Im Wilden Westen der EU-Lohnerhöhungen

Thomas Mayer, DER STANDARD, 19. Dezember 2009 15:45
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Vorsicht, Lohnempfänger! Allzu billiger Neid auf die EU-Beamten könnte schon bald die eigene Gesundheit gefährden

Die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten haben in Bezug auf die EU-Gehaltserhöhung für 2010 einen wahrhaft bemerkenswerten Beschluss zustande gebracht: Alle Beamten bekommen nicht jene 3,7 Prozent, die ihnen von Gesetz wegen zustehen würden, nämlich jenen fairen Anteil am üppigen Gesamtzuwachs der Wirtschaft vor dem Absturz im Spätherbst 2008, den das Europäische Statistikamt Eurostat errechnet hat. Nein, sie sollen einfach genau die Hälfte - plus 1,85 Prozent erhalten.

So wurde es auf Botschafterebene von den Regierungen, die in diesem Fall sozusagen als Aufsichtsrat des Arbeitgeberverbandes agieren, einstimmig beschlossen. Was nur möglich wurde, weil einige Staaten sich der Stimme enthielten. Hätten letztere das nicht getan, dann wäre wohl irgendwann der formale Vorschlag der EU-Kommission - plus 3,7 Prozent - gekommen. Denn eine Totalblockade hätten die Regierungen auf Dauer kaum durchgehalten, wenn in Brüssel, Luxemburg und Straßburg die Streiks den EU-Betrieb erst einmal lahm gelegt hätten.

So weit so gut. Oder so schlecht. Denn Vorsicht, Lohnempfänger! Allzu billiger Neid auf die EU-Beamten könnte schon bald die eigene Gesundheit gefährden.

Wenn dieses Vorgehen Schule macht für ganz Europa und neben den Beamten auch uns "normale" Arbeitnehmer trifft, dann steht uns einiges bevor: ein Wilder Westen der Lohnverhandlungen bzw. eben Nicht-Verhandlungen, in dem die Cowboys scharf schießen; in dem Arbeitgeber ihren Angestellten ohne wirkliche Begründung diktieren können, gefälligst mit der Hälfte zufrieden zu sein. Schluss. Ende der Debatte. Kein sozialer Ausgleich, kein Splitting, keine Nebenregelungen über verbesserte Arbeitsbedingungen oder was auch immer. Kusch.

Um das emotional gegenüber den Massen abzusichern wird mit dem Finger auf die Bestverdiener gezeigt. So funktioniert Boulevardjournalismus und Politikpopulismus. Wie sehr dabei "lechts und rinks" (Ernst Jandl) verschwimmen, sozialdemokratisch und rechtsliberal, das lässt sich ganz gut an der SP-Beamtenstaatssekretärin Gabriele Heinisch-Hosek ablesen. Sie brüstet sich jetzt damit, dass Österreich bei all dem geradezu "federführend" gewesen sei, denn "niemand in Europa versteht, dass in Zeiten der Wirtschaftskrise die EU-Beamten 3,7 Prozent bekommen sollen".

Gewerkschaftsgurke für Heinisch-Hosek

Da irrt sie sich aber. Man kann es schon verstehen. Wer solche Solzialdemokraten in der Regierung hat, der braucht als Linker keine Feinde mehr im Industrie- und Arbeitgeberverband. Frau Heinisch-Hosek verdient die Gewerkschaftsgurke des Monats.

Denn entweder hat sie es wirklich nicht geschnallt, warum der Zuwachs für die Beamten mit (scheinbar hohen) 3,7 Prozent errechnet wurde? Das wäre schlimm genug. Obwohl es so einfach ist, wie ich es in einem früheren EuropaBlog schon im Detail beschrieben habe - die Erhöhungen hinken auf EU-Ebene aufgrund des festgelegten Berechnungsmechanismus der aktuellen Konjunkturentwicklung schlicht und einfach um zwei Jahre hinterher. Weil die Wirtschaft 2008 vor dem Absturz noch brummte, ist es jetzt so viel. Die Metaller in Österreich haben 2008 knapp unter vier Prozent abgeschlossen, zum Vergleich. Wenn die Wirtschaft (hoffentlich bald) wieder anzieht, werden die EU-Beamten auf deutliche Steigerungen entsprechend länger warten müssen als Arbeitnehmer auf nationaler Ebene, wo jährlich verhandelt wird.

Wenn Frau Heinisch-Hosek das alles aber verstanden hat, wovon man ausgehen kann, dann wird sich ihre Taktik aber bald als kurzsichtig und perfid herausstellen. Denn dann hat die rote Staatssekretärin, die sich sonst so gern als feministische Sozialrevolutionärin gebärdet, ein zweifelhaftes Exempel für die Zukunft geschaffen.

Es würden dann Arbeitgeber sich jederzeit unter Hinweis auf ihre Krise darauf berufen können, dass man sich doch bei Lohnerhöhungen mit der Hälfte zufrieden geben solle, auch wenn die nüchternen wirtschaftlichen Zahlen das Doppelte durchaus rechtfertigen würden. Ein Teufelskreis nach unten wäre Tür und Tor geöffnet, ohne jede soziale Abfederung, für alle gleich: für den Spitzenbeamten/Abteilungsleiter ebenso wie für die alleinstehende Sekretärin (ja, auch die gibt's in der EU), die zwölfmal 3000 Euro/Monat verdient, ohne steuerbegünstigtes 13. und 14. Gehalt wie in Österreich.

Deshalb wird es jetzt auch so spannend, wie es weitergeht. Man muss davon ausgehen, dass dieser Beschluss am Ende vor dem Europäischen Höchstgericht (EuGH) in Luxemburg landet. Entweder werden reihenweise EU-Beamte ihr Recht einklagen, oder es klagt gleich die EU-Kommission als Hüterin der EU-Verträge, wie angekündigt. Die Höchstrichter werden dann nicht nur über Formalia entscheiden können, sondern über Inhalte. Denn formal ist der Beschluss der Regierungen absolut sauber. Einstimmig haben sie das recht, jeden Vorschlag der EU-Kommission abzulehnen und abzuändern. Mit Mehrheit allein wäre das nicht gegangenen.

Der EuGH wird also sagen müssen, ob es für Regierungen zulässig ist, bestehendes Recht zu biegen und in die Lohngestaltung direkt einzugreifen. Da wird es sehr auf die Begründung ankommen. Ob der Hinweis auf Krise allein reicht? Denn das Geld für die Gehaltserhöhungen ist ja da, es wurde im Budget 2009 entsprechend rückgestellt.

Aber, noch mal Vorsicht: Zuerst muss der informelle Beschluss der Botschafter noch im Ministerrat formal bestätigt werden. Alle müssen zustimmen. So was ist zwischen Weihnachten und Neujahr, wenn alle wegschauen, eine unsichere Geschichte.

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18 Postings
demontetom
12.01.2010 18:55
danke herrn mayer und dem standard...

...für die ausgewogene berichterstattung und kommentare zu dem thema. unterscheidet sich wohltuend von der polemik anderer blätter.

kyselak3
 
20.12.2009 19:01
verkehrte welt

nicht das verhalten gegenüber den eu-beamten schafft ein präjudiz für "normale" lohnempfänger (die sind längst mit viel schlimmerem konfrontiert), sondern die eu-bürokratie wird endlich mit einem haucherl wirklichkeit konfrontiert.

aber keine sorge!
die bürokratie, die ihre schäfchen nicht ins trockene bringt (und wenn rundherum die welt zerbröselt), muß erst erfunden werden.

Technikum Wien Student
20.12.2009 10:41

Vollste Zustimmung!

Aber kein Wunder, dass Österreich sich bei dieser Aktion besonders hervortut, schließlich gilt der Neid hierzulande ja schon fast als Tugend...

Bertel Mann
 
20.12.2009 10:32
"Es würden dann Arbeitgeber sich jederzeit unter Hinweis auf ihre Krise darauf berufen können, dass man sich doch bei Lohnerhöhungen mit der Hälfte zufrieden geben solle,...

...auch wenn die nüchternen wirtschaftlichen Zahlen das Doppelte durchaus rechtfertigen würden."

"Würden"?

Na was glaubt dieser Ahnungslose, was in den letzten Jahren passiert ist. Warum wohl sind die Realeinkommen praktisch gleich geblieben (und bei niedrigen Einkommen sogar gesunken)? Dass es KVs gibt, die nicht einmal eine IST-Lohnerhöhung vorsehen, dürfte er auch nicht geschnallt haben (um in seiner Diktion zu bleiben).

Aber offensichtlich ist wieder mal Linkenbashing angesagt - dafür scheint er ja bezahlt zu werden.

P.S.: Die Zulagen die den Beamten zustehen, hat er natürlich überhaupt vergessen - nur dass es kein 13. und 14. Monatsgehalt gibt, wird erwähnt - ziemlich perfide...

skip it
13.01.2010 10:12
vgl mit oesterreich:...

...die beamten haben hier jede menge zulagen, von denen die "eu-beamten" nur traeumen koennen.

PLUS das nahezu abgabenfreie jahres-sechstel.

und wenn sie sich ueber die erhoehungen "in bruessel" so alterieren, dann erkaleren sie mir bitte die mucksmaeuschenstille hinnahme der 3.55% fuer die A-beamten ende 2008. da war der bankensektor schon laengst knapp vor der insolvenz und musste aus staatlichen milliardentoepfen gestuetzt werden.

und DA hat sich keine sau hierzulande darueber aufgeregt.

aber auf "die in bruessel", da duerf mr schimpfen, weil da gibt's keine ueber die finger! net so wie im obrigkeits-kuschenden oesterreich. uijegerl! da sammr lieber vorsichtig...

Thomas Mayer, DER STANDARD
20.12.2009 15:29
Bashing, aber richtig

Für Sie gerne ein paar Zahlen zur Untermauerung, dass es hier wohl eher um Linke geht, die sich wie Rechtsliberale aufführen, wenn es um Lohnzuwächse geht, und nicht um Linkenbashing:
Die Zeiträume, aus denen die anstehende Gehalterhöhung für die EU-Beamten zu errechnen ist, beziehen sich auf zwölf Monate unmittelbar vor dem Wirtschaftsabsturz im letzten Quartal 2008. Bis dahin brummte die Wirtschaft, verzeichneten Unternehmen Rekordgewinne, betrug das Wachstum in Europa fast drei Prozent, in Belgien 2,6 Prozent. Gleichzeitig war die Inflation im Jahr 2008 (Ölpreisschock) hoch, mit 4,5 Prozent in Belgien sogar außerordentlich hoch.
Geltet man den Beamten das jetzt mit einer Steigerung der Gehälter um 1,85 Prozent ab, bedeutete das für den einzelnen Betroffenen einen deutlichen Reallohnverlust.
Dafür kann man sein. Aber dann sollte man sich dazu bekennen, und es laut sagen - und gleich dazu, von welch politischer Gesinnung das zeugt.

robert rittersmann
21.12.2009 07:27

Ihnen dürfte so nebenbei entgangen sein, dass es da eine Krise gibt, die die öffentlichen Haushalte derart strapaziert, dass jede Einsparung im öffentlichen Bereich mehr als angebracht erscheint.
Die EU Beamten klagen auf höchstem Niveau und bekommen deutlich mehr als die Inflation.
Also sollten Sie nicht versuchen, uns für dumm zu verkaufen. Viele Österreicher sind nicht mehr die armen dummen Hascherln für die sie offenbar von Politik und Medien gehalten werden.

Christoph ************
21.12.2009 14:06

Die einjährige Verzögerung in der Lohnerhöhung bringt definitiv kein Budget um. Das ist doch lächerlich, umso mehr als der Unterschied zu den anderen Berufsgruppen schlicht ist, dass sie diese Erhöhung schon längst in der Tasche haben.

Isaline
20.12.2009 15:14
Bezüglich der viel diskutierten Zulagen...

... scheint mir, dass hier ständig die Zulagen von Beamten und Parlamentariern in einen Topf geworfen werden.

Beamte haben folgende Zulagen:
Auslandszulage (16 %)
Haushaltszulage sofern verheiratet (2%)
Kinderbeihilfe sofern Kinder
und in manchen Fällen eine Studienbeihilfe für Kinder

Abgezogen werden
Pensionsvorsorge (10 %) , Kranken- und Unfallversicherung (1,8 %), Steuern (nach einkommen gestaffelt) und noch eine Spezialabgabe (4,64 %), die 2004 eingeführt wurde.

Das alles hebt sich unterm Strich ziemlich auf. Also das grosse Geld machen die Zulagen sicher nicht. Beamte haben keine 30.000 € für Krankenkosten. Im Gegenteil, da gibt es auf alles 15 % Selbstbehalt, oder mehr (zb Zahnarzt). Auch auf Krankenhausaufenthalte.

Christoph ************
21.12.2009 14:08

Die Besteuerung haben Sie wohl aus Absicht so nebulos gehalten ("gestaffelt"), denn die geht ja angeblich auch bis 45% rauf. Das trifft zwar nicht alle aber davon zu reden, dass sich das alles unterm Strich wieder aufhebt ist in höchstem Maße unseriös.

Sir Karl Popper
20.12.2009 00:11
"Wenn dieses Vorgehen Schule macht für ganz Europa und neben den Beamten auch uns "normale" Arbeitnehmer trifft, dann steht uns einiges bevor"


EU-Beamte sind eben keine Billa-Kassierinnen! Sie gehören zu den absolut Top-Priveligierten. Aus den Boulevardmedien ist ja bekannt, dass Spitzenbeamte inkl. Zulagen mit ca. 23.000 Euro monatlich mehr verdienen als Obama.

Die soziale Frage ist doch, wer so eine (von der Allgemeinheit finanzierte) Lohnerhöhung wirklich braucht.

Am besten wäre gewesen, die Lohnerhöhung nur für die unteren Einkommen der Beamten um volle 3,7% zu erhöhen, dafür Nullrohnrunde für Topverdiener.

Isaline
20.12.2009 15:25
Tschuldigung, nochmal: es geht hier nicht um die Höhe der EU Gehälter, über die sich sicher lang diskutieren lässt, sondern um die Einhaltung eines Vertrages!!

Der vor 5 Jahren von allen Mitgliedsstaaten voll akzeptiert wurde. Und jetzt einach nicht respektiert wird, weil's den Herrn Politikern grad nicht passt.

Die Gehälter sind in der Reform von 2004 angepasst (=gesenkt!) und von allen Mitgliedsstaaten akzeptiert worden. Das ist ein fixes Schema wie bei allen Behörden. Ich versteh nicht, warum die EU Beamten immer als geldgierige Bande dargestellt werden. Da hat noch nie einer persönlich eine Gehaltsverhandlung geführt. Warum werden Beamte immer mit den Parlamentariern und Kommissaren (= Politiker) verwechselt?

Noch was: wer geht schon ins Ausland, lässt heim und Familie hinter sich (oder verpflanzt sie mit), wenn er das gleiche verdient wie daheim? Ich tät's nicht.

Markus1975
21.12.2009 15:54
RICHTIG

Es ist alledings nicht nachvollziehbar, warum automatisch dann auch die Bezüge der Parlamentarier nach oben gehen muss. Sie haben recht, die wahren Raubritter sind die EU Parlamentarier, die jetzt scheinheilig versuchen, Ihren eigenen Beamten die wohlverdiente Erhöhung madig zu machen. Auch die hochpreisigen Parlamentarier laufen nämlich bei dieser Erhöhung mit und kassieren die 1,85% plus, obwohl sie auf den anderen Seite eine Erhöhung kritisieren. Ich hab Verständnis mit den Beamten, sicher nicht mit den Parlamentariern und finde es gut, dass Sie das herausheben, wäre nur wünschenswert, wenn einer der Politiker auch mal diesen Mut hätte, das hervorzuheben ...

Graf Bobby
20.12.2009 15:01
Grundsätzlich gebe ich Ihne ja recht


aber warum immer das Gerede, dass die "kleinen" Gehälter erhöht werden sollen die oberen nicht.

Damit dann einmal eien Sekretärin in der EU 5000 brutto verdient, der Referent aber "nur" 6000. Die Abständie egal wie hoch haben einen Sinn, weil damit höhere Ausbildung, Leitungsfunktionen usw. abgegolten werden. Ein Akademiker in der Finanzmarktaufsicht sollte eben mehr Gehalt wert sein als eine Sekretärin in der MA xy.

Chrifa
20.12.2009 16:20
Das Problem dabei:

Er ist es aber nicht!

Dolph
20.12.2009 19:07
Aha wenn ich mit 10 Jahren Ausbildung gleich viel

verdienen würde wie meine Sekretärin mit 0 Ausbildung (nach der Matura) würde ich den Hut drauf werfen ...
Ausserdem jeder kann sich als Beamter bei der EU bewerben, wenn es sooo toll ist, da braucht man 0 Vitamin B, sollte aber zumindest 3 Jahre Sprachen fließend sprechen und Auslandserfahrung haben ...

Markus1975
21.12.2009 16:00
warum 3 Jahre Sprachen fließend sprechen ...

is doch a Blödsinn was Sie da schreiben, und Bildung hat recht wenig mit Leistung zu tun, auch das sollten Sie wissen ... Und in der heutigen Zeit muss Leistung bezahlt werden und nicht die Ausbildung ... Außerdem ist die Matura auch Bildung ... Wozu braucht man denn dann eine Sekretärin, wenn die eh nix weiterbringt (kann ?!?), weil die Gebildeten ja administrativ sooo toll sind ... Aja noch was: Es gibt Sekretäre und Sekretärinnen, die über ein Hochschulstudium verfügen, ich denke bei den EU Beamten sogar die Mehrheit, denn sonst würde man keine 3 Fremdsprachen fließend beherrschen, zumindest nicht die Mehrheit ...

Isaline
21.12.2009 22:45
Stimmt,

es gibt Sekretäre und Sekretärinnen, die ein Hochschulstudium haben, die sind aber keineswegs die Mehrheit. Es sind hauptsächlich neue Beamte aus den Ostländern, denen es wurscht war, auf welchem Posten sie hereinkommen, Hauptsache hereinkommen. Es gibt Ausbildungen, die sich "Fremdsprachen-Sekretärin" nennen und da kommt man sehr wohl 3 bis 4 sprachig heraus. Auch als einfache Sekretärin.

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