FH-Leiter zeigen Verständnis für Studentenproteste

20. Dezember 2009, 14:41
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Über die Mittel ließe sich streiten, die Kernanliegen der Studentenrevolte stoßen jedoch auf Unterstützung bei den FH-Rektoren und Geschäftsführern

"Ich empfinde die Studierendenproteste als positiv" , sagt Heinz Schmidt, Rektor der FH Campus Wien. Die Aufstockung der Hochschulfinanzierung, die Abschaffung informeller Selektionsinstrumente und eine verbesserte Anrechenbarkeit von Studienleistungen sind Forderungen, die er unterstützt. Der beklagte "Widerspruch zwischen Bildung und Ausbildung" sei für ihn jedoch keiner: "Ich halte sowohl Persönlichkeitsentwicklung als auch Arbeitsmarktfähigkeit für wichtige und sogar zusammenhängende Ziele" .

Für die Rektorin der Lauder Business School, Silvia Kucera hat "die Diskussion der Kritikpunkte und daraus resultierenden Forderungen ziemlich schnell von einer sachlichen auf eine emotionale Ebene gewechselt, wobei in zunehmendem Maße Befindlichkeiten die Argumentation beeinflusst" und "Fakten weniger Berücksichtigung" gefunden hätten. Sie vermisse klare Prioritäten. Hörsaalbesetzungen gehörten nicht zu den besten "Möglichkeiten der Kommunikation und Konfliktlösung" .

Geschäftsführer Andreas Altmann vom Management Center Innsbruck kritisiert die Lösungsansätze: "Wenn man überlaufene Hörsäle

beklagt, kann man nicht gegen Zugangsregelungen sein, und wenn man zusätzliche Ressourcen fordert, kann man nicht gegen Studienbeiträge sein, die sozial Schwachen ohnehin ersetzt werden".

Die Anliegen der Studenten seien "meist sehr heterogen und lassen einen über längere Zeit aufgestauten Unmut über die Studienbedingungen erkennen" , so Brigadier Karl Pichlkastner, der den FH-Studiengang "Militärische Führung" an der Theresianischen Militärakademie leitet. Ob zu Recht oder Unrecht "ist nicht die Frage" ; auch über die "gewählten Maßnahmen" könne man geteilter Meinung sein; letzten Endes gehe es rein "um die Auseinandersetzung mit den am meisten davon Betroffenen - unserer jungen Generation" .

"Ohne Schuldzuweisung habe ich bisweilen den Eindruck, dass dem Topmanagement der verantwortlichen Institutionen der Blick für längerfristige Ziele und Strategien abhanden gekommen ist" , so Pichlkastner. Durch die überbordende Bürokratie sei man "nur am Erhalten und Verteidigen des Status quo interessiert" und für die "Sorgen und Anliegen der Betroffenen" nicht erreichbar.

Die Proteste dürften nicht zu einem finanziellen Schaden für die Universitäten führen, die Hörsaalbesetzungen sollten beendet werden, meint Karl Peter Pfeiffer, Rektor der FH Joanneum. Die grundsätzlichen Forderungen der Studierenden unterstütze er allerdings in mehreren Punkten.

Vizerektorin Karin Mariritsch von der FH Salzburg unterstreicht den "wohl positivsten Effekt" der Proteste: "Bildungsfragen sind verstärkt in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gerückt. Dass die Jungen sich engagieren, nehme ich mit Hochachtung zu Kenntnis."

Die anfänglich weitreichende Protestbewegung "wartet nun auf die Erfüllung er getätigten Zusagen seitens des Ministeriums" . Die in den Hörsälen verbliebene "kleine Gruppe" vertritt laut Michael Heritsch, Geschäftsführer der FH Wien, "zunehmend diffuse ideologische Ziele" und habe sich "von den dringlichen Problemen abgewendet" . Es sei das größte Manko der Bewegung, "dass zu wenig auf sachlicher Ebene diskutiert wird" .

"Freie Bildung und Gratisstudium für alle sind zwar gesellschaftspolitisch wünschenswert, haben aber in Verbindung mit der langfristigen Unterdotierung des tertiären Bildungssektors den derzeitigen Zustand an manchen Universitäten zweifellos mitverursacht" , analysiert der Rektor der FH St. Pölten, Wolfgang Vyslozil.

Die Geschäftsführerin der Ferdinand-Porsche-Fern-FH, Eva Braunstein fordert, dass die Anliegen der Studierenden ernst genommen werden. Jedoch seien "Beschmierungen und Besetzungen keine geeigneten Mittel zur Durchsetzung berechtigter Ansprüche" .

Der Rektor der FH Kärnten, Dietmar Brodel, fand "beeindruckend, wie schnell die Studierenden in der Lage waren, ihren Protest zu strukturieren und zu kanalisieren" . Dass sie mit einigen Forderungen "übers Ziel hinaus geschossen sind, war vielleicht sogar unvermeidlich" .

Hans Moser, Rektor der FH Kufstein, sieht eine "höchst verdienstvolle Rebellion gegen die Unterdotierung der Universitäten und gegen eine Hochschulpolitik, die sich in wichtigen Punkten um klare Entscheidungen herumgedrückt hat" . Ohne Zugangsregelungen in manchen Fächern werde es jedoch nicht gehen. Diese seien "gerecht" .

Geschäftsführer Werner Jungwirth von der FH Wr. Neustadt empfindet "manche Protestpunkte aus Studierendensicht nachvollziehbar, allerdings sollten angehende Akademiker einen gewissen Rahmen in den Aktionen nicht überschreiten und ihre Ziele deutlicher artikulieren" . Manchmal habe er den Eindruck, "dass unsere Gesellschaft nach den Vorstellungen einiger grundsätzlich verändert werden soll" . Was ideologisch verständlich, aber "nicht mehrheitsfähig" sei.

Die Kritik des Studierendenprotests am Bologna-Prozess, dieser hätte zu einem verschulten Studium geführt, dessen Inhalte sich immer mehr vom wissenschaftlichen Anspruch löse, um praxisorientierter im Sinne einer raschen und kompromisslosen Verwertbarkeit der Absolventen am Arbeitsmarkt zu werden, teilen die Fachhochschul-Vertreter nur zum Teil.

Die Bologna-Reform berge schon auch noch Schwachstellen, sagt Eva Werner, Rektorin der FH Krems. Nicht alle Überführungen der Curricula in die Bachelor- und Masterstruktur seien geglückt. Verbesserungsbedarf gebe es "vor allem dort, wo zu viel vom ‚alten‘ Diplom in den Bachelor gepackt wurde und auf die Eigenständigkeit und Zielgerichtetheit dieses ersten akademischen Grades nicht Bedacht genommen wurde" . Den Titel bzw. den Prozess generell schlechtzureden, sei aber "sicher nicht angebracht" .

Die neue europäische Hochschularchitektur "bringt eine bessere Vergleichbarkeit und Anerkennung von Bildungsabschlüssen innerhalb Europas" , streicht Ingrid Schwab-Matkovits, Geschäftsführerin der FH Burgenland, hervor. Bologna erleichtere das "lebensbegleitende Studieren" , da viele Studierende nach dem Vollzeit-Bakk und mit einiger Berufserfahrung für ein berufsbegleitendes Masterstudium an die FH zurück kehren würden.

"Im Bereich der Studierendenmobilität war die Erwartungshaltung sehr hoch" , erinnert sich Gerald Reisinger, Geschäftsführer der FH Oberösterreich. Jedoch sei "der Individualisierungsgrad an Universitäten und Fachhochschulen derart hoch, dass der Austausch immer schwieriger wird" . Besonders in den technischen Studiengängen werde man über dieses Thema nachdenken müssen, "denn eine Studiendauer von sechs Semestern" sei zu kurz, um sie auch noch mit ausreichend Praxiserfahrung und Auslandssemestern zu füllen. "Von einzelnen Studienrichtungen abgesehen empfehle ich beim derzeitigen Akzeptanzstand des Bachelor-Studiums, gleich im Anschluss ein Masterstudium zu absolvieren."

Helmut Holzinger, Geschäftsführer der FH bfi Wien, sieht eine Reihe von Verbesserungen im Vergleich zur Situation vor der Bologna-Umstellung. "Die Einführung eines europaweit einheitlichen Leistungspunktesystems" - die ECTS-Punkte - stelle sicher, "dass im Ausland erworbene Studienleistungen an der ‚Heimhochschule‘ voll angerechnet werden." Damit entstehe durch ein Auslandssemester keine Verlängerung der Studienzeit.

Die Studienpläne würden nun berücksichtigen, welche Kompetenzen ein Studierender "nach positiver Absolvierung einer Lehrveranstaltung beherrschen muss" . Es stehe nicht mehr "die Perspektive des Lehrenden im Mittelpunkt" - ein "Paradigmenwechsel" . Den Bachelorabsolventen empfehle er nicht ausdrücklich, direkt ein Masterstudium anzuhängen. Jedoch "haben dazu alle die Möglichkeit" .

Manche Bachelorstudien seien im Zuge der Umstellung "völlig überfrachtet" worden, gibt Franz Schrank, Rektor der FH Campus02 in Graz, zu bedenken, "beziehungsweise wurden sie nicht konsequent auf ein klares Kompetenzprofil ausgerichtet" . Manche alten Diplomstudium seien "gedanklich einfach mit einem Zwischenabschluss versehen" worden.

Die FH Technikum Wien habe die Vorteile von Bologna "sehr schnell erkannt" und bereits 2003/04 auf das neue System umgestellt, sagt Rektor Fritz Schmöllebeck. Er empfiehlt, das Masterstudium nicht in Vollzeit, sondern berufsbegleitend zu absolvieren. (Bernhard Madlener/DER STANDARD-Printausgabe, 19. Dezember 2009)

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