Kriegsspiel und Politik

19. Dezember 2009, 13:40
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Kämpfen im virtuellen Afghanistan: Wenn Gegenwartskonflikte als digitale Unterhaltung verkauft werden.

Die eine Seite sagt, Krieg spielen macht Spaß. Sie sagen, die Betonung liegt auf „spielen" und virtuell ist nicht echt. Die andere Seite findet das gefährlich und fürchtet die Suggestionskraft der Gewaltdarstellung in einnehmender Ästhetik. Die Zukunft liegt auf Seiten der Spieler, die Paralleluniversen werden blühen. Es wird ein Teil des Lebens werden. Das heißt nicht, dass die Skeptiker ganz falsch liegen.

Denn eine virtuelle Welt ist auch nicht mehr als die Verlängerung der realen. Ihre Konflikte setzen sich dort fort. Gewalt wurde bestimmt nicht im virtuellen Raum erfunden. Und der Gedanke auch reale und aktuelle Konflikte virtuell eine Fortsetzung finden zu lassen, ist naheliegend und keineswegs neu. Der angekündigte, neue Teil der Serie „Medal of Honor" wird eine breite Zielgruppe in einen der größten Gegenwartskonflikte, nach Afghanistan, führen. Seit kurzem ist ein erstes Gameplay-Video zugänglich (siehe unten).

foto: screenshot

Ob es einen Unterschied macht, wenn das Spiel keinen fiktiven oder historischen Konflikt thematisiert, sondern die Realität direkt anspricht? Kein Zweifel. Denn damit nimmt das Spiel automatisch einen politischen Standpunkt ein, ob es will oder nicht. Seien wir uns ehrlich: In Afghanistan passiert nichts Glorreiches, keine Heldengeschichte. Dort passiert realer Krieg. „Medal of Honor" wird aber keinen realen Krieg zeigen, sondern eine unterhaltende Abstraktion, eine verblendete Sicht, wenn man so will. Das Genre ist längst noch nicht fähig – analog zum Film - Antikriegsspiele anzubieten. Große Anbieter, die verkaufen müssen, kommen über kritische Andeutungen in ihren Produktionen nicht hinaus. Selbst große Antikriegsfilme siedeln sich zumeist sicherheitshalber in historischen Szenarien an.

Konami musste den angekündigten Irak-Shooter „Six Days in Fallujah" nach öffentlicher Kritik zurückziehen, nachdem ihnen mangelnde Sensibilität vorgeworfen wurde. Sie wollten nur Unterhaltung produzieren, war auch eines ihrer Verteidigungsargumente. Nur Unterhaltung geht aber bei der Thematisierung aktueller Konflikte nicht. Mit der Etikettierung „Irak" oder „Afghanistan", die automatisch die Politik ins Spiel bringt, ergibt sich die Forderung nach einer differenzierten Darstellung. Sonst wird's zumindest propagandistisch und letzten Endes unappetitlich.

„The new Medal of Honor is inspired by and has been developed with Tier 1 Operators from this elite community", heißt es in der Ankündigung. Wie im Filmgeschäft arbeitet man hier mit dem Militär zusammen. Niemand wird ernsthaft glauben, dass eine gegenwärtige Mainstreamproduktion über Afghanistan keine propagandistische Schlagseite hat. Kriegsreality war bisher in Nischenprodukten wie „Americas Army" und „Kuma War" gut aufgehoben. "Medal of Honor" lässt weitere Vereinnahmung des medialen Raums durch kriegsführende Interessengruppen befürchten.

foto: ea

Die Kriegsikonographie des Werbesujets
lässt kaum Zweifel an der Ausrichtung des Afghanistan-Spiels.

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