"Die Bologna-Umsetzung ist katastrophal"

18. Dezember 2009, 16:00
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Mehr FH-Studienplätze und eine bessere Aufklärung der Maturanten wünscht sich Thomas Wallerberger, FH-Vertreter in der ÖH

STANDARD: Die ÖH legte einen Entwurf zum FH-Studiengesetz vor. Zentral ist der Fall der Studienbeiträge. Diverse FHs verzichten schon darauf. Haben Sie die Unterstützung der Landesregierungen, um Druck auf den Bund auszuüben?

Wallerberger: Eine generelle Lösung ist nur bundesweit zu finden. Die FHs bzw. die Länder, in denen die Gebühren gefallen sind, haben sich dem lokalen Druck gefügt - wie etwa Vorarlberg, im Vorfeld der Wahlen. Das Land Wien hingegen weigert sich vehement, in FHs zu investieren und meint, dass die tertiäre Bildung Sache des Bundes sei. Der ist also unser Ansprechpartner. Im September 2008, als es zum Initiativantrag im Parlament kam, bestand die Möglichkeit, auch die FHs bei der Abschaffung der Studiengebühren zu berücksichtigen. Der entsprechende Gesetzestext ist in einer Schublade verschwunden.

STANDARD: Die Uni-Revolte der auslaufenden Dekade waren stets mit der Forderung nach dem freien Studium verbunden, was die Finanzierung wie auch die Wahl der Interessengebiete betrifft. Die FH-Studierenden und -Leiter solidarisierten sich teils mit dem aktuellen Protest. Studienplatzbeschränkungen seien aber nötig. Wie stehen Sie dazu?

Wallerberger: In der Debatte rund um Beschränkungen und Zugangsregeln gibt es viele Subdiskussionen. An der FH lauten die Argumente, dass man arbeitsmarktadäquat ausbilden müsse und nicht zu viele Spitzenkräfte in bestimmten Richtungen produzieren wolle. Der Bedarf des Marktes wechselt aber und hält sich nicht an die Erwartungen der Politiker. Zum anderen ist der heimische FH-Sektor im internationalen Vergleich unterentwickelt. Es gibt zu wenige Studienplätze - das ist der Grund für den massiven Andrang. In Wahrheit bräuchten wir einen Ausbau, um den Leuten, die in eine spezielle Berufsausbildung wollen, eine Chance zu geben.

STANDARD: In der Hochschuldebatte geht es auch darum, dass viele Leute nicht für das gewählte Studium geeignet seien ...

Wallerberger: Beschränkungen an der Medizin-Uni oder im BWL-Studium führen aber dazu, dass ähnliche Studienrichtungen einen problematischen Andrang erleben. Grundsätzlich wäre eine umfassende Strategie gefragt, die den Leuten aufzeigt, welche Studienmöglichkeiten es für ihre Interessen gibt. Der ÖH stellt das Wissenschaftsministerium für die Studienberatung der Maturanten leider nur 32.000 Euro zur Verfügung. Wenn die Schulabgänger durchwegs eine ernsthafte Beratung hätten, würden sich die Studienbeschränkungen auf eine reine Selbstselektion reduzieren.

STANDARD: Im Gegensatz zu den Unis erlebten die FHs nie wirkliche Studentenstreiks. Warum nicht? Ist das eine reine Frage der Mentalität?

Wallerberger: Die Organisation von Protestaktionen und Streiks liegt ein Stück weit in der Verantwortung der lokalen Studierendenvertreter. Die institutionalisierte Vertretung gibt es an den FHs erst seit zwei Jahren, das muss sich erst entwickeln. Auch momentan ist - mit Ausnahme der Situation im Audimax der Uni Wien - nicht alles basisdemokratisch organisiert, was im Protest geschieht. Nichtsdestotrotz betreffen die Forderungen auch massiv die Fachhochschulen, gerade was die Umsetzung des Bologna-Prozesses betrifft.

STANDARD: Wie sieht Ihre Kritik am Bologna-System aus?

Wallerberger: Die Umsetzung in Österreich ist katastrophal, man kann sich zum Teil nicht einmal Lehrveranstaltungen anrechnen lassen, die man im Ausland gemacht hat, weil ein halber ECTS-Punkt fehlt.

STANDARD: Die Proteste laufen jetzt seit zwei Monaten. Zu Beginn sagte Minister Johannes Hahn 34 Millionen Euro zu, seither gab es eher keine Erfolge. Politiker forderten bereits die gewaltsame Räumung von Hörsälen, die Bevölkerung steht der Revolte skeptisch gegenüber ...

Wallerberger: Diese 34 Millionen sind toll, aber sie sind nicht alles. Die bildungspolitische Diskussion, die ausgelöst wurde und auch auf andere Länder "übergeschwappt" ist, ist viel mehr wert.

STANDARD: Wie würden Sie Österreichs Hochschulsystem auf einer Skala von eins bis zehn beurteilen?

Wallerberger: Derzeit ist es vielleicht auf Stufe zwei oder drei. (Bernhard Madlener/DER STANDARD-Printausgabe, 19. Dezember 2009)

ZUR PERSON:

Thomas Wallerberger (22) studiert "Soziale Arbeit" (FH Campus Wien) und Politikwissenschaft (Uni Wien). Seit Juni ist er für die Fraktion engagierter Studierender (Fest) als FH-Studierendenvertreter im Vorsitzteam der ÖH-Bundesvertretung.

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