"Tropa de Elite": Überlebenskampf in einem nicht erklärten Krieg

18. Dezember 2009, 17:14
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José Padilhas "Tropa de Elite" erzählt von der Frontstellung zwischen Drogengangstern und Elitepolizisten in Rio

Bei der Berlinale 2008 wurde der nicht unumstrittene Actionthriller mit dem Hauptpreis ausgezeichnet.

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Wien - Militärische und polizeiliche Großunternehmungen tragen gerne irreführend menschenfreundliche Namen. "Operation Heiligkeit" etwa heißt ein Einsatzplan, den es 1997 in Rio de Janeiro auszuführen gilt:Der Papst hat seinen Besuch angekündigt. Die Exekutive, allen voran die Spezialeinheit Bope, hat den Auftrag, unliebsame Zwischenfälle in den Elendsvierteln möglichst schon im Vorfeld zu unterbinden. Capitao Nascimento (Wagner Moura) ist einer der damit Betrauten. Seine Ehefrau erwartet gerade das erste gemeinsame Kind, und Nascimento selbst leidet zunehmend unter akuten körperlichen Stresssymptomen, die es zu verbergen gilt.

Wenn er seinen Dienst quittieren will, muss er einen verlässlichen Nachfolger finden: einen, der sich nicht schmieren lässt, der sich nicht selbstherrlich zum Richter und Exekutor aufschwingt und der die Nerven behält im täglichen, aussichtslosen Kampf gegen die Drogenkriminalität in den Elendsvierteln - einem Kampf, der mehr einem Guerrillakrieg ähnelt als einer polizeilichen Ermittlung.

Bereits vor seiner Teilnahme an der Berlinale 2008 war Tropa de Elite in Brasilien ein Millionenerfolg (als DVD-Raubkopie und im Kino). In Berlin konnte der damals 40-jährige José Padilha, eigentlich Dokumentarfilmemacher, für sein Spielfilmdebüt dann gleich den Hauptpreis entgegennehmen. Mittlerweile arbeitet er an der Fortsetzung. Dazwischen hat er einen weiteren Dokumentarfilm gemacht, Garapa - eine eindringliche Reflexion bitterster, tödlicher Armut im brasilianischen Norden.

Tropa de Elite hingegen überträgt eine nicht minder komplexe Situation in ein seltsames Hybrid aus Actionkino und Sozialkritik. Einerseits gelingt es Padilha zu vermitteln, dass eine einfache Unterscheidung in Gut und Böse nicht funktioniert: Zu unauflösbar sind die gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Verstrickungen, in denen viele keine andere Perspektive sehen, als ins Drogengeschäft einzusteigen. Dieselben Verstrickungen machen auch schlecht bezahlte Mitglieder der Exekutive für Korruption anfällig. Wahrscheinlich ist Tropa de Elite auch der einzige Blockbuster, der eine Szene in einem Foucault-Seminar enthält.

Fasziniert von Gewalt

Allerdings zeigt sich der Film auch reichlich fasziniert von der effektvollen Inszenierung der Gewalt:Die Kamera ist hyperaktiv, dröhnende Beats begleiten die rasant montierten Einsätze. Die Oberfläche des Films und der Machismo seiner Helden lassen dann kaum einen Unterschied mehr zu einem handelsüblichen filmischen Law-and-Order-Vehikel erkennen.

Der Journalist Raphael Gomide hat sich vor einiger Zeit bei der Policía Militar von Rio ausbilden lassen und einen Monat Dienst geleistet. Seine Erfahrungen hat er in einer Zeitungsreportage verarbeitet. Sein ernüchterndes Resümee unterscheidet sich gar nicht so sehr von dem des Films. Vielleicht hätte Padilha einfach auch einen dokumentarischen Zugang wählen sollen. (Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe, 19./20.12.2009)

  • Gewinner des Goldenen Bären 2008: Drogengangster und Spezialpolizisten
liefern einander in José Padilhas "Tropa de Elite" einen erbitterten
Kampf.
    foto: senator

    Gewinner des Goldenen Bären 2008: Drogengangster und Spezialpolizisten liefern einander in José Padilhas "Tropa de Elite" einen erbitterten Kampf.

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