Kadaver und Geweihe unter dem Kristallluster

21. Dezember 2009, 17:08
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Mark Dion sieht in der Natur und im Umgang mit ihr einen Spiegel der Gesellschaft: Seine Installationen käuen jedoch die immergleichen Inhalte wieder

Krems - Locken und Töten. Es ist ganz egal, ob man im Wiener-, Bregenzer- oder Böhmerwald unterwegs ist, durch Laub- oder Nadelwald stapft, das Prinzip ist überall gleich. Wenn man im Forst an einem Hochsitz vorbeispaziert, eventuell sogar die wackelige Leiter emporsteigt, wird man jedes Mal in der Nähe eine hübsche Lichtung entdecken: Wo sommers in der Dämmerung frisches Blatt zu zupfen ist, oder winters Heu für das Wild aus den Krippen quillt. Irgendwie fies. Ganz so, als würde hinter jedem Keksteller ein Wahnsinniger mit der Flinte lauern.

Der US-amerikanische Künstler Mark Dion ignoriert in seiner Ausstellung Concerning Hunting in der Kunsthalle Krems (zuvor in Bregenz, Århus, Modena und Neumünster) die Aussicht. Er richtet seinen Blick vielmehr in die andere Richtung, auf die Hochsitze und den Weidmann selbst. Dion erstellt eine Typologie der Jäger (vom "Great White Safari Hunter" mit Tropenhelm bis zum berittenen Fuchsjäger mit roter Jacke) und der Hochstände: Als Interior-Designer motzt er diese 1:1 ins Museale transferierten Verschläge mit allerlei Klimbim auf. Der "Rokokodandy" hat ein Faible für Geweihe unterm Kristallluster, der "Bibliothekar" dicke Wälzer zur theoretischen Untermauerung des martialischen Triebs, und die Blechhütte des "Schlemmers" trumpft mit Porzellan auf, das auf Gewehrläufen balancierende Kaninchen zeigt.

Der Beute zärtlich zugetan

Auf 170 Fotos präsentieren Jagd-Aficionados ihre Beute, tote Kadaver, denen sie mitunter zärtlich zugetan sind - wie etwa einer 56 Kilo schweren Ziege. Auch die Dutzenden Zielscheibenposter will uns Dion nicht vorenthalten. Schließlich gibt es sie nicht nur mit Fuchs und Hase, sondern ebenso mit herzigen Luchsen und Waschbären.

Freilich ist Concerning Hunting keine volkskundliche Präsentation. Aber leider beinahe. Vielmehr sind es "die Grenzen des Ästhetischen" sprengende, kritisch-philosophische Betrachtungen zum Thema Jagd und Natur. Nachsatz: von einem von der Natur faszinierten Künstler und obsessiven Sammler. Die Schau sprengt allerdings nicht nur Grenzen der Ästhetik, sondern auch jene der Geduld. Sicherlich schmunzelt man anfänglich über die weidmännischen Archetypen, aber Dion wiederholt sich. Bis zum Gähnen dekliniert er seine soziologischen Betrachtungen auf Papier und im Raum. Hier werden (Lauf-) Meter gemacht.

Besonders lächerlich erscheinen zwei Begleitaktionen: Per Wettbewerb will man das Foto des schönsten oder skurrilsten Hochstands küren. Und wer im Jagdgewand kommt, erhält zwei Karten zum Preis von einer. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD/Printausgabe, 22.12.2009)

Bis 28. 2.

  • Nur der gezähmte und tote Bär ist ein guter Bär: eine von Mark Dions Jagdflaggen, "Hunting Standard (Bears)"  von 2005.
    foto: marc domage

    Nur der gezähmte und tote Bär ist ein guter Bär: eine von Mark Dions Jagdflaggen, "Hunting Standard (Bears)" von 2005.

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