Vom A-Sagen und vom B-Sagen

21. Dezember 2009, 19:19
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Wie realitätsnah ist Fekters linguistisches Anforderungsprofil für Zuwanderer?

Dass Integration ohne Sprachkenntnisse nicht funktionieren kann, ist jedem klar. Für eine sachliche Debatte über Inhalte sollten die Verantwortlichen aber auch genau wissen, wovon sie reden.

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Nein, es handelt sich nicht um Autobahnen und Bundesstraßen. In den letzten Tagen finden sich in Medienberichten zum Thema Integration immer wieder rätselhafte Abkürzungen wie A2 und B1. Ministerin Fekter ist zum Beispiel der Ansicht, dass Zuwanderer die deutsche Sprache auf dem Niveau B1 beherrschen müssen, wenn eine Integration erfolgreich sein soll. Bisher genügte das Niveau A2. Um dieses Niveau zu erreichen, werden in Hinkunft (laut Standard vom 15. 12.) statt 300 - vielleicht - 600 Stunden Unterricht angeboten, so die Ministerin. Was steckt hinter diesen für den Laien etwas rätselhaften Bezeichnungen, und wie realitätsnah sind die Forderungen der Ministerin?

Seit Jahren entwickeln Sprachwissenschafter und Pädagogen Kriterien, um das Niveau, das ein Lernender in einer Fremdsprache erreicht hat, möglichst objektiv zu beschreiben. Das Ergebnis dieses auf breiter internationaler Basis angelegten Projekts ist der sogenannte "Gemeinsame europäische Referenzrahmen für Sprachen" (GERS), der sechs verschiedene Niveaus beim Erlernen einer Fremdsprache unterscheidet: Das beginnt bei A1, der "elementaren Fähigkeit, auf einfache Weise zu kommunizieren und Informationen auszutauschen" und geht über A2, B1 etc. bis zu C2, dem "near native speaker", der eine Fremdsprache in manchen Bereichen sogar besser beherrscht als ein durchschnittlicher Muttersprachler.

Sprachniveau ...

Wie lange braucht man nun, um die diskutierten Niveaus zu erreichen? Ist das in rund 600 Stunden machbar? Werfen wir zum Vergleich einen Blick in die Schule: In Österreich lernen alle Schüler Englisch, wobei der ernsthafte Englischunterricht in der 5. Schulstufe beginnt. Die AHS endet mit der Matura, bei der Schüler (mittlerweile teilzentral und in wenigen Jahren schon ganz zentral geprüft) das Sprachniveau B2 erreicht haben müssen. Um das zu schaffen, sollte man am Ende der 6. Klasse das Niveau B1 erreicht haben. Bis zu diesem Zeitpunkt haben Schüler in etwa 800 Englischstunden hinter sich, wobei hinzuzufügen ist, dass zu diesen 800 Stunden sicher weitere 300 bis 400 kommen, wenn man den Zeitaufwand dazurechnet, den der durchschnittliche Schüler für Hausübungen, Lernen für Schularbeiten usw. in den Spracherwerb investiert.

All dies findet in einem Umfeld und in einem Lebensabschnitt statt, in dem man quasi "hauptberuflich" lernt, es also gewohnt ist, täglich Neues dazuzulernen, zu speichern und anzuwenden. Ob das Erreichen dieses Sprachniveaus für erwachsene Lernende, für die der Spracherwerb nur nebenbei stattfindet, mit 600 Stunden realistisch ist, sei dahingestellt.

Warum aber ist das Sprachniveau B1 für Zuwanderer eigentlich notwendig? "Wir brauchen ein Sprachniveau, das arbeitsmarkttauglich ist", erläutert die Ministerin. Der GERS arbeitet mit so genannten "Can do"-Kriterien, die definieren, was ein Lernender auf den verschiedenen Sprachstufen beherrscht. Schauen wir uns einmal die Definitionen der jeweiligen Niveaus im Bereich "Berufsleben" an: Ein Lernender auf Niveau A2 "kann die meisten kurzen Berichte oder Handbücher vorhersehbarer Art verstehen, die im eigenen Arbeitsgebiet anfallen". Er "kann eine kurze Anfrage an einen Kollegen oder an einen bekannten Ansprechpartner in einer anderen Firma schreiben". Frau Ministerin, wo ist da das Problem? Es gibt sicher genügend Österreicher, die das nicht könnten und trotzdem einem geregelten Beruf nachgehen. Muss man wirklich auf dem Niveau B1 sein, um "arbeitsmarkttauglich" zu sein?

... und Arbeitsmarkt

Schauen wir noch einmal im GERS nach: Ein Lernender auf B1 "kann innerhalb des eigenen Arbeitsgebiets die allgemeine Bedeutung von nichtalltäglichen Briefen und theoretischen Artikeln verstehen", er "kann in einer Besprechung ziemlich genaue Notizen machen, wenn die Thematik vertraut und vorhersehbar ist". Das wäre natürlich schön, wenn ein Zuwanderer das könnte, aber sind solche Kompetenzen wirklich unabdingbare Voraussetzung, um in Österreich arbeiten zu dürfen?

Dass Integration ohne Sprachkenntnisse nicht funktionieren kann, ist jedem klar. Für eine sachliche Diskussion über Inhalte sollten die Verantwortlichen aber auch wirklich genau wissen, wovon sie reden, bevor sie Begriffe wie Sprachniveau, Arbeitsmarkt und Integration in den Mund nehmen. (Christian Goldstern/DER STANDARD-Printausgabe, 22.12.2009)

Zur Person:

Christian Goldstern ist Englischlehrer an einer Wiener AHS.

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