Afghanistan – ist – Kandahar – Sir!

18. Dezember 2009, 18:20
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Auf einer kleinen Insel vor South Carolina werden die Marines ausgebildet, die Speerspitze der US-Militärmacht - Reportage

Über dem hochstilisierten Ritual liegen die Schatten Afghanistans und des Irak.

Nur noch eine Querstange weiter hangeln, ein letzter Klimmzug, dann ist es geschafft. Aber dem Rekruten fehlt einfach die Kraft, sein Kinn noch über die Stange zu ziehen. Verzweifelt spannt er die Muskeln an, die Anstrengung verzerrt sein Gesicht, er stöhnt und keucht und versucht es mit einem gellenden Indianerschrei, alles vergebens. "Los, runter mit dir!" , brüllt sein Drill-Sergeant. Und weil der Rekrut vergisst, nach dem Sprung wie vorgeschrieben in den Dreck zu greifen, zieht er sich ein zweites Mal den Zorn seines Ausbilders zu. "Nieder mit dir!" "Aye, Sir!" "Und mach das Maul auf!" "Aye, Sir! Marine Corps, Sir!"

Es ist früh um halb acht, in einem Kiefernwald steigt in dünnen Schwaden der Nebel auf. Auf einer Hindernisbahn quälen sich an die hundert Teenager, die Köpfe kahlgeschoren, die Hemden nassgeschwitzt. Sie klettern an Seilen über haushohe Holzwände, stemmen sich vorwärts an Barren mit schräg gestellten Holmen, winden sich wie Schlangen durch Reihen querliegender Baumstämme. Sie üben Nahkampf und Liegestütze, werden von ihren Vorgesetzten niedergestarrt und niedergebrüllt und schreien sich selbst heiser. Ledernacken-Platz heißt die Lichtung, Vertrauensbildung der Kurs.

An die Schmerzgrenze gehen, das ist es, was die Achtzehnjährigen lernen sollen. Sie sollen ihr Ego vergessen, funktionieren und reagieren wie Roboter, Kommandos erwidern wie im Schlaf – weshalb der physische Stress ergänzt wird um psychischen Druck. Oft treten die Drillmeister so dicht an ihre menschliche Knetmasse heran, dass die Jungs ihren heißen Atem spüren. "Irak!" , brüllt ein Muskelpaket, dessen Arme bis zu den Handgelenken mit Tattoos bedeckt sind. "Irak – ist – Falluja – Sir!" "Afghanistan!" "Afghanistan – ist – Kandahar – Sir!" Der Tätowierte nennt es einen Wissenstest.

Die Quälerei auf dem Ledernacken-Platz ist keine Entgleisung, sie hat Methode, erprobt seit 1891, seit das Militär Beschlag nahm von Parris Island, einer feuchten, knapp 33 Quadratkilometer großen Insel vor South Carolina.

"Wer Marinesoldat werden will, wird gebrochen und neu zusammengesetzt" , sagt Feldwebel Jesabel Hamler, eine der Frauen unter den Schleifern. "Ja, gebrochen. Man muss sie brechen, sonst kann man keine Marines aus ihnen machen." Das Prinzip "Vergiss dein bisheriges Leben" , die Neuen erleben es, wenn sie sich am Anfang vor einer chromblitzenden Eingangstür aufstellen, über der steht, dass jeder nur einmal durch dieses Portal geht, nie zweimal.

Was folgt, sind zwölf Wochen Grundausbildung. Zwölf Wochen gnadenloser Schinderei. Zwölf Wochen lang Aufstehen um vier, bis 20 Uhr Robben und Schießen und Schwimmen in voller Montur, Trainieren für den "Crucible" , einen knochenharten 54-Stunden-Marsch. Nur kurz wird die Tortur unterbrochen von Lehrstunden über glorreiche Schlachten – 1898 in der Bucht von Guantánamo gegen die Spanier, 1945 auf Iwo Jima gegen die Japaner.

Wo die Vereinigten Staaten in den Krieg ziehen, sind die Marines die Ersten, die kämpfen, die Schneisen schlagen. "The few, the proud" – eine Elitetruppe der Wenigen, der Stolzen. "Semper fidelis" ("Immer treu" ) lautet ihr Motto. Einmal Marine, immer Marine, wird ihnen eingeschärft. Einerseits lässt der Spruch an eine Sekte denken, aus der es kein Ausscheren gibt. Andererseits ist es eine Sekte, die zugleich Schmelztiegel sein will: Rasse oder Religion sind kein Thema, alles dreht sich um Härte, Disziplin, Korpsgeist.

Die stolze Familie

Graduation Day, großer Bahnhof. Militärmusik, Dixie-Klänge, Flaggenhissen, ein Massengebet. Auf dem Appellplatz marschieren 534 Drillgeprüfte auf, 407 Burschen und 127 Mädchen; ein Zehntel ihrer Gefährten ist vorher ausgeschieden. Auf der Tribüne jubeln Väter und Mütter, Omas und Opas, Onkel und Tanten, die auf die Frage nach ihren Gefühlen im ersten Moment alle das Gleiche sagen: dass sie stolz sind.

Eric Fisher spielt leidenschaftlich gern Flöte, irgendwann will er Musik studieren und in einem berühmten Orchester sitzen, am liebsten bei den New Yorker Philharmonikern. Die Marine-Corps-Kapelle, überlegt er laut, könnte ein Sprungbrett sein. Die Frage, die wohl alle nervös macht, wenn sie unter sich sind, beantwortet er mit einem knappen Satz. "Für Afghanistan bin ich bereit, Sir."

Bei den Demarcos merkt man, was sich an wahren Gefühlen verbirgt hinter der Mauer aus echtem Patriotismus und gekünsteltem Pathos, hochgezogen von den Generälen, um nagende Zweifel zu entkräften. Während Bobby junior seinem Vater die stolzen Leidensgenossen seiner Kompanie vorstellt, bilden die Frauen einen Kreis um den Reporter.

Tante Michelle beginnt zu erzählen, welche Angst sie hat, wie ihr die Angst in den Gliedern steckt, seit ihre Tochter Nicole im Irak stationiert war, auf dem Bagdader Flughafen. Tränen schießen ihr in die Augen. "Du hast keine ruhige Minute mehr, es nimmt dein ganzes Leben in Beschlag" , sagt sie und erzählt von sporadischen Telefonaten, die immer zu kurz waren. Schon kurz nach dem Einmarsch, noch 2003, habe ihr die Tochter reinen Wein eingeschenkt. "Mom, glaub nicht, was sie in den Nachrichten bringen. Es ist alles viel schlimmer." (Frank Herrmann aus Parris Island/DER STANDARD, Printausgabe, 19.12.2009)

  • "Gebrochen und neu zusammengesetzt": achtzehnjährige Amerikaner bei der Marines-Grundausbildung.
    foto: standard/herrmann

    "Gebrochen und neu zusammengesetzt": achtzehnjährige Amerikaner bei der Marines-Grundausbildung.

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