Am Ende des Ganges

18. Dezember 2009, 20:40
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Ein Umzug ist schon für jüngere Menschen aufregend - Wie ergeht es da erst Alten? Das Wiener Maimonides-Zentrum wurde Mitte Dezember mit seinen 148 Bewohnern übersiedelt

"Alte Leute übersiedeln, ist ja lächerlich!" Während sie das sagt, lacht sie auf und schließt dabei kurz ihre lebhaften kleinen Augen, so als könnte sie es selbst nicht glauben, was da auf sie zukommt. Gertrude Laufer, 83, sitzt im Speisesaal des Wiener Sanatoriums Maimonides in der Bauernfeldgasse im 19. Wiener Gemeindebezirk und isst ein Stück Mohnkuchen zur Nachmittagsjause. Es ist Ende November. In knapp vier Wochen wird sie noch einmal in ihrem Leben umziehen. Sie und weitere 147 Heimbewohner. Schon der Gedanke erzeugt bei vielen Alten Unbehagen. Sie hat jetzt schon schlaflose Nächte, sagt Frau Laufer und zupft am Revers ihrer Seidenbluse. Dabei ist sie nach einem kurzen Blick zu den anderen Tischen ohne Zweifel eine der Fittesten hier.

Seit fünf Jahren lebt Frau Laufer in einem Zweizimmer-Gartenappartement im sogenannten jüdischen Elternheim, es ist die letzte Station in einem sehr bewegten Leben: 1926 kam sie auf die Welt, 1939, mit 13, flüchtete sie mit den Eltern vor den Nazis nach Schanghai. 1947 kommt sie zurück nach Österreich, 1958 wandert sie nach Israel aus. Mit ihrem zweiten Mann kehrt sie 1965 nach Wien zurück, weil sie das Meeresklima nicht verträgt. Schon 1992 stirbt ihr Mann, mit dem sie lange, wie sie sagt, glücklich war. Seitdem lebt sie alleine, und das eben im Maimonides-Zentrum. Sie hat ihre eigenen Möbel, ihre eigene Waschmaschine, ihre eigene kleine Küchenzeile - und kann trotzdem auf alle Dienste des Pflegeheims zurückgreifen, etwa die Mahlzeiten, ärztliche Betreuung oder Therapien. "Die Leute gehen viel zu spät ins Heim", sagt Laufer, die nie eigene Kinder hatte. Im Heim fühle sie sich wohl, obwohl sie keine Freunde hat: "95 Prozent hier sind dement, da halte ich mich extra." Die gleichermaßen humorvolle wie resolute Frau spricht druckreif und vieles offen aus, etwa auch: "Hier verfällt langsam alles."

Deswegen kommen bald die Bagger. Mit 29. Dezember übernimmt Raiffeisen das Areal, dann entstehen hier Luxuswohnungen, für "6000 Euro den Quadratmeter", sagt Hansjoerg Missbichler, seit 1999 geschäftsführender Direktor des Maimonides-Zentrums. Sein Gebäude, das bereits seit 1971 besteht, war zuletzt, vorsichtig gesagt, bestenfalls heimelig, von außen betrachtet gab es für den Bau eher nur ein anderes Wort: heruntergekommen. Wer die Sicherheitsschleuse am Eingang passiert hatte, erlebte eine bunte Mischung: Alte Kunstwerke an den Wänden, Antiquitäten zwischen lieblos herumstehenden billigen Resopal-Möbeln, dazwischen Wasserflecken an den Wänden. Und nun ist Schluss. Es wird umgezogen, zunächst von 7. bis 13. Dezember die Sachgüter und dann von 14. bis 18. Dezember die Menschen. Zweifellos die größte Herausforderung.

Ein Frosch im Hals

Bei allen baulichen Mängeln hat das alte MZ zwei große Vorteile: Seinen grünen Garten mit den schattenspendenden Nussbäumen und die gute Infrastruktur auf der nahen Döblinger Hauptstraße. Ernst Eisenmayer, gerade 89 geworden, mochte beides, die Nussbäume und die Döblinger Hauptstraße. Er war über die Jahre so etwas wie ein Aushängeschild des Sanatoriums, jedes Mal, wenn über das Maimonides-Zentrum geschrieben wurde, war es oft ei- ne Ernst-Eisenmayer-Geschichte. Aus gutem Grund: Wer durch seine Appartementtür kam, war überwältigt, Eisenmayers eigene vier Wände waren ein beeindruckender Mikrokosmos eines noch immer agilen, geistvollen, aber auch streitbaren Künstlers: Ölgemälde an den Wänden, prachtvolle Zeichnungen, kleine Skulpturen und zahlreiche Skripten. Er kennt sich in der Literatur genauso aus wie in der Fotografie oder auch mit Computern - als fast 90-Jähriger. Eisenmayer, der als 18-Jähriger nach Dachau kam, ergatterte mit großem Glück ein Visum für England, lebte in London, Italien und Amsterdam, hatte zwei Frauen und drei Kinder und kam 1996 nach Wien zurück, in die Stadt seiner Kindheit. Wenn er sich aufregt, beginnt er sich zu räuspern, und bei den letzten Besuchen hat er oft einen Frosch im Hals. Fundamentalismen jeglicher Form seien ihm zuwider, sagt er. Als Anfang dieses Herbstes eine seiner Töchter aus London kommt, um ihm angesichts des nahenden Umzugs beim Aussortieren und Zusammenpacken seiner Kunstschätze zu helfen, wirkt er ernsthaft angeschlagen.

Er beginnt, wie es seine Art ist, Pamphlete gegen das neue MZ zu schreiben, das mit Ende des Jahres auf dem neuen Campus der Israelitischen Kultusgemeinde in der Krieau angesiedelt werden soll. Für Eisenmayer eine Trabantenstadt, ein Ghetto, wie er das drastisch ausdrückt. Eigentlich, sagt er immer wieder, will er dort nicht hin.

Gertrude Laufer und Ernst Eisenmayer gehören zu jener Generation im jüdischen Elternheim, die den Holocaust noch erlebt und überlebt haben. Sie gehören zu einer Generation von Zeitzeugen, die langsam ausstirbt. Noch rund zwanzig solcher Zeitzeugen gibt es zurzeit im Maimonides-Zentrum. "Sie haben Schreckliches erlebt und erlitten, und wenn es ihnen auch gelungen ist, während der vergangenen Jahre vieles zu verdrängen, so holt sie hier die Vergangenheit wieder ein", schreibt Traude Litzka im Vorwort zu ihrem Buch Treffpunkt Maimonides-Zentrum, in dem sie elf jüdische Schicksale von Heimbewohnern aufgeschrieben hat. Vier von den elf sind mittlerweile verstorben. Die anderen müssen jetzt übersiedeln. Dabei ist ein Umzug schon für junge Menschen eine aufregende Sache, für ältere noch mehr. Und wie muss es für diejenigen sein, die in ihrem Leben ein- oder mehrmals und nicht freiwillig aus ihrer vertrauten Umgebung verpflanzt wurden?

Das neue MZ in der Wiener Krieau soll sich füllen wie ein Gefäß: von unten nach oben, vom ersten bis in den letzten Stock. Dorthin, hinauf in den achten Stock, sollen Gertrude Laufer und Ernst Eisenmayer kommen. Wie es dort oben aussieht? "Wirklich toll", sagt Direktor Missbichler. "Ich kann da noch gar nichts sagen", sagt Laufer und hebt schon beim "ich" aufgeregt ihre Stimme. Als sie im September an einem Tag der offenen Tür einmal dort war, war noch alles im Rohzustand: "Ich hab nur Ziegel gesehen", sagt sie und steigt gelenkig die Treppen hinunter zu ihrem alten Garten-Appartement. "Furchtbar", sagt Ernst Eisenmayer.

Ein paar Monate später ist im neuen MZ nichts mehr im Rohzustand. "Haben alle ihre rosa Bändchen?" Ariel Muzicant spricht laut und deutlich und lässt seinen Blick sorgfältig über die rund 20-köpfige Gruppe schweifen. Der Präsident der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde will sichergehen, dass ihm später niemand verlorengeht. Seit über einer Stunde sammeln sich vor allem ältere Menschen in der großen Eingangshalle, viele haben sich auf den neuen Sesseln der Cafeteria niedergelassen. Der Teppichboden im warmen Orange-Ton und die dazu passenden Vorhänge verbreiten eine angenehme Stimmung. Die Menschen haben ihre dicken Wintermäntel abgelegt. Um elf Uhr geht es los mit dem Rundgang. Zwei Tage sind es noch bis zur offiziellen Eröffnung des MZ.

Die Gruppe, bestehend vor allem aus Menschen, die in naher Zukunft möglicherweise hier einziehen wollen, setzt sich in Bewegung: Paare haken einander unter, manche gehen am Stock, einige sprechen Ungarisch. Cafeteria, Speisesaal, dahinter die Räume der neuen Tagesheimstätte. Muzicant erläutert Programm- und Therapieangebot und den Aufbau des Hauses: erst die Demenzstation, dann die Pflegestationen, ganz oben die Seniorenresidenzen und zusätzlich ein Wohnheim mit 111 Wohneinheiten, die jeder, der möchte, mieten kann. "Zu uns kommt jeder, der will", sagt Muzicant und meint damit auch nichtjüdische Menschen. Eine Frau in der Gruppe ergänzt, allerdings leiser als der IKG-Präsident: "Jeder, der es sich leisten kann!" Damit hat sie nicht ganz unrecht. Im Gegensatz zur Pflegestation sind die Seniorenresidenzen nicht von der Stadt Wien gefördert, sie kosten je nach Größe (Einbett-, Zweibett- oder Dreibettzimmer) zwischen 800 und 1800 Euro im Monat. Unermüdlich erläutert Muzicant die Vorteile des neuen Hauses: Schöner, moderner und komfortabler sei alles, jedes Zimmer habe einen Balkon, alle wären nach Südost und nach Westen ausgerichtet. "Haben mich alle verstanden?", fragt er zwischendurch immer wieder.

Die Tour durch die Räume des neuen jüdischen Elternheims wird im Erdgeschoß vom regelmäßigen Anschlagen einer Klaviertaste begleitet. Im Speisesaal, in dem bereits am Tag darauf die ersten Bewohner des neuen MZ ihre Mahlzeiten bekommen werden, sind heftige Umbauarbeiten in Gang. Am späteren Nachmittag werden hier rund um die Eröffnungsfeiern des neuen MZ zahlreiche jüdische Künstler auftreten, auch um an diesem Wochenende das jüdische Lichtfest Chanukka zu feiern. "Sehr weitläufig!", sagt eine alte Dame am Stock, mehr zu sich selbst als zu ihrem Mann, der deutlich rüstiger ist. "Ja, viel mehr Platz als im alten Maimonides-Zentrum", antwortet er. Die alte Dame hat recht. Einen Stock tiefer geht es in die erste der beiden koscheren Großküchen (die für Fleisch), die für milchige Küche liegt noch einmal einen Stock darunter. Auch hier herrscht schon Probebetrieb, ab jetzt wird hier regelmäßig gekocht werden und das koschere Essen vom "Maschgiach", so heißt die religiöse Aufsicht, kontrolliert werden.

Die 148 Maimonides-Bewohner, die vergangene Woche mit einem Samariter-Team von Döbling in die Krieau übersiedelt wurden, sind durchschnittlich 84 Jahre alt. Die bisher 148 Betten des alten Hauses sind im neuen auf 204 aufgestockt worden, um das Pflegeheim "wirtschaftlicher" zu machen, wie es der Direktor formuliert. Das Verhältnis zwischen jüdischen und nichtjüdischen Bewohnern lag bisher bei 73 zu 27 Prozent, "aber dieses Verhältnis wird mit den 56 neuen Betten sicher in Richtung 50 zu 50 kippen", so Missbichler, selbst Steirer und Protestant. Er spricht überhaupt gerne von einem multikulturellen Haus, auch das Personal bestehe hier zu 56 Prozent aus Nichtösterreichern. Ihm gehe es ums "Aufeinander-Zugehen, um Anerkennung und Wertschätzung".

Wer wann an welchem Tag

Die 46-jährige Pflegedienstleiterin Thea Capilleri etwa kommt aus Deutschland. In schwarzen Jeans und violettem Anorak ist sie seit Montag sieben Uhr morgens Mastermind des Umzugs. Ihren mehrseitigen "Probebelegungsplan", auf dem steht, wer wann an welchem Tag wohin gesiedelt wird, hält sie in Händen wie eine ständige Versicherung, dass alles gut gehen wird. Gleich der Montag ist eine hochsensible Angelegenheit. Da werden insgesamt dreimal 17 demente Menschen in fünf Fahrzeugen des Samariterbundes ins neue MZ überstellt. "Oben", also im alten MZ, stehen ein Rettungswagen und ein Lastwagen der Spedition vor dem Eingang, alte Pflegebetten im Eingangsbereich, die Umzugskartons stapeln sich in allen Ecken, und auf den Möbeln, die noch hier sind, kleben Zettel mit dem neuen Bestimmungsort "unten", dem neuen MZ. Im Innenhof werden die ersten alten Menschen in Jacken eingehüllt auf fahrbaren Tragen oder in Rollstühlen in Krankenwägen gebracht. Manchmal sind Angehörige dabei oder auch freiwillige Helfer der Kultusgemeinde. Es hat rund null Grad, immerhin regnet es nicht. Die Angehörigen dürfen nicht mit in den Rettungswagen, auch Thea Capilleri fährt im Pkw des Samariterbund-Einsatzleiters mit. Er heißt Markus Richter und ist bereits seit Februar in die Sache involviert und sagt: "Ein Wahnsinn, wenn man sich vorstellt, dass manche dieser Menschen übersiedelt werden, ohne zu wissen, wohin es geht." Die Fahrt von Döbling zum neuen IKG-Campus dauert im Schnitt knappe 20 Minuten. Organisiert wäre alles so, dass dort vor Ort die Schwestern schon auf ihre Pflegefälle warten. Am ersten Personen-Umzugs-Tag ging alles schneller als gedacht, es gab kaum Zwischenfälle, zum Glück. Dennoch sind der Einsatzleiter und die Krankenschwester ständig am Handy ("Ich bin nicht im neuen Haus, ich bin im Auto!", "Nein, den fährt sein Neffe selbst!", "Bitte noch einmal 20 Mittagessen mit dem Wagen 384 ins neue Haus! Danke!"), auch noch als sie längst in der Demenzstation im ersten Stock angekommen sind, wo bereits elf Frauen und ein Mann vor pinkfarbenen Schnabeltassen hinter Glasscheiben in einem hübschen Aufenthaltsraum sitzen und ins Leere schauen.

Angehörige tragen ausgeräumte Koffer in den Gang oder sitzen auf den neuen Gangsofas und warten auf Umzugskisten, die noch nicht angekommen sind. Am Ende des Gangs steht eine alte Frau mit beiger Bluse und beigem Rock, ständig dreht sie ihre Runden durch den Stock - auf der Suche nach sich selbst. Immer wenn sie eine Schwester sieht, fragt sie wieder: "Wo gibt es das Essen?" Zwei, dreimal kommt sie vorbei. "Keine Sorge, sie hat schon gegessen", sagt Capilleri und fragt die diensthabende Schwester: "Funktionieren die Fernseher?" Sie will, dass man die Geräte in den Zimmern einschaltet, damit die Demenzkranken in der neuen, ungewohnten Umgebung etwas Gewohntes sehen.

"Ich dachte, das muss ich mir anschauen", sagt Eva, eine jüngere Frau im Schlabberpulli, sie wohnt in unmittelbarer Nachbarschaft, "in der bestbewachten Kleingartensiedlung Wiens", wie sie lachend sagt, und hat wegen des Campus-Baus, "drei Jahre lang gelitten". "Schön ist es geworden", sagt sie dann so, als hätte der Baulärm, den sie ertragen hat, dazu etwas beigetragen. "Nur schade, dass sie sich hier so zumachen müssen, aber offenbar ist das notwendig." Sie steht auf dem Balkon im achten Stock und genießt die Aussicht auf Praterstadion und Riesenrad. Genau hier wird Gertrude Laufer ihr neues Appartement haben. Doch da oben wird sie vorerst die Einzige bleiben. Ernst Eisenmayer kommt nicht mit. Im September hatte er via E-Mail mitgeteilt: "Meine Kritik über das Ghetto im Prater haben Sie gelesen. Sie werden Folgendes verstehen. Ich habe mich entschlossen, da nicht mitzumachen ... Auf Vorschlag meiner Familie werde ich zu meiner jüngeren Tochter in einen Kibbuz, ganz säkular, in Israel ziehen."

Wer in den IKG-Campus will, muss durch eine Sicherheitsschleuse. Jetzt im Winter wirkt der neue Campus von außen - ganz im Gegensatz zu seinem Innenleben - unwirtlich und abweisend. Die trostlosen Industriebauten und Baulücken in unmittelbarer Nähe helfen nicht, den Flecken Stadt hier schöner zu machen. Immerhin handelt es sich um historischen Boden: Der Campus wurde auf Teilen des bis 1938 bestehenden Hakoah-Sportplatzes errichtet. Der Bau an der Ecke Simon-Wiesenthalgasse/Wehlistraße ist über den Wiener Handelskai erreichbar, unmittelbar davor fließt die Donau grau, daneben liegen Tangente und U-Bahn-Brücke. Erst im Oktober 2010 wird hier die U2-Station in 50 Metern Entfernung vom Campus eröffnet, und die Leute bekommen immerhin eine U-Bahn-Anbindung in die Stadt. Nach drei Jahren Bauzeit und Gesamtkosten von 93,5 Millionen Euro war das Maimonides-Zentrum die letzte Etappe der Campus-Fertigstellung. Das jüdische Sport- und Freizeitzentrum Hakoah wurde bereits im Februar 2008, die Zwi-Perez-Chajes-Schule schon vergangenen September eröffnet. Mit dem "Campus für alle Generationen", wie es in der Pressemappe zu lesen ist, ist jetzt das größte jüdische Zentrum in Europa fertiggestellt worden.

Drinnen, im modernen Gebäude mit viel Glas, ist es heller, und der Blick fällt immer wieder in den Innenhof, den das dreiseitige und achtstöckige Hochhaus bildet. Im kommenden Frühjahr soll er fertig begrünt sein und seine Bewohner darin spazieren können. Das müssen sie auch, denn die unmittelbare Umgebung des neuen MZ ist das, was man im besten Fall "urban" nennen kann. Für die Aktiveren unter den Maimonides-Bewohnern könnte das tatsächlich die größte Hürde im Bezug auf ihr neues Leben darstellen. Denn während Frau Laufer stolz in ihrem Appartement ihre schönen Dinge herzeigt, die sie ins neue Haus umsiedeln wird, wie etwa die Glasvitrine mit den Kristallvasen und dem siebenarmigen Leuchter, den Fernsehsessel, die Kästen und ihre Pelze, erzählt sie auch, wie oft sie auf der naheliegenden Döblinger Straße unterwegs ist: zum Billa, zum Bipa und zur Bank. Wenn sie eine Stunde und mehr unterwegs ist, "bin ich geschafft", dann muss sie sich ausruhen. "Was kann ich machen?", fragt sie und gibt sich selbst gleich auch die Antwort, die sie stets von ihrem Arzt zu hören bekommt: "Schauen Sie auf Ihren Geburtsschein!"

Ernst Eisenmayer hat alles zusammengepackt und ist mit seinen 89 Jahren am 22. Oktober nach Israel geflogen. Einen E-Mail-Anschluss hat er sich dort sofort installieren lassen, und im November schreibt er aus dem Kibbuz: "Ich bin weiter sehr froh, den MZ-Plänen in Wien entkommen zu sein, und es geht mir sehr gut in meiner neuen Umgebung." Gertrude Laufers Hausstand wurde am Donnerstag übersiedelt, ganz zum Schluss, sie war die letzte der Maimonides-Bewohner. Mittaggegessen hat sie noch "oben" im alten MZ, ein Taxi, wie ursprünglich geplant, hat sie sich nicht nehmen müssen, Thea Capilleri und der Samariterbund-Einsatzleiter haben sie höchstpersönlich gefahren. Jetzt heißt es erst einmal auspacken. Von Donnerstag auf Freitag hat sie erstmals in ihrer neuen Wohnung geschlafen. Hoffentlich hat sie was Schönes geträumt. (Mia Eidlhuber, DER STANDARD Printausgabe, 19./20.12.2009)

Mia Eidlhuber, geb. 1971, studierte Publizistik und Politikwissenschaften an der Uni Wien. Sie war zunächst bei Profil und Die Zeit, ab 2004 beim Standard. Seit Anfang 2009 ist sie Redakteurin im ALBUM.

  • Die Suche nach sich selbst im schöneren Ambiente als bisher: Die ersten
Demenzkranken sind im neuen Maimonides-Zentrum angekommen.
    foto: mia eidlhuber/der standard

    Die Suche nach sich selbst im schöneren Ambiente als bisher: Die ersten Demenzkranken sind im neuen Maimonides-Zentrum angekommen.

  • Das neue MZ in der Wiener Krieau soll sich füllen wie ein Gefäß: von
unten nach oben, vom ersten bis in den letzten Stock. Dort hinauf
sollen Laufer und Eisenmayer kommen.Das neue Maimonides-Zentrum wurde vom Architekten Thomas Feiger erbaut, Kosten: 57,2 Millionen.
    foto: ikg

    Das neue MZ in der Wiener Krieau soll sich füllen wie ein Gefäß: von unten nach oben, vom ersten bis in den letzten Stock. Dort hinauf sollen Laufer und Eisenmayer kommen.
    Das neue Maimonides-Zentrum wurde vom Architekten Thomas Feiger erbaut, Kosten: 57,2 Millionen.

  • Das alte Maimonides-Zentrum kurz vor der Schließung am 21. Dezember.
    foto: mia eidlhuber/der standard

    Das alte Maimonides-Zentrum kurz vor der Schließung am 21. Dezember.

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