Furcht vor neuer Hungerkrise

21. Dezember 2009, 17:55
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Die Lebensmittelpreise auf den Weltmärkten ziehen wieder an. Reis verteuerte sich seit Sommer um mehr als 20 Prozent. Bei der Uno schrillen die Alarmglocken

Wien - Indien hat es besonders hart erwischt. Ausbleibender Monsunregen hat zu drastischen Ernteeinbußen und in der Folge zu einer Rekordinflation geführt. Die Lebensmittelpreise im Großhandel sind um 20 Prozent im Vergleich zu 2008 gestiegen, der höchste Anstieg seit elf Jahren. Die schlechte Ernte hat eine internationale Kettenreaktion ausgelöst.

Indien ist der zweitgrößte Reisproduzent der Welt. Vergangene Woche gab die Regierung bekannt, dass die Reisernte heuer um 15 Prozent eingebrochen ist. Die Philippinien reagierten am schnellsten und begannen mit Großeinkäufen am Weltmarkt, um einem Preisanstieg zuvorzukommen. Damit fachten sie die Preise erst richtig an

Dabei haben die Probleme in Indien die Grundtendenz nur verschärft, sagt Eugen Weinberg, Leiter der Agrarabteilung bei der deutschen Commerzbank. "Die Reisproduktion ist in der Finanzkrise zurückgegangen, der Hunger naturgemäß nicht." Hinzu komme die stetig steigende Nachfrage in weiten Teilen Asiens. Die Folge sei eine wahrliche Preisexplosion. Seit Sommer sind die Preise an der Chicago Board of Trade, einem der bedeutendsten Marktplätze für Rohstoffe, um rund 20 Prozent gestiegen. Eine Tonne Reis der "Klasse B" aus Thailand kostete Mitte November 560 Dollar, vergangene Woche waren es 622. Für rund die Hälfte der Weltbevölkerung ist Reis das am meisten konsumierte Nahrungsmittel.

Nicht nur Reis

Doch die Preiserhöhungen treffen nicht nur Reis. Weinberg erwartet fürs kommende Jahr eine Verteuerung von zehn bis 15 Prozent bei Mais, Weizen, Soja. Der Zuckerpreis erreichte vergangene Woche ein 28-Jahres-Hoch an der Börse New York, auf Rekordniveau ist auch Kakao. Bei der Uno Ernährungsorganisation FAO schrillen die Alarmglocken. Im November kletterte der Food Price Index der FAO, ein Warenkorb mit den wichtigsten Grundnahrungsmitteln, auf den höchsten Stand seit September 2008. Im Vorjahr hatten Preissteigerungen eine Hungerkrise ausgelöst und in mehreren Staaten zu blutigen Unruhen geführt. Die gute Nachricht laut FAO: Aufgrund der Krise 2008 seien die Nahrungsmittellager heute besser gefüllt als noch vor einem Jahr.

Für Österreich werden mögliche Preissteigerungen kaum Folgen haben. 2010 erwarten Wirtschaftsforscher einen Preisanstieg von 1,25 Prozent. Zum Vergleich: 2008, im Jahr der Preisexplosionen, waren es knapp sieben Prozent.

Auch wenn die Weltmarktpreise nun wieder anziehen - es sei mehr als gewagt, von einer neuen drohenden Preishausse zu sprechen, sagt auch Michael Blass, Chef des Verbands der Lebensmittelindustrie, dafür gebe es derzeit keine Indizien. Bis etwa höhere Maispreise über den Weg der Futtermittel und tierische Erzeugnisse ihren Niederschlag in den Regalen des Handels finden vergehen Monate. Bis dahin könne das Pendel bei den Rohstoffen längst wieder in die andere Richtung ausschlagen.(Verena Kainrath, András Szigetvari, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.12.2009)

 

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    Reis ist das wichtigste Grundnahrungsmittel der Welt. Missernten in Asien, darunter auch in Nepal, treiben die Preise nach oben. Analysten rechnen 2010 mit einer breiten Verteuerung von Rohstoffen.

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