Das Keks ist eine richtige Sau

18. Dezember 2009, 14:22
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Die üblen Tücken des Kleingebäcks

Ich hasse Kekse. Ich hasse Kekse, weil ich Kekse liebe, diese Liebe aber nicht ausleben kann. Wenn ich diese Liebe auslebte, würde ich im Jänner durch die Redaktion rollen wie eine riesige runde Rumkugel, völlig unzumutbar für die Kollegen. Ich bin nicht der Einzige, der an Keks-Schizophrenie leidet. Die Frauenzeitschriften drucken seitenweise Keksrezepte ab und warnen seitenweise davor, Kekse zu essen. Weil: Kekse sind die fiesesten Fettmacher, der ultimative Kalorienirrsinn, das Nahrungsmittelböse schlechthin.

Drastische Vergleiche gehen um. Zehn Kekse haben den kalorischen Gegenwert von einem Schweinsbraten. Zwanzig Kekse, und Sie könnten auch eine Weihnachtsgans einschneiden. Dreißig Kekse, das ist, als spachtelte man auf einen Satz den nächsten Würstelstand leer. Im Handumdrehen hunderttausend Kalorien: Das Keks ist eine richtige Sau.

Keksbacken ist die Kunst, die größte Kalorienanzahl auf kleinstem Raum unterzubringen. Jedes Keks besteht aus einer maximalen Verdichtung von Fett und Zucker. Um von ihrem hochkalorischen Wesenskern abzulenken, tarnen sich die Kekse unter verharmlosenden, Vielfalt und Leichtigkeit vortäuschenden Namen ("Zimtsterne", "Mandelbögen" usw.). Man beachte die hinterfotzige Verkleinerungsform im "Vanillekipferl" (55 Kalorien) oder den unpassenden erotischen Unterton im "Kokosbusserl" (31 Kalorien). Wenn der Gesundheitsminister einmal ernsthaft gegen die Keksgefahr vorgehen sollte, wäre der erste Schritt eine Verordnung, dass die Dinger bei ihrem wahren Namen genannt werden müssen: Nicht "Linzerauge" oder "Husarenkrapferl" , sondern "Fetter Schmierer" , "Feister Pracker", "Speckiger Wascher" und so fort.

Verheerend wirken sich Kekse im Zwischenmenschlichen aus. Zu jeder Kekszeit blühen Sadisten auf, die einen Heidenspaß daran haben, ihre Mitmenschen brutal zu mästen. Klassische Nötigungsformel: "Wenn Sie die nicht kosten, rede ich kein Wort mehr mit Ihnen. Die hat mir meine Gattin (meine Mutti, mein Psychiater, meine Lieblingsprostituierte...) selbst gebacken".

Klassische Abwehrmethoden: a) Für Selbstbewusste: einfach "Essen Sie Ihre Fettklötze doch selbst" sagen. b) Für Schüchterne: die Kekse annehmen, aber nicht schlucken, sondern heimlich in den Backentaschen verstauen und später in den Mülleimer spucken. Vier bis fünf "Kokosbusserln" pro durchschnittlicher Backentasche sollten sich eigentlich ausgehen. (Christoph Winder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 19./20.12.2009

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