Der große Humplotz-Test für Bildungsreformer

21. Dezember 2009, 21:33
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Fleck, der "Pflichtverteidiger im Bologna-Prozess" (Standard, 2.12.), lädt seine Kritiker zu einer finalen Selbstevaluierung - Mit Leistungspunkten!

Die folgenden Testfragen sollen Ihnen helfen, Ihre Hochschulreformkompetenz zu prüfen. Lesen Sie die folgenden Statements aufmerksam durch und drücken Sie Ihre Zustimmung oder Ablehnung auf einer fünfteiligen Skala aus, die von (1) "dieser Aussage stimme ich zu" bis (5) "diese Aussage lehnen ich rundweg ab" reicht. Addieren Sie Ihre Punktezahl.

1. In unserer Gesellschaft sollte Erfolg, Einkommen und soziales Ansehen von den Leistungen des Einzelnen abhängen, weil nur so gewährleistet werden kann, dass die Lebenschancen nicht von den Privilegien der Elterngeneration bestimmt werden.

2. Das Bildungssystem bietet Studierenden die Möglichkeit, Wissen und Fertigkeiten zu erwerben. Da nicht alle dasselbe erlernen und nicht alle das gleiche können, ist es sinnvoll, Unterschiede durch Abschlussnoten kenntlich zu machen.

3. Im Vergleich mit ähnlichen Staaten beginnt in Österreich nur ein geringer Teil der Gleichaltrigen (40%) ein Hochschulstudium.

4. Mehr als ein Drittel der Studienanfänger schließt das Studium nicht ab. Über die soziale Zusammensetzung der Studienabbrecher ist nichts Genaues bekannt.

5. Österreichische Studierende brauchen im Mittel sechs Jahre bis zum Erstabschluss im Diplom- und vier Jahre in Bachelorstudium.

Grundstudien statt Bachelor

6. Die soziale Selektivität (Punkt 3), die Vergeudung von Ambitionen (Punkt 4) und die lange Studiendauer (Punkt 5) sollten beseitigt werden. Fördermaßnahmen für Studierende aus sog. bildungsfernen Schichten sollen Teil der Leistungsvereinbarung zwischen Ministerium und Universitäten sein.

7. Um die Ausbildung zu verbessern bedarf es einer von Fach zu Fach variablen Betreuungsrelation (=wie viele Studierende kommen auf einen Hochschullehrer). Idealerweise bewegt sich diese Relation bei 1:7. Aktuell beträgt sie Österreich weit 1:18; nach Universitäten reicht die Bandbreite von 1:45 (WU) bis 1:4 bei der Musik-Universität Wien und nach Fächergruppen von den Sozial-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften mit 1:107 über Mathematik 1:27 bis zu den Künsten 1:18.

8. Um das unter Punkt 7 genannte Ziel zu erreichen, wird auf eine Studienplatzfinanzierung umgestellt. Als Teil dieser Reform verpflichten sich die Universitäten zu einer "Produkthaftungsgarantie" (=Erklärung der Studienprogrammleitungen über den Anteil derer, die in der Regelstudienzeit das Studium beenden, sowie über Qualität und Anzahl der Absolventen, die am Arbeitsmarkt erfolgreich platziert werden können).

9. Im Schnitt der vier Studienjahre 2003-'06 legten 15,75 % aller Studierenden im Laufe eines Studienjahres keine einzige Prüfung ab.

10. Um eine breite Allgemeinbildung sicherzustellen und Fehlallokationen von Studienanfängern zu vermeiden, werden die Schmalspur-Bachelorstudien abgeschafft und durch breite Grundstudien ersetzt (Geistes- und Kultur-; Sozial- und Wirtschafts-; Natur- und Lebens-; Ingenieurwissenschaften etc.). Die Aufnahme erfolgt durch ein Auswahlverfahren. Das Wissenschaftsministerium garantiert im Wege der Studienplatzfinanzierung eine jährliche Zunahme der Gesamtzahl der Erstsemestrigen. Doppelstudien werden abgeschafft.

11. Mit der Zusage eines Studienplatzes ist ein die Lebenshaltungskosten abdeckendes Stipendium verbunden, das nach Beginn der Erwerbstätigkeit in Raten unverzinst zurückzuzahlen ist, sobald das Jahreseinkommen das Medianeinkommen +15% überschreitet.

12. Bei Master- und Doktoratsstudien gibt es Aufnahmeverfahren und eine deutlichere Beschränkung der Studienplätze. Sinnvollerweise kehren Studierende erst nach einer Phase der Erwerbstätigkeit an die Universität zurück, um sich beruflich zu spezialisieren oder sich für eine wissenschaftliche Karriere zu qualifizieren.

Und hier Ihr Testergebnis:

  • Q12-20 Punkte: Als Modernisierer werden Sie es in Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis nicht leicht haben. Trösten Sie sich damit, dass Sie zu jenen gehören, die wenigstens verstanden haben, was die Probleme des heutigen Bildungssystems sind. Werden Sie nicht müde, für Ihre Ideen zu kämpfen. Sollten Sie Verbindungen zur Industriellenvereinigung, Wirtschaftskammer oder Personalverantwortlichen des öffentlichen Sektors haben (oder gar selbst dort tätig sein), werben Sie dafür, dass bei Personaleinstellungen die Noten und nicht der Herr Papa entscheiden.
  • Q21-35 Punkte: Sie sind am richtigen Weg, aber Sie könnten noch etwas mehr in Ihr Wissen über Universitäten investieren. Vielleicht haben Sie die Möglichkeit, ein Semester lang an einer der guten ausländischen Universitäten zu studieren. Sie können sich aber auch ganz altmodisch durch Bücher bilden (für den Anfang den Universitätsberichts 2008, aus dem die oben zitierten Zahlen stammen).
  • Q36-50 Punkte: Kann es sein, dass Sie ohnehin das Büro, die Ordination, die Firma des Herrn Papa (oder der Frau Mama) übernehmen werden? Ärgern Sie sich bei den gelegentlichen Besuchen, die Sie der Uni abstatten, über den Pöbel, der Ihnen den Platz wegnimmt? Da man ja heutzutage seine Standesdünkel nicht mehr frei äußern kann, sprechen Sie gern von Freiheit und Selbstbestimmung und führen auch gelegentlich diesen Humplotz oder wie er auch heißen mag im Munde, über den doch kürzlich der ..., na der Dings ... einen Roman geschrieben hat.
  • Q51-60 Punkte: Es scheint, dass Sie zwar gelegentlich heimischen Philosophen Ihr Ohr schenken und am Kampf gegen Bologna (und gegen die EU, die Globalisierung, das Böse in der Welt usw.) mit gläubiger Hingabe teilnehmen. Doch, mit aller gebotenen Höflichkeit und Zurückhaltung: Ein bisserl kann man schon über den alpenländischen Tellerrand hinausschauen (muss ja nicht immer nur Deutschland sein). Da Sie aber bei diesem Test die meisten Punkte erzielten, freue ich mich Ihnen mitteilen zu können, dass die "Gesellschaft der Freunde Wilhelm von H. und anderer verblichener Geistesgrößen" für Sie als Preis die Studienausgabe der H-Werke auf Lager hält. Wenn Sie ihn schon nicht lesen, so schmückt er wenigstens die Stube. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.12.2009)

Zur Person: Christian Fleck lehrt Soziologie an der Universität Graz und scheut sich nicht, Stricherltests zur Leistungsfeststellung zu nutzen. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.12.2009

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