"Deutschland hat das Recht Zuwanderung zu steuern"

22. Dezember 2009, 08:54
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Sylvie Nantcha, erste Afrodeutsche in einem CDU-Landesvorstand, im derStandard.at-Interview

Sylvie Nantcha ist seit Ende November im Landesvorstand der CDU in Baden-Württemberg. Außerdem ist die gebürtige Kamerunerin Gemeiderätin der Stadt Freiburg. In der CDU-Fraktion ist sie für die Themen Bildung und Migration zuständig. Die 35-jährige Literaturwissenschafterin bezeichnet sich selbst als Afrodeutsche und als Beispiel für gelungene Intergration. Im Interview mit derStandard.at erklärt sie ihre Entscheidung für die CDU, warum sie so schnell Partei-Karriere gemacht hat und wie sie sich Migration vorstellen kann.

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derStandard.at: Warum haben Sie sich für die CDU entschieden?

Nantcha: Ganz einfach: Es hat was mit dem C zu tun. Meine Eltern haben mich christlich erzogen und ich erziehe auch meine Kinder christlich. Für mich war einfach die Frage, wo ich mich am besten einsetzen kann. Ich habe mir alle Parteien angeschaut und da war ganz klar: Die CDU ist die Partei, die zu meinen persönlichen Überzeugungen passt. Die Politik der CDU beruht im ihrem Grundsatzprogramm auf die christlichen Grundwerte und auf das christliche Menschenbild. Das ist mir wichtig.

derStandard.at: Sie haben in Ihrer Rede am Landesparteitag gesagt, die CDU braucht eine "richtig schwarze Kandidatin". Spielen Sie mit ihrem Image als schwarzer Frau?

Nantcha: Nein. Ich selbst bezeichne mich als Afrodeutsche. Ich lebe seit 18 Jahren in Freiburg und habe seit sechs Jahren die deutsche Staatsangehörigkeit. Ich habe in Freiburg studiert, promoviert, geheiratet, drei Kinder bekommen und ich engagiere mich in Eltern- Vereins- und Kirchenarbeit. Ich bin voll integriert. Ich bin ein Beispiel für gelungene Bildungsbiographie und Integration. Deshalb stellt sich mir diese Frage nicht. Bei der Vorstellung am Landesparteitag ging es um ein Wortspiel und ich denke, dass humorvolle Leute dieses Wortspiel durchaus verstanden haben.

derStandard.at: Sie sind erst Ende 2008 der CDU beigetreten und sitzen schon im Landesvorstand von Baden-Württemberg. Warum sind Sie der Partei beigetreten und wie macht man so schnell Karriere?

Nantcha: Ich bin der CDU beigetreten, weil ich gefragt worden bin, ob ich mir das vorstellen kann. Nach genauerer Überlegung habe ich mich für die Kommunalpolitik entschieden, weil ich ohnehin schon seit Jahren in der Hochschulpolitik engagiert bin.

Dann wurde ich von der Frauen Union Südbaden gefragt, ob ich mir vorstellen kann, für den Landesvorstand zu kandidieren. Und ich habe mir gedacht, dass ich das gern machen würde. Denn auf der Landesebene werden die wesentlichen politischen Inhalte diskutiert und definiert. Und diese müssen zum Großteil in den Kommunen umgesetzt werden. Insofern ist meine Tätigkeit in beiden Gremien auch ein Vorteil für meine Stadt Freiburg und für Südbaden.

derStandard.at: Die CDU bekennt sich zu Deutschland als Einwanderungsland, aber sagt auch Zuwanderung muss begrenzt und gesteuert werden. Ist das auch Ihre Linie und wo würden Sie begrenzen und steuern?

Nantcha: Viele Länder, zum Beispiel England, Kanada, die USA, Australien und Frankreich, beschäftigen sich mit der Frage wie Zuwanderung gestaltet sein soll. Die erwähnten Länder haben alle auch Kriterienkataloge. Ich denke Deutschland hat auch das Recht die Zuwanderung zu steuern.

Aufgrund des demographischen Wandels ist Deutschland auch auf Zuwanderung angewiesen. Es geht darum die Türen soweit als möglich zu öffnen. Aber es geht darum frühzeitig zu erkennen, dass Integration vor Ort gelingen muss. Natürlich ist es schwierig wenn es heißt, dass nur gut ausgebildete Menschen integriert werden sollen, die nicht von der Sozialhilfe abhängig werden.

derStandard.at: Die CDU propagiert in der Kindererziehung noch immer die starke Rolle der Eltern. Kinderkrippen und staatliche Betreuungseinrichtungen werden im Vergleich zu anderen Parteien weniger unterstützt. Ist das Ihrer Meinung nach eine richtige Entscheidung?

Nantcha: Die CDU ist eindeutig für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dazu muss aber Wahlfreiheit bestehen. Und Wahlfreiheit kann nur gegeben sein, wenn die Infrastrukturen stimmen. Das bedeutet auch genügend Ganztags- und Betreuungsplätze. Auch hier sind Arbeitnehmer und Unternehmen gerufen, zeitgemäßige Lösung im Interesse von Beruf und Familie zu finden. Sonst kann sich keine Frau oder Familie entscheiden, ob ein Elternteil zu hause bleibt oder wieder arbeiten geht.

Die Eltern sind natürlich für die Erziehung der Kinder verantwortlich. Aber sie können auch entscheiden wie sie ihr Kind erziehen möchten. Es gibt einige Frauen und Männer die arbeiten wollen oder müssen. Dafür muss eine entsprechende Infrastruktur geschaffen werden, damit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewährleistet ist. Es gibt auch alleinerziehende Mütter, die arbeiten müssen. Für diese Mütter muss es eine Möglichkeit geben, damit ihre Kinder betreut werden. Aber auch Eltern die zuhause bleiben, müssen anerkannt werden.

derStandard.at: Sie selbst haben drei Kinder. Wie bringen Sie Familie, Beruf und Politik unter einen Hut?

Nantcha: Das funktioniert sehr gut, erstens weil meine Kinder in einer Ganztags-Betreuungseinrichtung sind - ohne die wäre es überhaupt nicht möglich. Zweitens, weil mein Mann ein modernes Verständnis von Familienleben hat und drittens, weil ich sehr gut organisiert bin. An meinem Beispiel kann man auch sehen, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gut funktionieren kann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

derStandard.at: Sie sind mit 17 von Kamerun nach Deutschland gekommen und bezeichnen sich als Beispiel für eine gelungene Integration. Hatten Sie nie negative Erlebnisse, wo Sie auf Grund Ihrer Herkunft oder Ihrer Hautfarbe diskriminiert wurden?

Nantcha: Nein. Ich persönlich nicht. Aber ich kenne Menschen, die negative Erfahrungen gemacht haben. Man darf nicht abstreiten, dass es so was leider auch gibt.

Wie alle Menschen, die in einem fremden Land leben, hatte ich auch Anfangsschwierigkeiten. Aber es ist ziemlich erfolgreich gelaufen, weil ich Kontakte mit Menschen vor Ort hatte. Ganz am Anfang habe ich in einem Studentenwohnheim gelebt. Es waren viele Studenten da, die mich unterstützt und mir geholfen haben, wenn ich Fragen hatte.

Ich war auch früh in meiner Kirchengemeinde engagiert und habe dort viele Menschen kennen gelernt, die mich auf meinem Integrationsweg begleitet haben. Anfangsschwierigkeiten hatte ich mit der Sprache, weil ich überhaupt kein Deutsch konnte. Es war schwierig eine Wohnung zu finden und das deutsche Bildungs- und Wissenschaftssystem zu verstehen. Es gab auch Missverständnisse auf der kulturellen Ebene. Ich habe meine Zeit gebraucht, um das alles zu verstehen. Aber diese Integrationsphase habe ich jetzt hinter mir. (derStandard.at, 21.12.2009)

  • "Ich selbst bezeichne mich als Afrodeutsche. Ich lebe seit 18 Jahren in Freiburg und habe seit sechs Jahren die deutsche Staatsangehörigkeit. Ich habe in Freiburg studiert, promoviert, geheiratet, drei Kinder bekommen und ich engagiere mich in Eltern- Vereins- und Kirchenarbeit. Ich bin voll integriert."
    foto: nantcha

    "Ich selbst bezeichne mich als Afrodeutsche. Ich lebe seit 18 Jahren in Freiburg und habe seit sechs Jahren die deutsche Staatsangehörigkeit. Ich habe in Freiburg studiert, promoviert, geheiratet, drei Kinder bekommen und ich engagiere mich in Eltern- Vereins- und Kirchenarbeit. Ich bin voll integriert."

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