Unter dem Meer

21. Dezember 2009, 19:39
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Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Eurostar, 50 Meter unter dem Meeresboden, und der Zug bleibt stehen ...

Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Platz im Eurostar von Paris nach London gebucht. Die Flüge sind um diese Jahreszeit überbucht, und außerdem fliegen manche Leute nicht so gern. Also mit dem Zug. Der taucht auf dem französischen Festland in ein Loch und soll nach 33 Kilometern bzw. rund 35 Minuten auf der britischen Insel wieder herauskommen. Aber Ihr Zug bleibt nach einigen Kilometern stehen. Einfach stehen. Sie sitzen nun in einer Röhre rund 50 Meter unter dem Meeresboden. Niemand sagt Ihnen etwas, und Sie sind auf Ihre eigenen Gedanken angewiesen: Das wird doch sicher nur ein kurzer Halt sein, oder? Ein solches technisches Meisterwerk, das seit 1994 (fast) unfallfrei betrieben wurde, kann doch nichts Ernstliches haben? Und: Habe ich eigentlich meinen Mitgliedsbeitrag zur „Internationalen klaustrophobischen Gesellschaft" schon gezahlt? Schließlich, nach Stunden, kommt die Abschlepplok (die Elektronik der Eurostar-Loks hat den Temperaturunterschied nicht vertragen). Sie kommen in London City an - und stehen vor einer völlig veralteten, verwahrlosten U-Bahn, die gerne auch ein paar Mal am Tag im Tunnel liegenbleibt. (Hans Rauscher/DER STANDARD-Printausgabe, 22.12.2009)

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