Der Jetlag der römischen Imperatoren

18. Dezember 2009, 17:16
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"Antonius und Cleopatra" (Premiere am Sonntag) ist das Shakespeare-Stück über den Orient: Regisseur Stefan Pucher im Interview

Standard: "Antonius und Cleopatra" gilt als ein halsbrecherisches Stück ...

Pucher: Seit ich klein bin, bin ich ein Fan der Geschichte von Antonius und Cleopatra. Ich habe alle Fassungen in mich aufgesogen, einschließlich der großen Monumentalfilme. Umso erstaunlicher bleibt, wie wenig man bei der Lektüre erst einmal versteht. Obwohl alles, was Shakespeare hier schildert, auch im Sandalenfilm mit Elisabeth Taylor und Richard Burton vorkommt. Der Stoff ist zutiefst kompliziert, weil die Motivationen der Figuren ständig kippen. Das Stück wechselt andauernd zwischen Komik und Tragik. Es heißt ja immer, es handle sich dabei um die "größte Liebesgeschichte aller Zeiten" .

Standard: Ein zweifelhafter Superlativ?

Pucher: Eine "große Liebestragödie" , wie ich unlängst in einer Boulevardzeitung gelesen habe. Nur gibt es in dem ganzen Stück keine einzige Liebesszene. Geliebt wird nur, wenn das Gegenüber vermisst wird. Wenn Antonius weg ist, fängt Cleopatra an zu sterben.

Standard: Dafür wechseln die Schauplätze ständig.

Pucher: Das Stück springt wie ein James-Bond-Film. Es spielt in Ägypten, wechselt nach Rom, spielt hierauf in Griechenland. Flieger und Handy gab es damals nicht, nur Boten. Shakespeare springt in der ganzen Welt hin und her.

Standard: Um welche Welten handelt es sich aber? Hier haben wir das Imperium, dort die ägyptische Peripherie. Ägypten ist das Verlockende, das Exotische, die "ganz andere" , von Begierden aufgeladene Welt.

Pucher: Je weiter etwas von Rom entfernt liegt, desto schwieriger ist es von der Zentralmacht zu kontrollieren. Aber es ist ein und dasselbe Imperium, das zwei Welten enthält: eine männliche und eine weibliche Kultur.

Standard: Erinnert das nicht an die alten Kolonialismus-Debatten, so zum Beispiel an den "Orientalismus" -Begriff eines Edward Said? Der Orient ist die dunkel lockende Welt, die die Europäer magisch und erotisch anzieht, ohne von ihnen doch für voll genommen zu werden ...

Pucher: Shakespeare verknüpft das doch eindeutig: Die Römer- ist eine Männerwelt aus Holz, aus Stahl. Das wäre heute eine Welt der Manager, mit ihren geordneten, streng reglementierten Beziehungen. Ich kann doch heute nicht auf ein Meeting kommen und sagen: "Okay, ich bin leider schlecht drauf!" Die Römer wollen immer bloß wissen: Wie ist diese Cleopatra (Catrin Striebeck) - wie ist die so drauf? Erzähl doch mal, Mark Anton! Cleopatra fungiert in diesen Kreisen als Hure. Leute wie der spätere Kaiser Augustus aber denken kalt und technokratisch. Sie behandeln Menschen wie Stücke aus einer Verschubmasse - so zum Beispiel, wenn er seine Schwester Oktavia um des Friedens willen mit Antonius verheiratet.

Standard: Hier wirkt die instrumentelle Vernunft?

Pucher: Antonius (Wolfram Koch) möchte den Genuss ausdehnen. Er will den Moment auskosten, vor allem aber möchte er danach keinen Kater haben. Mark Anton ist ein Lebemann, liebt Frauen und Alkohol. Wenn er einen Boten des Oktavian auspeitschen lässt, redet er sich darauf aus: "Es war früher Morgen, und ich war schlecht drauf." Er lebt also die Kultur der Verschwendung aus. Beide Kulturen werden kritisiert. Und Cleopatras Kultur ist ganz klar eine der politischen Verantwortungslosigkeit. Die Römer sind gewitzter, sie reden in Subtexten: Sie schreien einander nicht an. Diese ursprünglich dreigeteilte Welt der Römer, die von Oktavian, Antonius und Lepidus beherrscht wird, soll von Anfang an geeint werden. Und Antonius, der diesem Ziel im Wege steht, wird dabei zermalmt.

Zwei Punkte sind nun entscheidend: Antonius leidet am "Multitasking". Seine tote Frau hat den Krieg gegen Oktavian angefangen, dann heiratet er neu; er hat eine Geliebte in Ägypten, und er soll einen Bürgerkrieg führen. Er kriegt das alles nicht auf die Reihe. Oktavian Cäsar ist immer in Rom - an einem Ort also, außer er führt Krieg in Ägypten. Antonius hingegen reist durch die ganze damalige Welt: "Noch bin ich Antonius, doch kann die sichtbare Gestalt nicht halten ..." Er muss in den Jet nach Hongkong. Das kann nicht gutgehen.

Das zweite Drama ist das des Älterwerdens. Immer wieder verweist Antonius darauf, dass er nicht mehr der Jüngste sei. Es geht ihm dabei wie einem Künstler heute, der sich ständig fragen muss: Bin ich noch gefragt? Bin ich auf dem neuesten Stand? Ist er natürlich nicht mehr. Er merkt gar nicht, dass er wie jemand spricht, der mit sich selber abgeschlossen hat. Er spricht von sich selbst meist in der Vergangenheitsform.

Standard: Was meint das nun für die äußere Form der Inszenierung?

Pucher: Mein Oktavian (Alexander Scheer) ist durchaus alert: wendig, biegsam, das Mastermind. Er macht aber Musik - und spielt einen Song, der die ganze Schlacht abbildet. Der Song bläst alle weg.

Standard: Wie wollen Sie das Drama vermitteln? Als Songzyklus? Oder als CNN-Bericht?

Pucher: Viel konservativer. Shakespeare hat das Stück zu einem Zeitpunkt geschrieben, als seit den realen historischen Begebenheiten 1500 Jahre vergangen waren. Die Geschichte von Antonius und Cleopatra war längst zu einem Mythos geworden. Und er war sich bewusst, dass das auch so bleiben würde. Nun passiert Folgendes: Alle drei - Antonius, Cleopatra und Caesar - kämpfen um ihren Platz in der Geschichte, darum, wie später über sie geredet werden soll. Deshalb besteht Cleopatra als Verliererin auch darauf, Selbstmord zu begehen. Für Römer war dies ein Akt höchster Würde, ganz im Gegensatz zur christlichen Tradition. Sie wollte nicht im Triumph durch Rom gezerrt werden.

Standard: Politik für die Nachwelt: Was bei Seneca recht war, muss auch für Cleopatra stimmig sein?

Pucher: Darum beschäftigt sich meine Inszenierung auch mit den Folgen der Nachwirkung. Und die reichen herauf bis zu den Sandalenfilmen.

(Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 19./20.12.2009)

Zur Person:
Der aus Gießen gebürtige Stefan Pucher (44) hat sich nicht erst mit "Struwwelpeter" den Ruf eines medienbewussten, risikobereiten Theaterregisseurs erarbeitet. Seine Stationen waren Hamburg, München und Zürich - Wien "liebt" er, weil er hier Vorfahren hat.

  • Die Weihnachtspremiere des Wiener Burgtheaters führt am Sonntag (19
Uhr) hinab ins finstere Herz der Lebenslust: Regisseur Stefan Pucher
skizziert die Umrisse eines Imperiums.
    foto: soulek

    Die Weihnachtspremiere des Wiener Burgtheaters führt am Sonntag (19 Uhr) hinab ins finstere Herz der Lebenslust: Regisseur Stefan Pucher skizziert die Umrisse eines Imperiums.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    So sieht ein Triumvirat aus, das Rom regiert: v. li. Wolfram Koch (Antonius), Marcus Kiepe (Lepidus), Alexander Scheer (Oktavian).

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