Meister des Aufbegehrens

18. Dezember 2009, 16:33
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Der undressierbare Autor ist 80 - Suhrkamp legt zu diesem Anlass einen Band mit dem gesamten Prosawerk und allen Journalen auf

Er habe immer gehofft, sagte Paul Nizon vor einigen Jahren in einem Interview, seine Bücher würden sich im Leser öffnen, "wie sich japanische Papierblumen im Wasser öffnen". Und in seinem vorletzten Roman Hund. Beichte am Mittag heißt es, "Bücher müssen im Kopf des Lesers explodieren, auch wenn sie leise reden" . Filigranität und Leichtigkeit also, gepaart mit Wucht, oder einfach "einer der am wenigsten dressierten Schriftstellen, inmitten der zunehmenden Dressiertheit, Fremdgelenktheit der anderen; undressierbar" , wie Handke einmal schrieb.

Im deutschsprachigen Raum ist das anders als in Frankreich, wo Nizon seit 30 Jahren als "deutsch schreibender Pariser Autor mit Schweizer Pass" lebt und ein Star ist, nicht gut angekommen. Lange musste er nicht nur in der Schweiz auf Anerkennung warten. Auf die großen Preise wartet er bis heute. Das mag neben Nizons Vorliebe für Erotik (nach wie vor kein Kardinalthema der hiesigen Literatur)auch mit seinen Schreibthemen zusammenhängen. Das Erzählen linearer Geschichten hat er abgelehnt, von Anfang an. Es geht ihm nicht darum, das Leben zu erzählen, er will es im "Schönheitsflockengestöber" der Sprache fassen.

Obwohl Nizon oft von Selbsterlebtem ausgeht, sind seine Figuren "Fiktionen des Ich", und es gibt wahrscheinlich keinen deutsch schreibenden Autor, der so konsequent dem eigenen Leben auf der Spur ist. Einer Existenz, die mit Unterwegssein zu tun hat, immer wieder mit Liebe, Verzauberung, mit Wandlung und der elementaren Einsicht einer nirgendwo festzumachenden Zugehörigkeit. Stets handeln Nizons Bücher vom Kampf des Schriftstellers um den Roman, von totalem Einsatz, vollständiger Einsamkeit, vom Überdauern und Resistieren und - wie die großen Mythen - vom schrecklichen Glück des Sich-Findens.

Begonnen hat alles 1959, als der 30-jährige Nizon, Sohn eines russischen Emigranten und einer Bernerin, mit seinem flirrenden Erzählband Die gleitenden Plätze die literarische Bühne betrat. Er hatte Kunstgeschichte studiert, über Van Gogh promoviert, war Halbtagsassistent am Berner Kunstmuseum und Vater zweier Kinder, ein drittes sollte bald folgen. Das Buch war wohlwollend aufgenommen worden, und vier Jahre später, Nizon war gerade zum leitenden Kunstkritiker der NZZ aufgestiegen, erschien dann bei Suhrkamp Nizons Zweitling Canto (1963), ein Vater- und Rom-Buch.

Der Band, in den nicht nur Siegfried Unseld allergrößte Hoffnungen gesetzt hatte, wurde ein katastrophaler Misserfolg. Das Buch lag formal, thematisch - vor allem durch seine radikale Subjektivität, die Lobpreisung der Sexualität und Sätze wie "mein Platz unter der Sonne ist im Nachtlokal" - völlig quer in der damaligen Literaturlandschaft, in der vom Schriftsteller politisches Engagement eingefordert wurde. Damit konnte Nizon dienen. Er will es bis heute nicht.

Der Entschluss aber, sein Leben auf die Karte des Schreibens zu setzen, war gefallen. Die lukrative Anstellung bei der NZZ hängte er an den Nagel und warf alles in die Waagschale: Familie, Sicherheit, bürgerliche Existenz. Viele Bilder, die Künstlerfreunde ihm geschenkt hatten, musste er verkaufen, um weiterschreiben zu können. Acht Jahre sollte es dauern, bis das nächste Buch Im Hause enden die Geschichten (1971) erschien. Es folgten die Erzählung Untertauchen (1972), in der einem Mann auf einer Barcelona-Reise seiner bürgerliche Existenz abhanden kommt, und der Roman Stolz (1975) um die Ich-Gefangenschaft des titelgebenden Helden, der nicht zufällig an Büchners Lenz erinnert. 1977 kehrte Nizon dann dem "Hinterland Vaterland" mit seiner "Graue-Socken-Stimmung" den Rücken, um die großen Paris-Romane Das Jahr der Liebe (1981), Im Bauch des Wals (1989), Hund. Beichte am Mittag (1998) und seinen bislang letzten Roman Das Fell der Forelle (2005) zu schreiben.

Nizons relativ schmales, aber gewichtiges Werk wurde in den vergangenen Jahren durch vier Auswahlbände seiner Journale - den Begriff Tagebücher lehnt Nizon ab - ergänzt, welche die Jahre 1961 bis 1999 abdecken. In diesen Journalen, die Nizon immer als integralen Teil seines Werkes betrachtete, wechseln sich Notate, Traumprotokolle, Lektüreeindrücke, programmatische Überlegungen zum Schreiben mit Geschichtenskizzen und Bewusstseinssplittern ab. Persönliches bleibt mit Ausnahme einiger Hinweise auf Freunde und Nizons Trauzeugen Elias Canetti fast vollständig ausgespart.

Vieles aber, was in der Abfolge von Nizons Werken erst langsam sichtbar werden wird, ist in diesen literarischen Diarien in nuce angelegt. Das strikte Beharren auf der sinnliche Wahrnehmung etwa, auf eine private, schwebende und poetische Sicht der Dinge, die sich allen modischen, gesellschaftlichen und politischen Werten verweigert und das Ereignis des Lebens und seine Vergänglichkeit feiert. Seit kurzem liegen nun das gesamte Prosawerk Nizons (leider ohne die Prosaminiatur Im Auge des Kuriers) samt aller Journale in einem wohlfeilen Suhrkamp-Quarto-Band vor, den man nicht nur zu Weihnachten wärmstens empfehlen muss.

Die Freiheit, schrieb Voltaire, sei das einzige Gut, das sich abnütze, wenn man es nicht verwende. Ähnlich bei Nizon, für ihn ist die Passion das einzige unzerstörbare Eigentum des Menschen. "Ja, mir geht's beim Schreiben ums Leben" , notiert er an Weihnachten 1971, und obwohl seine Bücher "dem Dunkel und der Melancholie" abgetrotzt sind, lösen sie ihren Anspruch ein, die "Gesamtheit des Lebens mit seiner ergreifenden Schönheit und seinem unerhörten Glanz" darzustellen. "Ich bin nicht hier und dort und anderswo. Ich bin nur hier" , schreibt er im Bauch des Wals. "Ich kann es nicht sagen mein Vater, vielleicht kann ich's reisen" heißt es im Canto. Gegenwärtig sein, unterwegs sein, alles wie zum ersten Mal wahrnehmen - oder wie zum letzten Mal. Heute, Samstag, feiert Paul Nizon in Paris seinen 80. Geburtstag. Er ist einer, der sich, wie Samuel Moser im brillanten Nachwort zum neuen Quarto-Band schreibt, "nicht einfangen ließ. Früher nicht, jetzt nicht, nie." Ein Canto auf ihn, ein Canto. (Stefan Gmünder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 19./20.12.2009)

Paul Nizon, "Romane, Erzählungen, Journale". € 30,90 / 1488 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009

  • Einer, der sich nicht einfangen ließ: Paul Nizon.
    foto: suhrkamp

    Einer, der sich nicht einfangen ließ: Paul Nizon.

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