Serbien beantragt EU-Beitritt

20. Dezember 2009, 19:26
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Visapflicht für den Schengen-Raum ist gefallen

Belgrad/Stockholm – Serbien reicht am Dienstag sein EU-Beitrittsgesuch ein. Dazu hat der schwedische Ratsvorsitz den serbischen Präsidenten Boris Tadić nach Stockholm eingeladen. Tadić sprach von einem "Wendepunkt", der eine Periode "tiefer, manchmal schmerzhafter" Reformen bedeute. Laut Belgrader Medien unterstützen derzeit mehr als 20 der 27 EU-Staaten den serbischen Antrag.

Die Visapflicht für EU-Reisen von Serben, Montenegrinern und Mazedoniern ist seit Samstag aufgehoben. Seither können die Bürger der drei Staaten visafrei in den Schengen-Raum einreisen, dem neben Österreich 21 weitere EU-Länder sowie die Schweiz, Norwegen und Island angehören. Für Großbritannien und Irland, die dem Schengener Abkommen nicht beigetreten sind, gilt weiterhin Visapflicht, nicht aber für Rumänien und Bulgarien, die erst später volle Schengen-Mitglieder werden.

Plötzlich eine EU zum Angreifen

Nach langer Isolierung dürfen Serben, Montenegriner und Mazedonier seit Samstag visafrei in die EU-Schengen-Staaten. Für Serbien hat das auch große symbolische Bedeutung: Belgrad beantragt am Dienstag den EU-Beitritt.

Seit Tagen schneit es in Serbien. Es ist der erste wirklich weiße Winter nach vielen Jahren. Die Temperatur sinkt auf bis zu minus zwölf Grad. Der serbische Automobilverband empfiehlt Autofahrern, ohne besonderen Bedarf nicht zu verreisen.

"Das gilt nicht für mich, nicht heute", sagt Aleksandar Todorović lächelnd und schaltet das Radio leise. Er fährt langsam auf der teilweise verschneiten Autobahn. Seinen alten Fiat "Zastava 101", erzeugt in der serbischen Autofabrik in Kragujevac, hat er für diese eine kurze Reise an diesem besonderen Tag herausgeputzt: Die Winterreifen sind neu, das Öl ist gewechselt, das Auto gründlich gewaschen. Aleksandar hat die internationale Autoversicherung, den internationalen Führerschein und den neuen serbischen biometrischen Reisepass besorgt. Am 19. Dezember 2009, dem Tag, ab dem die Bürger Serbiens ohne Visa in die Schengen-Staaten reisen dürfen, ist er startbereit.

"Europa, ich komme", sagt Aleksandar und lacht. Europa heißt in diesem Fall die Stadt Szeged in Ungarn, dort will Aleksandar einen Kaffee trinken, eine ungarische Salami kaufen und dann wieder die 250 Kilometer zurück nach Belgrad fahren. Für den gelernten Friseur reicht das Geld momentan nicht für mehr, doch "dieses Gefühl der Freiheit" habe keinen Preis. Allein ein Schengen-Visum hat mehr gekostet als Benzin und Autobahnmaut. Schon im Jänner will er aber seine Freundin in Berlin besuchen.

Gane, wie ihn seine Freunde nennen, grinst während der ganzen Fahrt. Für ihn geht an diesem Samstag ein Traum in Erfüllung: sich einfach so eines Morgens ins Auto setzen und in irgendeinen EU-Staat fahren zu können – ohne vorher die erniedrigende Prozedur der Visabeantragung in einem Konsulat über sich ergehen zu lassen, tagelang irgendwo Schlange stehen zu müssen um einen ganzen Berg von Dokumenten, diese dann abzugeben ohne Garantie, dass man ein Visum auch bekommen würde, für das man bis zu 50 Euro bezahlen musste.

Rund 70 Prozent der jungen Serben waren nie im Ausland. Gane (26) war zuletzt als Kind im Ausland, mit seinen Eltern, vor 19 Jahren. Ein Jahr später, 1991, brach der Krieg im ehemaligen Jugoslawien aus, gegen Serbien wurde ein Wirtschaftsembargo verhängt, die Visapflicht für serbische Staatsbürger eingeführt. "Wir haben wie in einem Käfig gelebt", erzählt Gane. Er und seine Freunde haben viele wehmütige Geschichten darüber gehört, wie man früher mit einem jugoslawischen Reisepass überall hin verreisen konnte.

"Es war bedrückend, sich das anzuhören, dieses Gefühl, eingesperrt zu sein", sagt Gane. Denn es sollte doch normal sein, dass sich junge Menschen frei bewegen, etwas anderes sehen, vergleichen können. Gane kann überhaupt nicht nachvollziehen, warum er von Europa bestraft werden sollte für etwas, das in den 1990er-Jahren geschehen ist. Er war acht Jahre alt, als der Krieg ausbrach.

Weiße Schengener Nacht

Gut gelaunt hört sich Gane die Nachrichten im Radio an. Man feiert einen "historischen Tag". Wegen der neu erworbenen Freiheit erfreute Menschen melden sich zu Wort. "Serben, willkommen in Europa", titelte am Samstag die Belgrader Tageszeitung Vecernje novosti. In der "weißen Schengener Nacht" erleuchtete eine Minute nach Mitternacht ein Feuerwerk die serbische Hauptstadt. Mit einer Gruppe von 50 serbischen Bürgern, die noch nie in der EU waren, flog Vizepremier Bozidar Djelić vom Belgrader Flughafen nach Brüssel, wo sie von Funktionären des EU-Vorsitzlandes Schweden und Erweiterungskommissar Oli Rehn empfangen wurden. Außenminister Vuk Jeremić überquerte als erster serbischer Staatsbürger nach dem Wegfall der Visapflicht am Übergang Horgos die Grenze zu Ungarn. "Das funktioniert also", sagte er lakonisch. In Ungarn beschenkten einige Frauen alle mit Kuchen. Nie war die EU so konkret spürbar in Serbien.

Vor Horgos wirkt Gane doch ein wenig nervös. Seit er denken kann, hat er auf diesen Augenblick gewartet. "Was, wenn die Ungarn doch noch irgendein Papier verlangen?" Als er jedoch sieht, wie einige junge Menschen aus einem Auto mit Belgrader Kennzeichen steigen und zu Fuß laut und lachend mit hochgehaltenen neuen Pässen die Grenze passieren, lacht auch Gane wieder. Wenige Minuten später ist er in der EU.

Serbische TV-Sender zeigten Szenen von fröhlichen Menschen auch an Grenzübergängen zu Bulgarien und Rumänien. Ähnlich war es in Montenegro und Mazedonien, für deren Staatsbürger ebenfalls die Visapflicht aufgehoben wurde. Ab 1. Jänner öffnet sich Serbien erstmals für Billigfluggesellschaften, auch FlyNiki startet mit den Flügen ab Februar. Selbst die größten EU-Kritiker in Serbien sind vorerst still geworden. Nach fast zwei Jahrzehnten und unzähligen Phrasen scheint die EU für die Bürger Serbiens erstmals greifbar nahe. Morgen, Dienstag, reicht Präsident Boris Tadić auf Einladung des schwedischen Ratsvorsitzes inStockholm das offizielle EU-Beitrittsgesuch ein. (Andrej Ivanji/DER STANDARD, Printausgabe, 21.12.2009)

  • Ende des Käfig-Lebens: Aleksandar Todorović mit seinem neuen biometrischen Pass.
    foto: standard/andjic

    Ende des Käfig-Lebens: Aleksandar Todorović mit seinem neuen biometrischen Pass.

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    Drüben wartete ungarischer Kuchen: Passkontrolle beim Grenzübergang Horgos.

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