Kater unser

20. Dezember 2009, 20:24
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Wer sich zugunsten der Nächstenliebe niederkübelt, der fürchtet geradezu, dass es ihm schmecken könnte

Inmitten der Menschenwalze um die dicht verkeilten Barrikaden aus Punschstandln und Glühweinhütten hält man plötzlich inne. Selige Gewissheit macht sich breit: Wenn es um etwas geht, ist auf den Österreicher Verlass - alle Jahre wieder.

Wie da der Alkoholgehalt bodennaher Luftschichten ins Schwindlige geschraubt wird, ohne auch nur eine Sekunde an die eigene Gesundheit oder gar den Führerschein zu denken - das zeugt nicht nur von kreuzfideler Selbstlosigkeit. Das ist wahre Größe. Tankwagenweise schießen halbwarmer Glühsirup und anderes Industriekonzentrat durch demütig gestreckte Schlünde. Voll Gleichmut wird der Fusel geschluckt, fröhlich wird die Qual ertragen, bis endlich die Absolution in Form eines besinnlichen Punschfetzens erteilt wird. Der Retter ist da!

Wer sich zugunsten der Nächstenliebe niederkübelt, der fürchtet geradezu, dass es ihm schmecken könnte. Freudvoll bringt er das Opfer der eigenen Übelkeit dar - ist ja für einen guten Zweck! Was ein wirklich gutes Werk ist, das soll auch Überwindung kosten. Sonst wäre es am Ende gar wertlos. (Severin Corti, DER STANDARD Printausgabe 21/22.12.2009)

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