Rundschau: Monströs!

Josefson, 1. Mai 2010, 12:53
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coverfoto: macmillan

David Marusek: "Mind Over Ship"

Broschiert, 320 Seiten, Tor Books 2010.

"We live in a boutique economy now. Energy is abundant and cheap. Mentars and robotic labor make and manage everything. So who needs people? People are so much dead weight. (...) I think we can all agree that Corporation Earth is in need of a serious downsizing." - Und genauso herzlos wie hier geäußert wird die Wirtschaft in den United Democracies der Erde auch gesteuert. Wie schon in seinem Roman "Counting Heads" (hier der Rückblick) zeichnet der großartige David Marusek auch in der Fortsetzung "Mind Over Ship" ein überwältigendes Panorama der Welt im Jahr 2135 - oder besser gesagt Welten, Plural: Der der superreichen affs, ihrer Pläne und Intrigen - und der der geklonten iterants, die sämtliche Dienstleistungsarbeiten erledigen und die Auswirkungen dieser Pläne am eigenen Leib zu spüren bekommen: Das "Upstairs, Downstairs"-System, angewandt auf die Science Fiction.

Marusek zwingt den Leser zu ständiger Umorientierung, wo die "eigentliche" Haupthandlung verläuft. Wie ein Wirtschaftskrimi aus der High Society liest es sich, wenn die Besitzerin des Klon-Konzerns Applied People ihre Marktanteile an den Konkurrenten Capias World verliert. Ein Gesicht bekommt das Ganze aber erst, wenn der altgediente Sicherheitsspezialist Fred Londenstane aus der Applied People-Klon-Linie der russes einen Job auf einer Raumstation antritt, wo ihm die neue Capias-Konkurrenz der donalds - besser für Arbeiten in der Schwerelosigkeit adaptiert und gleichzeitig ein Stückchen weiter vom herkömmlichen menschlichen Erscheinungsbild abgerückt - einen wahren Spießrutenlauf in Form eines Spucke-Regens beschert: Es sind solche kleinen Szenen, die die großen im Roman beschriebenen Trends anschaulich machen und betonen, dass Marusek stets eine sehr, sehr menschliche Perspektive einnimmt. Was bei einem derart fortgeschrittenen Grad an Transhumanität eine Leistung für sich ist: Siehe etwa das nanotechnologische nitwork - man stelle sich einfach vor, von der Darmflora bis zur omnipräsenten Feinstaubbelastung wäre alles Bestandteil eines weltumspannenden Kommunikationsnetzwerks. Nicht zu vergessen die im vorigen Band zu Tode gekommene Unternehmerin Eleanor Starke, die nun als wahrhaft transhumane Existenz weiterlebt - in einer Form, die man so g-a-r-a-n-t-i-e-r-t noch nicht gelesen hat. Auch wenn ihr selbst die neue Existenzform nur ein nüchternes "I am alive but currently between bodies" entlockt.

Eine ganz andere Gegenüberstellung als die zwischen Ober- und Unterschicht bietet gleich zu Beginn eine Passage  in ebenso zynischer wie wunderschön durchgeführter Weise. Ein neu hergestellter mentar, also eine künstliche Intelligenz, muss zu sich finden: Lyra. Die Klon-evangeline Mary und einige Krankenschwestern unterstützen Lyra dabei und betonen, wie wichtig eigene Entscheidungen für die Persönlichkeitsentfaltung sind. Gleich darauf werden sie von einem Arzt instruiert, wie sie mit ihrer menschlichen Patientin Ellen - Eleanor Starkes Tochter, die beinahe demselben Unfall zum Opfer fiel wie ihre Mutter - zu verfahren haben: Unerwünschte Gedankengänge in Ellens sich neu "verdrahtendem" Gehirn sollen unterbunden werden. Dazu drückt man den Schwestern kleine clickers in die Hand, die sie bei jeder falschen Äußerung Ellens betätigen müssen. Ganz wie im Hunde-Training.

Den großen Rahmen für die Handlung von "Mind Over Ship" liefert das bereits im Vorgänger-Roman erwähnte Garden Earth Project, das der Wiederbegrünung der übervölkerten Erde dienen soll: Im Austausch für Land erhalten dessen EigentümerInnen Platz auf Kolonieschiffen, die in andere Sternensysteme geschickt werden sollen ... bis es sich die Projekt-TeilhaberInnen anders überlegen, weil orbitale Weltraumhabitate mehr Kohle einbringen könnten. GEO-Mitbegründer Merrill Meewee hat in der Folge alle Hände voll zu tun: Zum einen mit der totgeglaubten Eleanor, die ihm aus ihrer nicht zu fassen kriegenden neuen Existenzform ständig geisterhafte Botschaften übermittelt. Und zum anderen damit, KolonistInnen in spe gegen den Vertragsbruch seiner GEO-PartnerInnen zu mobilisieren. Ein bunter Haufen kommt da zusammen: Eines der Schiffe hat eine Sekte gebucht, ein anderes eine Ansammlung von Klonen prominenter affs, die als deren Organspender oder Bodydoubles vorgesehen waren, durch technisches Missgeschick aber zu eigenem Bewusstsein gelangten.

Einmal mehr erweist sich hier Maruseks Vermögen, eine Grundidee bis zu ihren bizarrsten Folgeerscheinungen weiterzudenken. Und das gilt sogar für die Ideen anderer: Die hehren Visionen eines Hugo Gernsback werden hier zur Karikatur, wenn sich auf den automatischen Laufbändern zwischen den urbanen Gigatowers eine kleine Fehlfunktion einschleicht und tausende PassantInnen zu einem rotierenden Chaos zusammengequetscht werden, das fliegende Roboter mit Sedativa besprühen. Schlicht unüberbietbar aber bleibt die von Marusek ersonnene Möglichkeitenpalette an körperlichen und in den Realraum projizierten virtuellen Existenzformen, die einander so durchdringen, dass sie eine vollkommene Neudefinition des Ortssinnes erfordern.

Alles ist möglich? Nicht ganz. Wer "Counting Heads" gelesen hat und sich nun wundert, wo die dritte Handlungsebene um die charterists abgeblieben ist: Marusek hat sie kurzerhand gestrichen. Ursprünglich aus einem rein erzählerischen Dilemma heraus, dann jedoch mit Vorsatz, wie er in einem Interview erklärte. Charterists sind der dritte Zweig der Menschheit; weder superreich noch geklonte DienstleisterInnen, verkörperten sie die Mittelschicht - und für die ist in der sich weiter und weiter wandelnden Gesellschaft einfach kein Platz mehr. Mary bringt es auf den Punkt: Capitalism was a marvel, as long as you were a capitalist. - Übrigens ist beim neugegründeten Golkonda-Verlag eine Übersetzung von David Maruseks früheren Werken ins Deutsche angedacht. Wird spannend sein zu sehen, wie da die Fülle an Neologismen gehandhabt wird, die Marusek mit größter Selbstverständlichkeit verwendet und die entscheidend zu dem ungeheuer authentischen Eindruck beitragen, den die von ihm entworfene Welt vermittelt. Alle, die sich von Englisch nicht einschüchtern lassen, können "Mind Over Ship" derweil immerhin in der günstigeren Paperback-Version erwerben, die vor einem Monat erschienen ist. Einmal mehr: Großer Autor, große Empfehlung!

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17 Postings

Der Fall des Imperiums kann ich leider nciht empfehlen! langweilige, vorhersehbare story, vermeintlich intelligente Manöver hätte sich selbst ein kind ausdenken können. die liebesstory ist seicht und hat etwas von "reich und schön" an banalem kennen lernen einerseits, und eigenartigen (weil unlogisch, aber trotzdem vorhersehbar) wendungen. ich fühlte mich beim lesen in meiner intelligenz beleidigt.

jennifers ende der gezeitensternsaga

ist einfach nur schwach.

so kann man den guten gesamteindruck von 1000 seiten in nur wenigen seiten völlig zerstören.


es ist nicht stimmig. es passt nicht. es ist grauenhaft unlogisch: die story hält nicht!
(kann man aber nicht erklären ohne zu spoilern)

obwohl josefson sich bemüht die serie in schutz zu nehmen: das war nix, finger weg von der ganzen reihe. lohnt die zeit nicht.

oder eben das ende nicht lesen. :)

was mir bei der aufzählung fehlt...

wäre "Changes", 12. Teil der Dresden Files von Jim Butcher...

Sean Williams

Ich weiß nicht, ob ich Sean Williams noch eine Chance geben sollte. Das hier angesprochene Buch klingt zwar nicht schlecht, aber "Saturn Returns" hat mich doch so sehr enttäuscht, dass ich eigentlich nichts mehr von ihm lesen/hören wollte.

Exzellente Rundschau wieder mal!

Sean Williams...

... auf jeden Fall eine Chance geben! Ist ein großartiger Roman, mal etwas anderes. Hat mir wirklich gut gefallen, weil Williams in Unmengen von Details der Mythologie wütet und dabei spannend bleibt...

danke!

wiedermal.

zum glück kann mein chrome-plus per rechtsklick direkt in die amazon-suche springen, so geht das bestellen ganz ganz schnell ;)

ps: ein kleines erfolgserlebnis ist auch, wenn man tatsächlich mal ein buch im voraus ist...

Frage zu Marusek...

Kann mir jemand sagen, ob "Mind over ship" eine Fortsetzung von "Counting head" ist. Oder ist es egal welches der zwei Bücher man zuerst liest? THX

Redaktion derStandard.at/Kultur
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Ja, es ist die direkte Fortsetzung von "Counting Heads".

Da waren ja gleich drei guten Bücher dabei - bedankt! Und sogar "Der Fall das Imperiums" ist nach dieser Rezension eine Überlegung wert - mich hat der Klappentext gewaltig abgeschreckt.

Habe dies hier zum ersten Mal überhaupt gelesen und prompt gleich das erste Buch bei Amazon bestellt. Wirklich sehr interessant, diese Abteilung.

Es ist immer dasselbe mit der "Rundschau", erst denkt man sich: "Schaumer mal kurz rein, was es neues gibt" und dann kann man erst wieder aufhören, wenn man alles bis zur letzten Zeile verschlungen hat.

Sehr gelungen und den Leseappetit anregend, das alles...

Danke für das Versüssen der letzten Arbeitsstunde.

Daanke für einen sehr interessanten neuen Teil :)

@Waldorf:

Du hinkst hinterher ? Ich hab nicht mal genug Geld um mir die Bücher zu kaufen :D

Naja, ich habe sonst keine teuren Hobbys. Da sind 3-4 Bücher im Monat vertretbar. Leider fehlt mir Momentan etwas an Zeit und Lust.

Bin gerade furchtbar von Peter F. Hamiltons "Im Sog der Zeit" enttäuscht worden. Brauchte 3 Wochen um das Teil zu lesen, so öde ist das Ding. Für den Meister der Space Opera etwas schwach.

Danke, ...

... "Monster Kontrolle" ist schon bestellt.

Und was die "dramatische Vollendung einer royalen Geschlechtsumwandlung" betrifft, die habe ich schon gelesen. Sehr gelungen, vor allem dass nach der Enthüllung (räusper) nicht gleich zu "und sie lebten glücklich..." gesprungen wird - Realismus schadet nie.

Endlich!

Würde ich diesmal nicht sagen. Habe nicht mal die Bücher von letztens durch. *hinterher hinkt*

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