Halb Arbeiter, halb Kardinal

18. Dezember 2009, 16:33
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Der Schweizer Autor Max Frisch entwarf Skizzen über seine Begegnungen mit Bertolt Brecht: Proben großer Kunst der Physiognomik

Es hätte nicht viel gefehlt, und Max Frisch, der nachmalige Weltautor aus der Schweiz, wäre in die Belegschaft der Bertolt-Brecht-Firma aufgenommen worden. Als Brecht 1947 in der Zürcher Wohnung des Dramaturgen Kurt Hirschfeld an der Ausarbeitung eines Resolutionstextes über den Frieden mitwirkte, war Frisch als Schriftführer zugegen: "Brecht rauchte, ich machte den Sekretär."

Frisch, dem ein unbestechliches Auge eignete, blieb offenbar genug Zeit, den weltberühmten Emigranten genau zu taxieren: "Verfroren" nennt er den Dichter, "grau, still, schmal, wach, etwas verkrochen, ein Mann in der Fremde, die aber wieder seine Sprache spricht." Frischs Beobachtungen zeigen Brecht, den zeitweiligen Schweizer Städtebewohner, dem Europa durch Krieg und Faschismus fremd geworden war. Die welthistorische Perspektive ist beklagenswert: Brecht erscheint als der auf die lange Wartebank der Geschichte geschobene Dramatiker, den der "Anstreicher" (Adolf Hitler) um die verdiente Wirkung auf ein für seine neue Theaterästhetik empfängliches Publikum betrogen hatte.

Dabei macht sich Brecht (49) begründete Hoffnungen: Er ist der vergleichsweise gut situierte Flüchtling, der nicht mehr jung, aber beileibe noch nicht alt ist. Aber er ist immer noch nicht so weit, seine inzwischen weit reichenden Erkenntnisse über das Epische Theater endlich praktisch ausprobieren zu können: Er blickt sehnsüchtig nach Ostberlin.

Der Gestalt des Jahrhundertdichters eignet in diesen famosen Aufzeichnungen etwas Zerknittertes, um nicht zu sagen: Abgehaustes, etwas Unfreies und zutiefst Unausgelebtes. Frischs erstmals 1966 in Hans Magnus Enzensbergers Kursbuch veröffentlichte Erinnerungen an Brecht sind ein Schlüssel zum Verständnis eines Genies, das mit seinem angesammelten Kapital skandalös haushalten musste.

Brecht ist Sammler: ein Artist der Zuhörkunst, der sich in einer für ihn katastrophal veränderten Lebenswelt neu orientiert. Wer einmal die Erfahrung der Emigration bis zur Neige durchlebt hat, der wird immer ein Überlebenskünstler bleiben müssen. Der Zigarre rauchende Dichter im zerdrückten Arbeiterdrillich ist ein Mythos. Frisch jedoch durchschaut, wo er beschreibt - und er liebt und wertschätzt Brecht noch dann, wenn er den "plebejischen Kopf" mit dem unerschöpflichen Wissendurst als Machthaber durchschaut.

"Plötzlich, bei einem nächsten Zusammentreffen, hatte er wieder das Häftlingsgesicht: die klein-runden Augen irgendwo im flachen Gesicht vogelhaft auf einem zu nackten Hals." Der Nachsatz, gnadenlos verdeutlichend: "Ein erschreckendes Gesicht: abstoßend, wenn man Brecht nicht schon kannte." Ein weiterer Stoß: "Nichts von Kardinal, aber auch nichts von Arbeiter."

Wer käme da nicht von selbst auf den Gedanken, dass Brecht sich als "Städtebewohner" nach Belieben eine jener auch bürgerlichen Charaktermasken überzuziehen beliebte, die ihm halfen, seine multiple Existenz als Dramatiker, Dichter und Theaterpädagoge mit staunenswürdigem Geschick auszufüllen? Max Frisch, den von Brecht auch als Dramatiker mehr unterschied, als ihn jemals mit diesem hätte verbinden können, warf während einer kurzen Frist von gerade neun Jahren verblüffende Blicke auf die letzte epochale (deutsche) Dichterfigur.

Er schließt denn auch als Staunender: "Es bleibt rätselhaft, dass Brecht sich einen Stahlsarg verordnet hat." Sein Fazit: "Wir haben ihn nicht gekannt." Doch wir hatten Frisch, der einiges über ihn zu sagen wusste. (Ronald Pohl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 19./20.12.2009)

Max Frisch "Erinnerungen an Brecht" . Mit einem Nachwort von Klaus Völker. € 9,50 / 32 Seiten. Friedenauer Presse, Berlin 2009

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