Rundschau: Monströs!

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coverfoto: otherworld

Sean Williams: "Die Spiegelzwillinge"

Broschiert, 575 Seiten, € 15,95, Otherworld 2009.

Huiuiui, hab ich da falsch gelegen. Aus irgendwelchen Gründen kam ich auf die Idee, dass dies hier ein Jugendbuch wäre. Stattdessen handelt es sich um einen in jeder Beziehung fantastischen Trip, der in höchste Höhen und tiefste Tiefen führt wie Moebius' "Incal"-Reihe, der er auch in der Vorliebe für Dualitäten ähnelt - und der in ein gleichermaßen die Realität umstülpendes Finale münden wird. Ein trotz abgeschlossener Handlung vorläufiges Finale, immerhin ist dies "nur" der Auftakt einer Tetralogie, der "Bücher des Kataklysmus": Das bislang aufwändigste Werk des australischen Autors Sean Williams, der es in relativ kurzer Zeit zu einer Reihe von Auszeichnungen und einem erstaunlich umfangreichen Schaffen gebracht hat; selbst wenn man seine Beiträge zum "Star Wars"-Universum nur halb rechnet. Hier ist Williams jedenfalls zur Hochform aufgelaufen.

Im Brennpunkt aller Ereignisse steht ein junges Zwillingspaar, Seth und Hadrian Castillo. Sie sind eineiige, aber seitenverkehrte "Spiegelzwillinge" - eine Variante, die nur ganz genauen Betrachtern oder einem Anatomen auffallen würde; bei Hadrian sitzt sogar das Herz auf der rechten Seite. Als Rucksacktouristen trampen die beiden jungen Aussies durch Europa. Unterwegs haben sie die gleichaltrige Ellis, ebenfalls aus Australien, aufgegabelt, was eine Dreierkonstellation von einiger zwischenmenschlicher Brisanz (und noch ungeahnter Bedeutung) ergibt. Viel wichtiger zunächst aber derjenige, der die drei seit einiger Zeit verfolgt und sie in Stockholm schließlich stellt. Dessen Worte bleiben seltsamerweise unübersetzt - für alle diejenigen, die nicht zufällig am Polarkreis studiert haben: Der entscheidende Satz, als der Fremde Seth tötet, bedeutet "Das macht für Yod keinen Unterschied!". Trost wäre das aber ohnehin für keinen aus der nun gesprengten Trinität. Was sie noch nicht wissen, ist, dass der Mord einen lange erwarteten Mechanismus in Gang gesetzt hat: Der Kataklysmus beginnt.

Hadrian, beim Attentat ebenfalls verletzt, wacht im Krankenhaus auf und wird von einem sehr seltsamen Ermittler befragt. Vage Eindrücke von Stromausfällen und Verkehrszusammenbrüchen schaffen eine bedrohliche Atmosphäre: Randerscheinungen der anstehenden Umwälzung. Den eigentlichen Untergang verschläft er wie vor ihm Jim in "28 Days Later" und vor diesem William Masen in den "Triffids". Schon ab dem nächsten Erwachen ist panische Flucht angesagt - ein gnomenhaftes Wesen namens Pukje wird dabei zu Hadrians erstem Führer durch eine menschenleere Stadt und Welt. Später schließt sich ihm sogar eine veritable Gottheit der Antike an, die mit der Moderne bislang aber recht gut zurecht kam: Als Göttin der Urbanität kurvt Kybele in einem Boliden, der aus Aphex Twins "Windowlicker" entsprungen sein könnte, durch die Straßen dessen, was nicht länger Stockholm oder Rio oder Peking ist, sondern eher ein Jungscher Archetypus der Stadt an sich. Die herkömmliche Geografie löst sich auf, der Kataklysmus schreitet voran.

Auch für den getöteten Seth ist die Reise aber noch lange nicht zu Ende: Durch die Leere zu treiben lässt sich mit seinen Vorstellungen vom Jenseits noch vereinbaren - nicht aber, auf eine kopfunter hängende Ruinenlandschaft voller metallischer Dämonen zu prallen, die sich in der Folge als die "Außenseite" einer fantasmagorischen Hohlwelt entpuppen wird: Das Zweite Reich, wie Seth erfahren wird, denn auch er erhält in Form des Stachel- und Klingen-bewehrten Xol, der einst ein Mensch war, einen kundigen Führer zur Seite gestellt. Von nun an laufen die Wege der beiden Brüder in den beiden Welten parallel; ihr gemeinsames Ziel muss es sein, den großen Plan, für den ihre Trennung Mittel zum Zweck war, zu durchkreuzen.

Die surrealen Welten, die Williams in beeindruckender Bildhaftigkeit heraufbeschwört, können sich mit denen eines R. A. Lafferty oder Christopher Priest messen - und dabei erweckt nichts den Eindruck, als wäre es reiner Willkür (oder der Imagination eines planlosen Autors) entsprungen. Stattdessen handelt es sich um ein Spiel mit komplexen Regeln, die anfangs noch unverständlich wirken mögen, dann aber immer deutlicher das dahintersteckende überaus exakte Gerüst erkennen lassen und sich schließlich zu einem hermetischen Ganzen vereinigen werden. Jede Person, jede Gruppierung, jede Handlung und jeder Gegenstand - alles ist bedeutungsbeladen und in einen Kontext eingepasst. Konsequent setzt Williams dabei von Anfang an auf Mythologisierung: Er baut ganze Ethnologien und Hierarchien mythologischer Wesen auf. Teilweise greift er dabei griechisch-römische, hinduistische, mesoamerikanische und unzählige andere Mythologien auf, teilweise erschafft er im Stil von Clive Barker oder H. P. Lovecraft eigene und verschmilzt beides zu einem erstaunlich stimmigen Ganzen. "Studiert denn heute niemand mehr Altphilologie?" wird Williams einmal aus dem Mund Kybeles seufzen, als Hadrian im Getümmel übernatürlicher Wesen die Übersicht verliert.

Apropos Lovecraft: Mit dessen Werken verbindet "Die Spiegelzwillinge" (im Original: "The Crooked Letter") nicht nur der oberflächliche Umstand, dass es um das Eindringen eines archaischen Gottmonsters namens Yod in unsere Welt geht, die Gemeinsamkeiten reichen tiefer. Denn soviele Gottheiten auch im Spiel sein mögen, religiös ist die Grundausrichtung des Romans nicht. Wenn Kybele von den Göttern und deren Plänen erzählt, dann tut sie dies mit dem Vokabular der Biologie, spricht von Nahrungsketten, Wettbewerb, Artenvielfalt und den wiederkehrenden Mustern des Lebens, denen auch überirdische Wesenheiten unterworfen sind. Wie bei Lovecraft ist hier keine lenkende (und schon gar keine gütige) Hand im Hintergrund zu erkennen, es geht ganz darwinistisch um die Evolution immer neuer Generationen von Wesen und ihren erbarmungslosen Kampf um Ressourcen: "Wenn man stillsteht und auf einen Heiligenschein wartet, wird man gefressen." - Ein beeindruckender Auftakt; der nächste Band wird im September unter dem Titel "Die Blutschuld" erscheinen.

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