Akademisches Proletariat

21. Dezember 2009, 18:22
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Studentenproteste 2009: Von politischer Verwahrlosung und verlorener Verheißung

Am Ende "besetzten" noch 80 Obdachlose und 15 Studierende das Audimax. Dieses Bild nach 60 Tagen Okkupation des größten Hörsaals der Universität Wien ist sehr symbolkräftig für die Beschreibung der Studentenproteste des Jahres 2009. Im Auditorium Maximum hielt eine Notgemeinschaft aus aufbegehrenden Studierenden und hilflosen Wohnungslosen, die in Wien gestrandet sind, die Stellung im Kampf gegen unzumutbare Studienbedingungen infolge einer nachgerade aggressiven Unterfinanzierung der Unis durch die Politik.

Es sagt viel über das gesellschaftliche Umfeld dieser Studentenproteste aus, dass es die Allerschwächsten der Gesellschaft waren, die sozial und ökonomisch Abgehängten, und die, die darauf hoffen, nach ihrem Studium an die Wagons der begehrten, sozialversicherungsgewärmten Arbeitsgesellschaft "angehängt" zu werden, gemeinsame Sache machten. Das ist einer der wesentlichen Unterschiede gegenüber den legendären Studentenprotesten des Jahres 1968. Damals gingen - etwa in Frankreich - Studenten und Arbeiter gemeinsam auf die Straße, um zu streiken. Vierzig Jahre später sprang dieser Funke nicht mehr über, ist die Abstiegsangst der Arbeiterschaft, nicht zuletzt durch "die Krise", so groß, dass von dieser Gruppe, die selbst nur mühsam ihren gesellschaftlichen Platz halten kann, keine Solidarität mehr kam.

Die ventilierte Unzufriedenheit der Studierenden hat tiefer liegende Ursachen, die über das, was in den heimischen Hörsälen passiert, weit hinausgeht. Student oder Studentin zu sein war viele Jahre quasi ein Übergangsritus in der Biografie, eine Passage im Lebenslauf, ein Versprechen auf die Zukunft: Lerne etwas, bilde dich, und du wirst belohnt mit gesellschaftlichem Aufstieg, sozialem Prestige und hohem Einkommen. Nur, das gilt für viele der jetzt Studierenden nicht mehr. Ihre Zukunftsverheißung lautet: Praktikum, Volontariat, Werkvertrag, Kettenverträge, Armut.

Aber auch die, die in der Universität ihren Lebensunterhalt verdienen wollen, haben in vielen Fällen schlicht und ergreifend einen armseligen Arbeitsplatz. Diese Hochqualifizierten, die den Uni-Betrieb als externe Lektorinnen und Lektoren überhaupt erst am Laufen halten, arbeiten für Hungerverträge, und die Bedingungen, unter denen sie die erhoffte Bildungselite des Landes unterrichten, sind Abbild einer Verachtung geistiger Arbeit, die nur als Domestizierung des kritischen Geistes bezeichnet werden kann oder: Das ist akademisches Proletariat - politisch verantwortet und hingenommen.

Die Proteste der Studierenden wer-fen ein entlarvendes Licht auf die politische Verwahrlosung in diesem Land. Ein handlungsohnmächtiger Wissenschaftsminister, der ironischerweise den Studierenden gerade jetzt näher sein dürfte als je zuvor - er paukt in Brüssel bei einem Seminar für sein Hearing als künftiger EU-Kommissar - und eine handlungsunfähige und/oder -unwillige Regierung, die intellektuell nicht in der Lage ist, den tieferen Grund der Proteste zu erkennen und darauf adäquat zu reagieren. Geschweige denn das zu tun, was den Brand an den Unis - das Motto war ja "Uni brennt" - eindämmen könnte: den Unis das Geld zu geben, das sie brauchen, um nicht nur dahinzuvegetieren, sondern um ihre originäre Aufgabe zu erfüllen: ein nationaler "Produktions- und Veredelungsbetrieb" für den wertvollsten und zugleich am meisten begrenzten Rohstoff einer Gesellschaft - die Jugend - zu sein.

Was bei Banken, und seien sie noch so fahrlässig und dummdreist ruiniert worden, schnell über die Lippen ging, müsste den Regierungspolitikern endlich auch im Zusammenhang mit den Unis einfallen: Universitäten sind systemrelevant. Wer sie verkommen lässt, gefährdet das ganze System. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 22.12.2009)

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