60 Tage im Audimax

21. Dezember 2009, 12:02
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Politisieren und Party: Zwei Monate besetzten StudentInnen den größten Hörsaal der Uni Wien

Wien - Am 60. Tag der Besetzung durch protestierende Studenten wurde das Audimax, der größte Hörsaal der Universität Wien, Montag Früh polizeilich geräumt. Eine Chronologie der Ereignisse.

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20. Oktober: Aus Protest gegen die geplante Umstellung der Ausbildung auf die Bologna-Struktur (Bachelor/Master/PhD) und die Abschaffung von Studien besetzen Studenten und Lehrende der Akademie der Bildenden Künste die Aula der Hochschule.

22. Oktober: Im Anschluss an eine Demonstration der Akademie-Studenten wird das Audimax der Uni Wien besetzt, nach und nach strömen immer mehr Studenten in den Hörsaal, der sich in der Nacht zur Partymeile wandelt.

23. Oktober: Nach und nach entsteht eine Infrastruktur im Audimax. Ein basisdemokratisch organisiertes "Plenum" entscheidet über alle wichtigen Angelegenheiten, daneben konstituieren sich "Arbeitsgruppen", Sympathisanten werden u.a. via Facebook und Twitter auf dem Laufenden gehalten. Ein erster Forderungskatalog wird erarbeitet. Am Nachmittag wird vor dem Wissenschaftsministerium demonstriert. Die Uni selbst entscheidet sich gegen eine Räumung und verlegt Lehrveranstaltungen später ins Austria Center und die Messe Wien. Nach und nach werden auch an anderen Unis Räume besetzt.

24. Oktober: Bundeskanzler Werner Faymann (S) äußert Verständnis für die protestierenden Studenten. Im Audimax kehrt Routine ein, tagsüber halten nur wenige Studenten die Stellung, abends füllt sich der Saal für Plenum bzw. Kulturveranstaltungen.

28. Oktober: An der größten Demonstration der Protestbewegung in Wien beteiligen sich mehr als 10.000 Personen, die Veranstalter sprechen von 50.000."

30. Oktober: Wissenschaftsminister Johannes Hahn (V) zapft die Notfalls-Reserve des Uni-Budgets an und stellt den Hochschulen 2010 daraus 34 Mio. Euro zur Verfügung. Unis und Studenten bezeichnen dies als ungenügend.

5. November: Rund 8.000 Personen demonstrieren in Wien für eine Verbesserung der Studienbedingungen. Auch in anderen Uni-Städten gehen Hunderte auf die Straße.

12. November: Der Nationalrat beschäftigt sich in einer Sondersitzung mit dem "Notstand an den Universitäten".

14. November: 150 bis 200 Demonstranten unterbrechen eine Vorstellung im Burgtheater.

17. November: Am "Weltstudententag" fordern ca. 800 Studenten vor der Industriellenvereinigung mehr Geld für Bildung. In anderen Unistädten gibt es vor allem satirische Aktionen.

19. November: Die Leitung der Uni Wien lädt zum "Dialogforum" mit den Besetzern, die allerdings Verhandlungen ablehnen. Für solche müsse Rektor Georg Winckler vor dem Plenum erscheinen.

25. November: In Wien findet ein von Hahn initiierter "Hochschuldialog" statt, zu dem auch Vertreter der Besetzer geladen sind. Zeitgleich halten diese als Gegenveranstaltung einen "echten Bildungsdialog" ab.

2. Dezember: Die Audimax-Besetzer orten ein "Obdachlosenproblem". Diese hätten den Hörsaal "zu ihrer Zufluchtsstätte gemacht".

3. Dezember: Die ÖVP fordert die Räumung des Audimax - wenn nötig auch durch die Polizei. Die Uni-Leitung setzt allerdings weiter auf eine "politische Lösung".

4. Dezember: Winckler erfüllt eine der Bedingungen für einen Abzug und diskutiert mit den Besetzern im Audimax.

5. Dezember: Einmal mehr machen rund 1.500 Studenten, unterstützt von verschiedenen Gruppen, ihren Unmut auf der Straße Luft.

6. Dezember: Nach kurzer Besetzung geben Studenten Räumlichkeiten eines Hauses in Wien-Alsergrund wieder frei, von dem sie dachten, es gehöre der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG). Allerdings steht das Gebäude in Privatbesitz.

10. Dezember: Das Rektorat der Uni Wien verschärft den Tonfall und spricht von Sicherheitsproblemen im Audimax. Gleichzeitig bietet Winckler im Gegenzug für eine Räumung der besetzten Hörsäle "Kommunikationsräumlichkeiten" unter Verantwortung der Hochschülerschaft an.

14. Dezember: Die Besetzer beschließen, dass im Audimax grundsätzlich wieder Lehrveranstaltungen stattfinden können, allerdings im Rahmen der Besetzung und auch nur, wenn das Rektorat gewisse Bedingungen erfüllt.

16. Dezember: Neu besetzte Räumlichkeiten an der Uni Wien werden polizeilich geräumt. Polizisten tragen rund 15 Personen aus einem Büro, in das nach Angaben der Uni-Leitung in der Nacht eingebrochen worden war.

18. Dezember: Nach siebenwöchiger Besetzung des größten Hörsaals der Uni Innsbruck einigen sich die Studenten mit der Uni-Leitung und ziehen in den "Geiwi-Turm" um.

21. Dezember: Aufgrund einer laut Rektorat "massiv verschärften Sicherheitslage" im Audimax bittet die Uni-Leitung die Polizei um Räumung. Rund 80 Obdachlosen und etwa zehn Studenten verließen auf Aufforderung der Polizei hin ohne Widerstand den Hörsaal. (APA)

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