Kulturkampf im Dirndl und in Lederhosen

  • Die Alpen als Identitätsfestung: eine Karikatur auf das "Trachtenverbot für Juden"  aus dem "Völkischen Beobachter"  von 1938.
    foto: jüd. museum

    Die Alpen als Identitätsfestung: eine Karikatur auf das "Trachtenverbot für Juden" aus dem "Völkischen Beobachter" von 1938.

Die Ausstellung "Hast Du meine Alpen gesehen?" widmet sich jüdischem Alpinismus - und damit der enttäuschten Sehnsucht nach Teilhabe und Zugehörigkeit

Wien - Die Ausstellung Hast Du meine Alpen gesehen? - Eine jüdische Beziehungsgeschichte ist eine echte Herausforderung! Würde nicht jeder meinen, Juden und Alpen - das sei einfach unvereinbar, geradezu widersprüchlich? Stattdessen wird uns hier eine unerwartete "love story" präsentiert: Juden, die es in die Berge zieht. Das stellt all unsere gängigen Vorstellungen von jüdischer Kultur auf den Kopf.

In diesem jüdischen Alpinismus offenbart sich aber noch eine weitere Sehnsucht als jene nach den Bergen: die tiefe Sehnsucht der Juden zu Beginn des 20.Jahrhunderts nach Teilhabe, nach Zugehörigkeit. Das Bergsteigen wurde, wie die Ausstellung im Jüdischen Museum der Stadt Wien anschaulich macht, zum bevorzugten Medium der Integration. Es versprach nicht nur ein existenzielles Naturerlebnis, es versprach auch, das Individuum "einzugemeinden".

Exemplarisch zeigte sich diese Hoffnung in der Kleidung. Die Schau präsentiert zahlreiche Bilder von Juden in Trachten und Dirndlkleidern. Eines der skurrilsten Exponate ist eine Kippa bestickt mit Edelweiß, Enzian und Alpenrausch. Die Trachten bleiben aber eine Verkleidung. Man spielte darin Landleben und "fühlte sich durch und durch heimisch". Man versuchte, sich damit einen Platz als Einheimischer zu schaffen. Heute, im Wissen darum, wie das Ganze ausgegangen ist, betrachtet man diese verzweifelten Versuche mit großer Beklemmung.

Und gerade angesichts heutiger Debatten um Kleiderordnungen zeigen die enttäuschten Hoffnungen der Juden in Lederhosen, dass Assimilation nicht der richtige Weg der Integration ist. Wie ein Kommentar dazu wirken die zahlreichen Fotografien in der Ausstellung, die orthodoxe Juden in ihrer Tracht in den Schweizer Bergen zeigen. Die schwarz gekleideten Gestalten bleiben darin Fremdkörper. Aber nur deshalb, weil wir alle genaue Vorstellungen haben, welche kulturellen Zeichen zur Bergwelt gehören. Hier erfahren wir anschaulich, wie sehr diese unsere Vorstellungen von den Nazis geprägt sind: 1938 erlassen sie ein Trachtenverbot für Juden. Das heißt, sie legen fest, wer das Recht hat, sich als alpenländisch zu identifizieren. Und sie geben vor, wie diese Identifizierung auszusehen hat. Sie hat Lederhosen an.

Die Alpen waren (und sind) der Kampfplatz, an dem Heimat und Zugehörigkeit verhandelt und entschieden wurde. Und die Ausstellung zeigt, wie die Juden diese Auseinandersetzung mit voller Leidenschaft führten - und wie sie sie verloren haben. Symptomatisch dafür ist die Geschichte der Alpenvereine. Diese weisen Anfang des 20. Jahrhunderts fast ein Drittel jüdischer Mitglieder auf. Ja, ein Jude, der Geologe Eduard Sueß, war sogar Mitbegründer des österreichischen Alpenvereins - unvorstellbar aus heutiger Perspektive, wo diese Institution als Inbegriff der Heimattümelei gilt. Dieses Image ist kein Zufall. Bereits 1921 hat der Alpenverein einen Arierparagrafen eingeführt, der alle jüdischen Mitglieder ausschloss. Eine bis dato unaufgearbeitete Geschichte. Umso erfreulicher ist die Mitarbeit des österreichischen Alpenvereins an der Ausstellung.

"Arisierung der Alpen"

Mit dieser Erzählung ist die Schau aber nicht nur eine Herausforderung für das jüdische, sondern mindestens ebenso sehr auch für das österreichische Selbstverständnis. Sie zeigt eine "Arisierung der Alpen" , die sich als kulturelle Zuschreibung bis heute fortsetzt. Und sie versucht, das ist wohl ihr spannendstes Moment, dem gegenzusteuern. Durch die Erinnerung an einst namhafte jüdische Alpinisten, mehr noch durch die Rekonstruktion der Anfänge des Skifahrens und des Skitourismus.

Die Kuratoren haben die verschüttete Geschichte von Rudolf Gompez ausgegraben, einem Juden, der den Skilauf als modernen Sport ebenso wie den Skitourismus mitbegründet hat. Man muss sich das ganze Ausmaß dieses Unternehmens vor Augen halten: Hier wird ins Kernstück der österreichischen Identität eine jüdische Geschichte eingeschrieben! Das heilige Skifahren, der umfassende Skitourismus, das identitätsstiftende Moment des Alpenländischen schlechthin, wurde von Juden mitbegründet, miterfunden. Das ist wirklich zutiefst subversiv. (Isolde Charim, DER STANDARD/Printausgabe, 22.12.2009

Bis 14. März

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21 Postings
Statistik

Also, der Alpenverein hat (te) schon Hunderttausende Mitglieder.

In dem Bericht werden genau ZWEI Juden , nämlich Süß und Gompez erwähnt, letzterer aber nicht als
Vereinsmitglied.

Das entspricht einem Anteil an organisierten Bergsteigern im Promillebereich, selbst wenn man noch den bekannten jüdischen Bergsteiger Viktor Frankl dazuzählen würde.

Bereits 25 Jahre später hatte man sich allerdings mit Fremdrassigen in Tracht erkennbar ausgesöhnt, ja, man schien sie geradezu als kulturelle Bereicherung zu empfinden, wobei man von ihnen lediglich erwartete, dass sie sich einer leicht restringierten Grammatik bedienten:

http://www.youtube.com/watch?v=X9FgN2jWarA

(Selbst starke Damen mit fremdartigem, unverkennbar slawischem Akzent konnten da die Laune nicht trüben.)

Ist das das Ehepaar Haider auf der "Karikatur"?

Juden und Berge

kann ich mir sehr gut vorstellen. Siehe Golan.



(So und jetzt moege man mich zurotstricherln ob meines unangebrachten Scherzes)

"Würde nicht jeder meinen, Juden und Alpen - das sei einfach unvereinbar, geradezu widersprüchlich?"

Auf diese rhetorische Frage antworte ich mit einem klaren "Nein".

Warum glaubt die Autorin, dass viele Leute Probleme haben, sich J. in den Bergen vorzustellen? Das würde mich wirklich brennend interessieren.

Und so etwas "stellt auch nicht unsere gängigen Vorstellungen von j. Kultur auf den Kopf", sondern entlarvt nur Vorurteile der AutorIn.

was wird wohl geschehen, wenn die autorin auf die geschichte des alpinen sportes in österreich stößt?
wird sie dann wieder so eine "kluge" frage formulieren?

völlig richtig ! ich fühle mich geradezu vor den kopf gestoßen !

viele großartige alpinisten waren juden - allen voran Moritz von Kuffner (der Kuffner-Grat im Montblanc-Massiv) oder Paul Preuss der beste kletterer am anfang des 20 jahrhunderts und freeclimbing-pionier. oder viktor frankl (der wurde allerdings nicht nur aufgund seiner kletterei bekannt ;)) . . . usw usw

also : @ standardredaktion : bitte mehr feingefühl ! danke.
mfg, coleman silk

"....Alpenvereins - unvorstellbar aus heutiger Perspektive, wo diese Institution als Inbegriff der Heimattümelei gilt".

Der Alpenverein als Inbegriff der Heimattümelei??? Das kann auch nur von einer völlig weltfremden Tipse stammen, deren Horizont in Hadersdorf, Liesing, Floridsdorf und Schwechat endet, und die ihr Leben lang noch auf keinem Berg oben war, ausser zum chic-urbanen Prosecco-Trinken am Kahlenberg.

Der OEAV ist wohl der Inbegriff eines modernen Sport- und Naturschutzvereines, der seine (nicht immer glorreiche) Geschichte definitiv aufgearbeitet hat. Schon mal was von der Sektion "Austria" gehört? (hatte keinen Arier§)

Und: natürlich lassen sich sogar aus dieser Ausstellung heraus pro-Kopftuch-Argumente finden...

Doch. Die Sektion Austria hatte einen Arierparagraphen. Und ganz offensichtlich weiss die Autorin nicht, dass sich der Alpenverein aus mehreren Sektionen zusammensetzt, den sie setzt den AV mit der Austria gleich (die diesen Arierparagraphen eben 1921 einführte, während er bei der Sektion Wien schon seit 1905 bestand). Die darauffolgende Gründung der Sektion Donauland dürfte der Autorin überhaupt unbekannt sein.

"...wird ins Kernstück der österreichischen Identität eine jüdische Geschichte eingeschrieben..."

Dies ist jedenfalls keinesweg erstaunlich, die (alt)österreichische Geschichte ist durch und durch mit jener der jüdischen Kultur verwoben, ja ohne sie im Kern ihrer Wurzeln nicht komplett. Ersichtlich unter anderem an den vielen jiddischen Worten, welche in unserer Alltagssprache bis heute überlebt haben. Bis zur Megakatastrophe des Holocaust waren sie die treibende Kraft der kulturellen und wissenschaftlichen Errungenschaften unseres Landes. An den Folgen des wahnsinnigen Kahlschlags der Intelligenzia laborieren wir seit damals...

Mein Gott, das Christentum, das jedenfalls nach überwiegender Auffassung wichtigste Fundament des Abendlandes schlechthin (eingefleischte Germanentümler sind selbst unter Antisemiten rar), wurde von Juden mitbegründet und anfangs sogar von ihnen dominiert, da braucht man um Alpinismus und Skisport eigentlich nicht so viel Aufhebens zu machen.

Juden und Alpen - das sei einfach unvereinbar, geradezu widersprüchlich?

Wieso widersprüchlich? Sowas kann nur behaupten, der nicht weis, daß es Rund um Israel Berge gibt :-)

Dennoch ist wohl der Aufstieg auf den Berg Sinai (immerhin ca. 2500 m) - die Landung der Arche im Hochgebirge würde ich wegen der nautischen Natur des Aufstiegs nicht dazu rechnen - die einzige sicher überlieferte alpinistische Leistung des antiken Judentums . Die aber erfolgte auf dringendes göttliches Anraten und nicht unbedingt aus freien Stücken und es bleibt unklar, ob es eine echte Erstbesteigung war.

In den alten Zeiten war man vernünftig und vermied normalerweise die Besteigung hoher Berge. Erst aus dem Jahr 1336 wird - soweit ich weiß - von der ersten Besteigung eines Berges um ihrer selbst willen berichtet, die häufig quasi als Morgenröte der Renaissance und somit als Einleitung der verrückten modernen Zeiten angesehen wird.

1336? Ja das war der Franzl Petric, ein waschechter Österreicher aus der Umgebung des Schlosses Favorita bei Wien, den die Italiener dann den Österreichern abspenstig gemacht haben, um den Ruhm der ersten alpinistischen Tour für sich in Anspruch zu nehmen. (Er hat übrigens auch den Franzbranntwein erfunden, als ihm die Füsse wehtaten).
Zur besonderen Demütigung geben jetzt auch noch italienische Touristen
Münzen mit seinem Konterfei in Wien aus.

Sie vergessen übrigens Abraham und Isaak, die zwecks Opferung auf einen Berg stiegen. Nachdem Isaak das Gepäck tragen musste, ist er das Vorbild der Sherpas.


An diese beiden und ihre Bergwanderung mit der dann doch nicht tödlichen Pointe habe ich zwar ehrlichweise nicht gedacht, wohl aber an Matthäus 4,8 mit Jesus und den Teufel auf dem "hohen Berg". Aber das sind alles recht unspezifische Angaben und es könnte sich nur um Spaziergänge im höheren, aber deutlich subalpinen Mittelgebirge handeln.

Tja ...

jetzt sind es die Auslaender und noch mehr die Moslems gegen die die Hetze so richtig losgeht. So weit wie im Voelkischen Beobachter sind wir noch nicht, aber dazu hat es ja auch damals einige Jahrzehnte gebraucht.

Das Absurde an der Situation ist, dass wir einerseits noch immer Gesetze haben, die jegliche Naehe zum Nationalsozialismus und dessen Gedankengut unter Strafe stellen -- andererseits weitaus schlimmeres von den Rechtsradikalen gesagt werden kann und von denen ganz unschuldig argumentiert werden kann es waere ja eh gesetzeskonform.
Alles OK wenn gegen Muezzin, Minarett und Kopftuch oder gegen "Kriminelle aus dem Osten" polemisiert wird was das Zeug haelt und sich die Leute immer mehr in eine Paranoia reinsteigern.

kriminelle ostbanden sind de facto ein problem und kein hirngespinst halblustiger rechter.

durch leugnen werden bestimmt keine probleme gelöst. ganz im gegenteil.

Tja genau ...

so geht das dumpfdaemliche Hetzen der Rechten: weil es Kriminelle gibt, die aus dem "Osten" kommen ist jeder, der aus dem Osten kommt ein Krimineller.
Leider gibt es jede Menge Menschen die zu dumm oder zu paranoid sind um diese Widerwaertigkeit zu erkennen.

"dass assimilation nicht der richtige weg zur integration ist"

wenn gegen eine bevölkerungsgruppe systematisch gehetzt wird und sie über jahrhunderte als hassobjekt aufgebaut wird und das dann im holocaust gipfelt, obwohl sich zumindest der bürgerlich-liberale grossteil der juden sogar versucht hat, von der christlichen "mehrheitsbevölkerung" kulturell quasi assimilieren zu lassen, dann sollte man das keinesfalls mit der heutigen situation vergleichen.

heute haben wir, im gegensatz zu damals, zuwanderer, die mit einer religion und einer nationalidentität nach österreich (ge)kommen (sind), die ihnen eigentlich strengstens verbietet, sich assimilieren zu lassen, daher probieren sie das zum grossteil erst garnicht.

"...von Juden mitbegründet, miterfunden. Das ist wirklich zutiefst subversiv"

Diese Formulierung stört mich. Was soll daran subversiv sein? Wenn die Autorin aber sagen will: "Die Nationalsozialisten damals und manche Ewiggestrige heute empfinden es als subversiv", dann soll sie das auch schreiben...

"Subversiv" ist - selbst für Neonazis etc. - nicht die historische Tasache selbst, sondern der Hinweis darauf.

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