Ein Poem auf den Schneider

20. Dezember 2009, 19:34
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"Rasen und Rotieren im Kopf" würdigte die österreichische Lyrikerin

Verliebtsein verhindert das Schreiben bei Friederike Mayröcker. Viel mehr braucht sie dazu ein tiefes Gefühl von Melancholie. Und auch Katja Gassers filmischer Würdigung der österreichischen Lyrikerin, die am Samstagabend auf 3sat und am Sonntagvormittag im ORF ausgestrahlt wurde, muss hoch angerechnet werden, dass sie den Weg der Melancholie und nicht jenen des Verliebtseins eingeschlagen hat.

Das mit "Rasen und Rotieren im Kopf" überschriebene Porträt feierte die Frau, die österreichische Nachkriegsliteratur mitprägte, in einer Schlichtheit, die ihren Erzählungen, Selbsterklärungen, ihren Zitaten und ihren Gedichten Raum gab. Dem schönen Himmel über Mayröckers Wien sei Dank, dass keine adjektivbelastete Stilisierung oder Divenkrönung unternommen wurde. Den Film über die Wörter der nun 85-Jährigen schmückte ein wenig Klaviermusik, unprätentiös wie die Jubilarin selbst.

Archivaufnahmen boten Gelegenheit, nicht nur Mayröcker selbst, sondern auch Ernst Jandl und H. C. Artmann in jungen Jahren zu Gesicht zu bekommen. Und ihre Lebensstationen, die Sommer ihrer Kindheit in einem Weinviertler Dorf, die Zeit als Luftwaffenhelferin und die Nachkriegszeit, die sie "wie hinter einem Vorhang erlebt" habe, ihr ungeliebtes Lehrersein und die zwischenmenschliche "Perfektion" mit Ernst Jandl - sie wollen in nötiger Zurückhaltung referiert werden. Ihr Misstrauen gegenüber Handlung und Erzählen findet in den collagenhaften Andeutungen, ihrem Weg, sich in der Welt mitzuteilen, eine Entsprechung.

Und im Poem auf den Schneider in ihrer Gasse im fünften Bezirk in Wien mögen alle prosaischen Fußnoten, die das Leben schreibt, längst innewohnen. (Alois Pumhösel/DER STANDARD; Printausgabe, 21.12.2009)

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    Friederike Mayröcker.

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