Der unscheinbare Mr. Reid

20. Dezember 2009, 18:50
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Harry Reid bringt die US-Gesundheitsreform durch den Senat

Akkurat gezogener Seitenscheitel, randlose Brille, ewig gleiche Anzüge und Krawatten - Harry Reid könnte als der Prototyp von Kohorten farbloser Politiker erscheinen. Frei von Allüren, differenziert in der Analyse und beinahe schüchtern im Auftreten sei er, sagen Freunde über ihn. Und wohl deswegen fällt es vielen nicht nur schwer, zu glauben, dass der 70-jährige Demokrat der mächtigste Mann im US-Senat ist. Manche machen dazu den Fehler, den unscheinbaren Mr. Reid zu unterschätzen.

Ohne die Umsicht und Überzeugungskraft des demokratischen Mehrheitsführers im US-Senat aber hätte selbst der schillernde Präsident Barack Obama seine Gesundheitsreform bisher garantiert nicht so unbeschadet durch die institutionellen Mühlen des politischen Washington bringen können.

Im Gegensatz zu seinem Äußeren hat Harry Reid einen durchaus farbigen Lebenslauf zu bieten: Geboren 1939 in einem Bergarbeitercamp ein paar Dutzend Meilen südlich von Las Vegas, musste er sich stets aus eigener Kraft durchschlagen. In der High School als Footballer und Amateurboxer, im College als Polizist bei der Parlamentswache in Washington, bei der er sich sein Jus-Studium verdiente. Danach begann er die klassische Karriere eines US-Politikers: Staatsanwalt in einem Bezirk in seinem Heimatbundesstaat, danach Abgeordneter und Vizegouverneur in Nevada. 1974 scheiterte eine erste Kandidatur für den US-Senat an weniger als 600 Stimmen.

Reid stieg danach vorübergehend aus der Politik aus, wurde Chef der mächtigen Glückspielkommission von Nevada. Das trug ihm unter anderem Morddrohungen und Bestechungsversuche ein, von denen er einen, vom FBI verkabelt, aufzeichnete. Der Mann, der ihn für 12.000 Dollar kaufen wollte und den Reid auf Band immerhin als "Hurensohn" bezeichnete, wanderte ins Gefängnis. Reids Frau fand dafür kurz nach der Abhöraktion eine Bombe in ihrem Wagen.

Anfang der 1980er-Jahre drehte der fünffache Vater wieder in ruhige Gewässer ab, ins Kapitol von Washington, D. C. Dort macht sich der gläubige Mormone als Senator unter anderem gegen Abtreibung und Homo-Ehe stark. Auch in der Immigrationspolitik und in Sachen Verhaltensregeln für Senatoren (Stichwort Lobbyismus) hat Reid einen klingenden Namen.

Um seine Wiederwahl 2010 muss er trotz seiner Erfolge im Senat zittern. Er liegt in den Umfragen gleich hinter zwei Republikanern. Allerdings: Auch die sollten ihn nicht unterschätzen. (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 21.12.2009)

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