Damals, als wir Krise hatten

18. Dezember 2009, 18:18
13 Postings

Im Bankensektor wurden zwar kleinere Adaptionen eingeleitet, der große Regulierungseifer ist aber verflogen - Von Günther Oswald

Der Mensch neigt dazu, schlechte Erfahrungen zu verdrängen. Wer schon mal furchtbar gekränkt wurde oder starken physischen Schmerz verspürt hat, kennt das. Jahre später erscheint alles nicht so schlimm. Leider kann man dieses Phänomen auch im Umgang mit der Wirtschaftskrise beobachten. Im Bankensektor wurden zwar kleinere Adaptionen eingeleitet, der große Regulierungseifer ist aber bereits verflogen. Schließlich ist es mit den Börsenkursen der Banken seit dem Frühjahr steil bergauf gegangen. So schlecht kann also das derzeitige System nicht sein.

Ein ähnliches Erschlaffen droht bei innerstaatlichen Reformen. Es geht wieder aufwärts mit der Wirtschaft. Nächstes Jahr werden wir rund 1,5 Prozent Wachstum haben, übernächstes sogar noch mehr, sagen die Experten. Auch die Inflationsgefahr scheint man im Griff zu haben. Gut: Die Arbeitslosigkeit kann auf bis zu acht Prozent und damit einen Rekordwert seit 1953 steigen. Im Umkehrschluss bedeutet das aber noch immer, dass 92 Prozent einen Job haben.

Wir wollen an dieser Stelle nicht übertreiben. Noch gibt es in Österreich nicht die Stimmung: alles paletti. Zu befürchten ist aber, dass sich diese Mentalität bald breitmacht. Nächstes Jahr finden drei Landtagswahlen und die Wirtschaftskammerwahl statt. Für unpopuläre Maßnahmen sind das nicht gerade die idealen Voraussetzungen. Das Zeitfenster für Reformen schließt sich schneller, als man denkt. Bis es irgendwann heißt: Ja, stimmt. Wir hatten eine Wirtschaftskrise. Aber so schlimm war das damals nicht. (Günther Oswald, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20.12.2009)

Share if you care.