Drastisch und herb

18. Dezember 2009, 17:28
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Die Philharmoniker mit Harnoncourt

Wien - Dass sich Nikolaus Harnoncourt von den Wiener Philharmonikern Franz Schmidts Buch mit sieben Siegeln zum Achtziger gewünscht hat, konnte erstaunen. Zumal es schon eine Referenzaufführung in dieser Konstellation gibt und sich der Dirigent so gut wie nie wiederholt. Ein Vergleich der jüngsten Soirée im Musikverein mit der Live-CD von 2000 machte aber deutlich: Der damalige Ansatz ließ sich noch zuspitzen.

Jetzt war der Klang viel klarer, gleichsam gebündelt. Und nochmals herber und drastischer wirkten sowohl die katastrophischen Szenen als auch die Lobgesänge, bei denen Harnoncourt den gleichen Zugriff zeigte, den er sonst auch bei Bachs Passionen walten lässt. Sämtliche Beteiligte ließen ihm dabei kaum einen Wunsch offen: weder das exquisite Solistenquartett (Dorothea Röschmann, Elisabeth Kulman, Werner Güra, Florian Boesch) noch Robert Holl mit seiner mächtigen Stimme des Herrn - und schon gar nicht Michael Schade mit dem gewaltigen Part des Propheten Johannes, den er mit Innigkeit und Glanz gestaltete.

Dem fulminanten Orchester mit behendem, hochvirtuosem Orgelsolo (Robert Kovács) sekundierte der gut aufgestellte Singverein mit nur stellenweise begrenzter Prachtentfaltung. Doch den Schlusschor ließ Harnoncourt ohnehin nicht eindimensional glänzen: Die Gongs, die noch über den letzten Akkord hinaus wuchtig vibrierten, klangen wie eine offene Frage. (Daniel Ender, DER STANDARD/Printausgabe, 19./20.12.2009)

Ö1-Sendung: 8. 1., 19.30

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