"Wiener Zeitung" soll "liberale, offene Qualitätszeitung" werden

20. Dezember 2009, 20:03
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"Diskussionsplattform für wesentliche Themen" - Keine Änderung in Erscheinungsweise - Chefredakteur strebt Erhöhung der Verkaufsauflage an

 Wien - Reinhard Göweil will die älteste erscheinende Tageszeitung der Welt, die "Wiener Zeitung", als "liberale, offene Qualitätszeitung" und Nischenprodukt positionieren. Erreichen will das der 49-Jährige, der die Chefredaktion der Staatszeitung im November von Andreas Unterberger übernommen hat, einerseits durch Exklusivgeschichten, andererseits soll die Zeitung künftig verstärkt eine "Diskussionsplattform für wesentliche Themen" sein und Hintergründe sowie Erklärungen zu gesellschaftlich relevanten Themen bieten, sagte Göweil im Interview. Auch das Layout der "Wiener Zeitung" soll einem sanften, schrittweisen Relaunch unterzogen werden.

"Beruhigung der Zeitung"

Göweil strebt künftig "eine weitere Beruhigung der Zeitung und längere Textstrecken" an, auch an der Bildsprache und vor allem der Bildauswahl müsse noch gearbeitet werden - "hier befinden wir uns im Lernprozess". Inhaltlich will Göweil künftig verstärkt auf Themen setzen, die im übrigen Tageszeitungsjournalismus seiner Meinung nach zu kurz kommen. "Ein wichtiges Thema wird die Europaberichterstattung sein.

Es geht darum, frühzeitig aufzuzeigen, welche Themen für Österreich tatsächlich relevant sind und etwa welche Auswirkungen die Entscheidungen haben, die in Brüssel oder Straßburg getroffen werden." Göweil will mit der "Wiener Zeitung" hinter die Kulissen blicken und nicht nur den tagesaktuellen Themen und "großen Geschichten hinterherhecheln". Auch frauenpolitische Themen will der neue Chefredakteur künftig forcieren und gewährt damit auch Einblick in seine angepeilte Zielgruppe: "Mehr Frauen und mehr Jüngere." Zuletzt gab es bereits einen umfassenden Relaunch der beiden wöchentlich beiliegenden Farbmagazine "Wiener Journal" und "Programmpunkte".

"Herald Tribune" als Vorbild

Vorbilder für die "Wiener Zeitung" unter Göweil sollen große Namen wie die "Herald Tribune" oder die "Financial Times" sein - aber im Grunde will der Chefredakteur nicht vergleichen: "Zu einem Qualitätszeitungskonzept gehört, dass es sich von anderen unterscheidet." Eine Veränderung in der Erscheinungsweise der Zeitung, die derzeit von Dienstag bis Samstag herauskommt, sei derzeit kein Thema. Im Raum stand immer wieder die Überlegung, den Titel nur mehr wöchentlich erscheinen zu lassen. Das sei ebenso wenig Thema wie eine Montagsausgabe.

Die Auflage der "Wiener Zeitung", die derzeit bei rund 40.000 Stück liegt, soll künftig "kräftig zulegen". Über die angepeilte Größenordnung wollte sich Göweil aber nicht äußern. Auch darauf, ob der Titel unter seiner Führung wieder der Media-Analyse und der Österreichischen Auflagenkontrolle beitreten werde, wollte er sich nicht festlegen.

"Ausgezeichnetes" Verhältnis zu Faymann

Nicht kommentieren wollte Göweil die Kritik, die es rund um den Führungswechsel in der "Wiener Zeitung" gegeben hat. Der ehemalige Wirtschafts-Ressortleiter der Tageszeitung "Kurier" lässt sich davon nicht beirren. Sein Verhältnis zum Eigentümervertreter der Zeitung, zu Bundeskanzler Werner Faymann (S), sei "ausgezeichnet", ebenso wie auch das zu Vizekanzler Josef Pröll (V), sagte er auf Anfrage. "Jede Zeitung hat Eigentümer, ich habe mit meinem kein Problem. Er besitzt die Zeitung, aber er schreibt sie nicht." (APA)

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