor zwei Wochen hat er eine Rolex mit Diamanten übernommen, die neu 100.000 Euro wert ist. Das Dorotheum belehnt auch Möbel oder Porzellan, die meisten Kunden kommen aber mit Schmuck.

"Keiner wird mehr einen Fernseher nehmen" , sagt Johann Forstinger, "das traditionelle Pfandhaus gibt es nicht mehr." Herr Forstinger betreibt ein Juweliergeschäft in der Taborstraße in Wien-Leopoldstadt. 15 bis 20 Leute kommen pro Monat zu ihm, um Schmuck zu belehnen. Besser läuft derzeit das Geschäft mit Gold: "Seit der Preis so hoch ist, machen wir 300 Prozent mehr Zukäufe." Münzen, Ringe und auch Zahngold werden angenommen.

Nicht alle, die in die Pfandleihe kommen, brauchen Geld. Barbara Sch. ist zum ersten Mal im Dorotheum. Am Vorabend hat sie im Casino eine Kette mit einem Diamanten gewonnen. 900 Euro bekommt sie dafür, im Mai will sie ihn wieder abholen. "Ich trage so etwas nicht, und wenn ich die Kette hier lasse, kommt das billiger als ein Safe bei der Bank" , erklärt sie. Das Geld kommt auf ihr Konto - "Nur ein Brötchen kauf ich mir vorher beim Trzesniewski." (Tobias Müller/DER STANDARD-Printausgabe, 22.12.2009)

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    Zwischen 10 und 20 Prozent des geschätzten Neuwertes zahlen Pfandleiher nach genauer Prüfung für versetzte Schmuckstücke.

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