Unvergleichlich glühende Sonne

18. Dezember 2009, 16:35
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Jimi ist tot, Janis ist tot, aber Bob lebt und singt Weihnachtslieder - Und er lebt als Indiz dafür, dass man vom Gipfel auch wieder absteigen kann

Im ersten Moment erschrecke ich. Die Finger sehen arthritisch aus. Die Jacke mit Goldknöpfen spannt sich über einen Altherrenbauch.

Vom Cover der Chronicles hat er mir noch vor kurzem jenen vertrauten, neugierig misstrauischen Blick zugeworfen, in den ich mich 1977 am Lagerfeuer der Rock Dreams von Guy Peellaert und Nik Cohn verliebt habe. Ich erinnere mich auch noch genau an das Gefühl beim Erwachen im Fremdenzimmer eines Kärntner Bauernhofes, nachdem mich Bob Dylan im Traum geküsst hatte. Das war 1979. Wie soll ich nun dem Bild des mir seit dreißig Jahren Vertrauten begegnen?

Das Bestechende an dieser Serie ist es, ihren VerfasserInnen unter der Prämisse der Literarizität die Freiheit zu gewähren, sich selbst mit ins Bild zu nehmen. Das literarische ICH ist ja immer Fiktion, ganz gleich, wie sehr es sich - mehr oder weniger zufällig - mit autobiografischen Fakten decken mag. Und deshalb erzähle ich nun hier, anlässlich der Bildbeschreibung des alternden oder alten Bob Dylan, von meiner Freundin, die mir an ihrem sechzigsten Geburtstag offenbarte: "Das mit dem Sex ist vorbei, ich krieg keine Avancen mehr. Und ich kann das verstehen, ich möchte auch nicht mit einem Sechzigjährigen schlafen", um dann zu ergänzen: "Etwas anderes ist es, wenn du mit dem Sechzigjährigen schon dein halbes Leben zusammen bist. Da ist auch der Dreißigjährige, in den du dich verliebt hast, noch mit dabei."

Das Bild des Hobos

Ich verliebte mich in das Bild des Hobos, der da wie Winnetou an einem amerikanischen Lagerfeuer saß. Und nachdem ich über die unmittelbare Flutung von Glückhormonen beim Anblick und Klang des Vertrauten hinausgewachsen war, begann ich mich mangels Musikalität mit Dylans Lyrik zu beschäftigen. Bob Dylan ist der einflussreichste und wirkungsmächtigste Lyriker der Moderne. Damals hätte ich Heinrich Detering wahrscheinlich zugestimmt. Es war die k. u. k. Zeit, als man zwischen dem Kaiserbründl und dem Kleinen Café nach Ixtlan reiste und mit einer Hand zu klatschen versuchte. "Yonder stands your orphan with his gun, Crying like a fire in the sun." Dein Stiefkind schultert drüben sein Gewehr und schreit zur Sonne wie ein Flammenmeer. Alles drin. Von Presleys Ghetto bis zu Bretons surrealem Akt. Schreien, brennen, abfeuern. Allerdings elegant vorbeiformuliert und mit vielen Bedeutungszwischenräumen zum selber Ausfüllen.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich brauche nur schlampig hinzuhören, und schon verstehe ich Springtime of Fall, wo Dylan eigentlich Springtime or Fall singt und hab das Puzzleteilchen, das ich suchte. Frühherbst. Vorbei mit schreien, brennen, abfeuern. Gut, dass die Mittagshitze nachgelassen hat. Die Bilder des gegenwärtigen Bob Dylan oder des realen alten Mannes, der den Mythos Bob Dylan verkörpert, sind Bilder einer Sonne, die nicht vom Himmel gefallen ist, sondern Beyond the Horizon ein unvergleichliches Glühen hervorbringt.

Bob Dylan wird sterben, prophezeien diese Bilder.

Forever Young ist ein frommer Wunsch geblieben.

Aber war es je etwas anderes? Die Konditionen (wenn du ...) und Imperative (du sollst ...), die in der österreichischen Übersetzung das Versprechen der ewigen Jugend einläuten, sucht man im Original vergeblich. Und es ist nicht sicher, ob diese Bedeutungsverschiebung Reim und Rhythmus geschuldet oder Ausdruck einer naiven Selbstüberschätzung ist, die dieser Generation den Beinamen Raffzahn eingetragen hat.

FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher rief gar zu einem "Komplott gegen den biologischen und sozialen Terror der Altersangst auf" , denn "theoretisch, sagen die Wissenschafter, theoretisch kann jetzt der Mensch 700 Jahre alt werden." Bunte Gazetten versorgen uns mit Zerrbildern ihrer selbst, die mit eingezogenem Bauch auf Silikonpölsterchen am Strand von Koh Samui oder am Wörthersee sitzen und nachts wegen überdosiertem Veltliner- oder Viagrakonsum einen Noteinsatz verursachen, die Nachrichten warten mit Statistiken über die Unfinanzierbarkeit der Pensionen und Pflegebatterien auf, und die Gegenwartsliteratur redet uns ein, dass sich alle, die noch beflissen an der Wirtschaftskurbel drehen, spätestens mit dreißig vor der Dekrepitationsphase zu fürchten haben. Oder zumindest die meisten. Ute Bock scheint sich nicht zu fürchten. Und Bob Dylan auch nicht. Dürfen wir sie uns als glückliche Menschen vorstellen?

Verödete Region

Vor dreißig Jahren erregte ich mich in einer Theatergarderobe über einen Künstler, der gesagt hatte, für seine Frau seien die Kinder am wichtigsten, ihm hingegen ginge die Kunst über alles. Wie kann ein Werk jemals wichtiger sein als ein Mensch? Der Darsteller des alten Vater Miller wiegte zweifelnd den Kopf. Dieser Zweifel kommt auch mir allmählich.

Klar, wenn es brennt, sollte man zuerst die Menschen zu retten versuchen, dann die Tiere und zum Schluss vielleicht noch die Kunstwerke. Aber statt mit nahe oder fern Stehenden ohne Ende das alte Who's-who-Spiel zu wiederholen, zieht man eines Tages vielleicht vor, sich in Werke oder Aufgaben zu versenken.

Bob Dylans frommer Wunsch deckt sich mit Hesses Gedicht Stufen und mit Fausts Verachtung für das Verweilen. Er mahnt, sich nicht an den Kult um die eigene Person zu klammern, sondern den Stein am Rollen zu halten. Auch wenn es bergab geht.

Wer ahnte schon, dass Michael Jackson sterben würde, oder John Lennon, oder Heath Ledger?

"Das Altern, mit dem das Nicht und ,Un‘ unserer Existenz sich vorstellt und uns evident wird, ist eine verödete Lebensregion, bar jeden vernünftigen Trostes" , schrieb Jean Améry zehn Jahre vor seinem Freitod. Bei den meisten, die sich dieser verödeten Lebensregion entzogen haben, weiß man nicht, ob sie schon fallen wollten, als sie sich so weit aus dem Fenster lehnten.

Bob Dylan lebt als Indiz dafür, dass man vom Gipfel auch absteigen kann. Dass man sich weder die Haare färben noch Botox spritzen noch täglich sechs Stunden im Fitnessstudio schwitzen, sich vor der Welt verstecken oder verrückt werden muss. Die Erleichterung über das eigene Überleben, die Sigmund Freud dem Schmerz über den Tod eines anderen beigestellt hat, zählt ja beim Tod des Idols doppelt, tröstet sie doch zugleich über die narzisstische Kränkung durch die eigene Mittelmäßigkeit hinweg. Wenn schon nicht so begabt, geliebt, bewundert, dann zumindest noch bei Trost und lebendig. Und um auch für die Logik einen Anhaltspunkt zu haben, wird das Verhältnis gerne zur Kausalität erhoben. Weil.

Aber damit erschöpft sich das Erklärungspotenzial auch schon. "Whatever the reason, Someone's life has been spared bzw. there's always a reason, why someone's life has been spared." Je nachdem, ob man den Text googelt oder hört. Was auch immer der Grund gewesen sein mag, oder irgendeinen Grund wird es schon gegeben haben, dass man nicht aus dem Fenster gefallen ist, wundert sich Bob Dylan. Und ich wundere mich, dass mir anhand dieses Bildes zum ersten Mal auffällt, dass seine Nase genauso aussieht wie die von Thomas Gottschalk. Oder von Mike Krüger, über den ich mich auch einmal erregte, weil er nack nack nackig vor der Himmelstür phrasierte.

Wie kann man über den Tod so seichte Witze machen? Aber der Stein rollt/e weiter. Es gibt nichts, worüber man keine Witze machen dürfte. Nein! Keine Ausnahme! Nichts!

Bob Dylan bei Karol Wojtyla with God on his side, das war nur als Witz zu ertragen. Aber ob es damals auch als solcher gemeint war, ist inzwischen völlig bedeutungslos. Inzwischen darf man sich in den USA beim Kauf von Dylans karitativer Weihnachts-CD ein Video herunterladen, in dem er mit Langhaar(-perücke?) und Hut bzw. Zipfelmütze im Kreis hüpft und "Must be Santa Claus" singt. Könnte man sich Mick Jagger so vorstellen? Oder Paul McCartney?

Die Selbstdarstellung Bob Dylans steht in lässigem Widerspruch zur Ernsthaftigkeit, mit der der Nobelpreis für Literatur für ihn gefordert wird. Alfred Nobels Vermächtnis, nach dem von seinem Erbe ein Teil dem, der in der Literatur das beste in idealistischer Richtung geschaffen hat, zufallen sollte, enthält neben der ästhetischen eine klare ideologische Vorgabe.

Der Nobelpreis ist ein Weltverbessererpreis, der Positionen zu stärken und ins Licht zu rücken vermag, was sonst vielleicht übersehen würde, auch wenn das noch so hartnäckig bestritten wird. Ihn einer Pop-Ikone zu verleihen hieße Eulen nach Athen zu tragen, zumal sich Dylan selbst gegen die Vereinnahmung als Lyriker wehrt: Meine Texte hatten manchen Nerv getroffen, der noch nie zuvor getroffen worden war, aber wenn es in meinen Songs nur um den Text ging, warum hatte dann der große Rock- 'n'-Roll-Gitarrist Duane Eddy ein ganzes Album mit Instrumentalversionen meiner Songs aufgenommen?

Musikern war immer klar, dass es in meinen Songs nicht nur um den Text geht, aber die meisten Leute sind keine Musiker. Der Klappentext der Chronicles, denen dieses Zitat entnommen ist, siedelt Bob Dylans Prosa zwischen Raymond Chandler, Jack Kerouac und William Butler Yeats an und klopft damit auch an die Tür des Nobelpreiskomitees. Aber es ist wie mit dem Unterschied zwischen der Biografie als Roman und als Sachbuch. Während das eine sprachliche, ästhetische u. a. Zusammenhänge herstellt und dabei geschichtliches Material heranzieht, peppt das andere Fakten höchstens mit Anekdoten auf.

Bob Dylan schreibt in den Chronicles über Musik und flicht hin und wieder Persönliches ein, z. B. in welcher Situation sich seine Ex-Frau Sara die Augenbrauen nachzog. Apropos Ex. Neben einem Haufen anderer Sachen fand ich in meiner Dylan Kiste die Nr.7 des Dylan Magazins Zimmerman Blues aus dem Jahr 1977 und die deutsche Übersetzung eines Interviews, das Craig McGregor im April 1978 mit ihm geführt hatte. B: Weißt du, ich wäre glücklich, wenn ich den ganzen Tag Eisen klopfen könnte, zu einer dicken fetten Frau nach Hause gehen, was essen und dann pennen gehen könnte. Das ist mein Ideal von Glück.

C: Du meinst, für jemand anderen könnte das Glück so aussehen, aber nicht für dich.

B: Nein, es ist meine Vorstellung für mich. Ich bin immer noch offen dafür.

Wer weiß? Beyond the horizon, behind the sun, At the end of the rainbow life has only begun.

(Christa Nebenführ, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 19./20.12.2009)

Zur Person:
Christa Nebenführ, Studium der Philosophie in Wien und Stony Brook (USA), Mag. phil, Schauspielerin, Herausgeberin; lebt als Autorin und Publizistin in Wien. Zuletzt erschien der Roman: "Blutsbrüderinnen" . Milena Verlag, 2006.

  • "Man muss sich weder die Haare färben noch Botox spritzen noch sich vor
der Welt verstecken noch verrückt werden": Bob Dylan lebt uns die
schwierige Kunst des Alterns vor.
    foto: mark seliger

    "Man muss sich weder die Haare färben noch Botox spritzen noch sich vor der Welt verstecken noch verrückt werden": Bob Dylan lebt uns die schwierige Kunst des Alterns vor.

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