Trügerische Beschaulichkeit in Farbpunkten

20. Dezember 2009, 18:48
2 Postings

Das Zürcher Kunsthaus hat zum 150. Geburtstag von Georges Seurat eine Schau zusammengestellt, die dessen Qualitäten als Wegbereiter der Moderne veranschaulicht

Eine Idylle am Wasser: Menschen haben sich am satten Grün des Rasens niedergelassen, verweilen unter den Bäumen oder spazieren im Schutz ihrer Sonnenschirme umher. Georges Seurats Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte (1884-86) wurde einst zum Mittelpunkt des Pointillismus, quasi zu einem Manifest in Bildform.

Und Seurat war der Erfinder dieser neuen, als verkopft verschrienen Malerei, die - beflügelt von aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnissen - reine Farbe systematisch auf die Leinwand tupfte. Der eigentliche Farbton sollte sich erst im Auge des Betrachters mischen. "Farbiger Fliegendreck" schimpfte Claude Monet, der Impressionist.

Seurat, der Neo-Impressionist, zählt heute trotz allen Spotts seiner Zeitgenossen auch zu den großen Klassikern, er zählt für viele zu den wichtigen Wegbereitern der Moderne. Die Futuristen und Fernand Léger knüpften an seine Dynamik an, die Bauhaus-Künstler schätzten seine geometrisch vereinfachten Figuren.

Im riesigen, fast zwei mal drei Meter messenden La Grand Jatte platzierte Seurat die Besucher der Pariser Seine-Insel vereinzelt auf die Leinwand, er schuf isolierte Grüppchen, die Blicke fast alle auf den Fluss gerichtet. Idylle? Nicht unbedingt. Den reizvollen Gedanken von der trügerischen Beschaulichkeit in Seurats Arbeiten streut Wilhelm Genazino im Katalog zur großen Ausstellung des Kunsthauses Zürich, die ab Februar in der Schirn-Kunsthalle Frankfurt zu sehen sein wird.

Rund 75 Arbeiten (Gemälde, Ölskizzen und Zeichnungen) hat man von mehr als 30 Leihgebern aus der ganzen Welt zusammengetragen; auch angesichts des recht schmalen Oeuvres - Georges Seurat (1859-91) starb bereits 31-jährig an Diphtherie - eine beachtliche Leistung. Die zwei Hauptwerke (Badeplatz bei Asnières, 1883/84, und das Grande Jatte-Bild) reisten allerdings nicht in die Schweiz.

Nicht weiter verwunderlich, denn sogar 1991 zum großen Seurat-Jubiläum verblieben die beiden großen Formate in ihren Depots in der Londoner National Gallery beziehungsweise dem Art Institute Chicago. Würdig vertreten werden sie in der Ausstellung mit dem Titel Figur im Raum durch einige vorbereitende Ölskizzen und insbesondere der berühmten Ölstudie zur Grand Jatte.

Wieder und wieder hatte Seurat die Grand Jatte besucht: In einem Zeitraum von mehreren Wochen entstanden dort mehr als 20 Zeichnungen und 30 Croquetons (kleine Holzbilder, die in die Deckel der Farbkästen passten).

Trotz sommerlichen Lichts, das Seurat über die ganze Oberfläche zu streuen scheint, vermittelt das Motiv eine Kühle und Melancholie, die nichts mit der nüchternen Wissenschaftlichkeit des Seurat'schen Punkt-Stils zu tun hat; in der Komposition bleibt eine irritierende Ungewissheit zurück. Vielleicht, weil es die Szene tatsächlich nie so gegeben hat, sondern weil sie eine Synthese von nach und nach eingesammelten Figuren und Gruppen ist. Moderne Menschen, die in den Ballungszentren ein Plätzchen zur Erholung suchen: Arbeiter, badend vor den Fabrikschloten von Asnière, oder Prostituierte, die angeln oder Äffchen spazierenführen. Gemeinsam allein schauen sie ins Narrenkastl.

Zylinder und Geheimnis

Und zwischen ihnen Georges Seurat selbst: ein Bohemien, dem seine durch Immobiliengeschäfte zu Geld gekommene Familie ein unabhängiges Künstlerleben ermöglichte. Ein stiller, hoch gewachsener Bursche mit Zylinder und großem Geheimnis: Sowohl von der Geliebten Madeleine Knobloch als auch dem gemeinsamen Sohn, ebenfalls von der Diphtherie hinweggerafft, erfuhr man erst nach Seurats Tod. Gesprächiger war der Künstler, wenn es um seine Kunst ging: Da konnte Seurat leidenschaftlich werden.

In der übersichtlichen Schau wird Seurats Arbeiten viel Raum zugestanden. Auf den großen Flächen der locker in den Saal eingestellten Boxen verlieren sich selbst die kleinsten Formate nicht; einzig der sich flackernd im dunstigen Himmel auflösende Eiffelturm (um 1889), eine 24 mal 15 Zentimeter große Holztafel, gleicht mehr einem Intermezzo als einem inszenierten Höhepunkt, der letztendlich mit dem berühmten, späten Werk Der Zirkus (1891) aus dem Musée d'Orsay vollzogen wird.

Menschenleere Küste

Es sind aber vor allem die leisen Töne, mit der die Ausstellung nachhaltig zu beeindrucken weiß: etwa die frühen Ölskizzen Mäher und Gärtner (1881/82), die einen radikal reduzierten Bildaufbau in wenigen horizontalen Streifen zeigen. Unglaublich moderne Qualitäten kann man auch in Seurats späten, menschenleeren Küstenbildnern ausmachen: In Der Strand bei Gravelines (1890) verschmilzt der fast weiße Himmel mit einer ebenso hellen Wasseroberfläche; in vier kurzen Pinselstrichen ist ein Boot angedeutet. Oder die Zeichnung Baumstämme, sich im Wasser spiegelnd (1883/84), die in ihrer Konzentration auf die Vertikalen und die Schattierung einem abstrakten Bild gleicht. Mit Crayon Conté, einer Art fettigen Kreide, und einem handgeschöpften, ausgeprägt körnigen Papier schuf Seurat nuancenreiche Grautöne und sinnliche Unschärfen. In diesen Zeichnungen gerät das Sujet bisweilen zur Nebensache. Es löst sich auf. (Anne Katrin Feßler aus Zürich/DER STANDARD, Printausgabe, 21. 12. 2009) 

Bis 17. Jänner im Kunsthaus Zürich. Danach, von 4. Februar bis 9. Mai, ist die Schau in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle zu sehen.

  • Kühle und Melancholie: Ölstudie zu "La Grand Jatte" von Georges Seurat.
    foto: kunsthaus zürich

    Kühle und Melancholie: Ölstudie zu "La Grand Jatte" von Georges Seurat.

Share if you care.